Reise

Eine Kohlfahrt, die ist lustig

Zwei Teams, ein Bollerwagen und etwas zum Aufwärmen von innen – das braucht man für eine Kohlfahrt. Danach wird eingekehrt: Es gibt Grünkohl mit Pinkel.

Stopp!“, ruft es von hinten. Die Gruppe bleibt stehen, gespannt, was jetzt wohl passiert. Claudia, die die Ausfahrt mit organisiert hat, taucht unter der Plane des Bollerwagens ab und kommt gleich wieder mit einem großen blauen Stoffwürfel zum Vorschein. „Jeder darf würfeln. Für die Sechs gibt’s eine Belohnung, wer eine Eins hat, muss den Bollerwagen ziehen. Das Team mit den dunkelblauen Erkennungsbändern beginnt.“

Marc fängt an. Der Oldenburger hat gleich zwei blaue Bänder um den Hals. An einem baumelt, wie bei allen anderen auch, ein kleiner Plastikeierbecher, am zweiten ein „Pinnchen“, ein kleiner gläserner Schnapskrug. Daran erkennt man den Profi-Kohlfahrer. Ins „Pinnchen“ kommt die Belohnung in Form eines Korns, einem klaren Schnaps aus Getreide. Der Würfel eiert auf dem Kiesweg entlang, der durch den Oldenburger Schlossgarten geht, und zeigt dann die Drei. Nachdem alle Kohlfahrer gewürfelt haben, werden die Punkte beider Teams zusammengezählt.

Mit viel Gelächter und Neckereien ist der Park bald durchquert. Der nächste Streckenabschnitt verläuft durch die Stadt. Zwischen Januar und März gehören gut gelaunte Wandergruppen genauso zum Stadtbild wie der Lappan, der ehemalige Glockenturm im Zentrum.

Grünkohl gibt es wohl überall auf der Welt. In Oldenburg ist das vitaminreiche Wintergemüse allerdings weit mehr als eine gesunde Mahlzeit – und so richtig lustig ist der Genuss bei einer traditionellen Kohlfahrt, die mit dem gemeinschaftlichen Essen abschließt. Bereits 1859, kurz nach der Gründung des örtlichen Turnerbunds, starteten die Sportfreunde die erste Kohlfahrt und kehrten nach einer Wanderung bei Grünkohl mit Pinkel ein, einer geräucherten, groben Grützwurst: Die Tradition war geboren.

Seit 1956 lädt Oldenburg alljährlich auch die politische Prominenz aus Berlin zu einem deftigen Grünkohlessen ein. In der niedersächsischen Stadt gibt es zwar keinen Karneval, aber dafür Kohlfahrten, und 2010 ernannte sich Oldenburg selbst zur „Kohltourhauptstadt“ der Nation. „Ursprünglich ‚boßelt‘ man den Weg“, erklärt Claudia den angereisten Verwandten aus Süddeutschland die heimischen Bräuche. Dabei werfen die beiden Mannschaften abwechselnd eine Kugel. Der Werfer schmeißt immer von der Stelle ab, wo die Kugel seines Vorgängers liegen geblieben ist. Wer die Strecke, die zwischen zwei und acht Kilometer lang ist, mit weniger Würfen schafft, gewinnt. „Ein Würfel ist praktischer. Der verschwindet nicht so leicht im Graben“, weiß die Oldenburgerin aus Erfahrung.

Immer wieder trifft man auf andere Kohlfahrer. Die jüngeren sind von Weitem zu hören – bei ihnen darf Musik nicht fehlen. Dann werden herzliche „Moin, Moin“ ausgetauscht, was so viel wie „Guten Tag“ bedeutet. Wer das dringende Bedürfnis nach einer Toilette verspürt, klingelt am nächsten Haus und erklärt seine Notlage. „Das ist hier ganz normal“, sind sich die Oldenburger aus der Gruppe einig.

„Halt!“, ertönt es von hinten. Dieses Mal stellen sich die Mannschaften hintereinander auf. Jeder bekommt einen Strohhalm und ein Streichholz, das in den Halm gesteckt wird. Der Erste beginnt und pustet mit aller Kraft das Zündholz aus dem Halm. Dort, wo das Hölzchen landet, pustet der Nächste aus der Gruppe. Nur langsam arbeiten sich die Teams voran. Wer am weitesten kommt, hat gewonnen. Jeder bekommt einen Schluck aus dem Eierbecher zum Aufwärmen. Das ist auch nötig, denn es hat zu schneien begonnen. Die Kälte kriecht durch die Kleiderschichten. Die „Oldenburger Palme“, wie das grüne Gemüse liebevoll heißt, wird mit Hafergrütze gebunden. Am besten schmeckt der Grünkohl am nächsten Tag – aufgewärmt. Neben dem Pinkel gibt es im Restaurant Zum Drögen Hasen, dem Ziel dieser Kohlfahrt, Kochwurst, Kassler und Kartoffeln. Wer keinen Bollerwagen besitzt, kann einen ausleihen, so wie auch das „Boßel-Set“.

Eine Grünkohlfahrt muss gut geplant werden. Obwohl es in und um Oldenburg viele Grünkohl-Lokale gibt, die neben dem Essen auch Musik anbieten, sind sie in den ersten drei Monaten des Jahres meist schnell ausgebucht. Wem Ideen für die Spielchen fehlen, findet auf dem Youtube-Kanal der „Kohltourhauptstadt“ genug Anregungen. Generell gilt: Erlaubt ist, was Spaß macht – ganz nach dem Motto der fröhlichen Unternehmung.