Reise

Eine Stadt erfindet sich neu

Archivartikel

Man nannte sie die hässliche Schwester von Stockholm und Kopenhagen – jetzt macht sich Oslo hübsch.

Die gelbe Linie darf man nicht überschreiten, da verstehen die norwegischen Gesetzeshüter keinen Spaß. Wer sich zum Beispiel ein Glas Wein an der Pintxos-Bar kauft, darf damit nicht einfach ein paar Schritte rüber zum italienischen Stand gehen und sich dort dazu ein Stück Pizza auf die Hand holen. Man muss den Wein bitte schön dort trinken, wo er gekauft wurde, also immer brav innerhalb der gelben Markierung bleiben. Auf dem Boden der Osloer Markthalle sind überall solche Linien aufgemalt. Jede begrenzt einen Alkoholausschank-Lizenzbereich. „Das ist vor allem für Gäste aus südeuropäischen Ländern immer sehr verwirrend“, sagt Frode Rønne Malmo, der Manager der Osloer Markthalle.

Wer sich an die Regeln hält, kann in Mathallen (so heißt die Halle auf Norwegisch) aber viel Spaß haben –trotz der strengen skandinavischen Alkoholgesetze. Die Markthalle ist so lässig wie der Borough Market in London, die Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg oder Mercado San Miguel in Madrid. An den dunkelgrauen Ständen wird überall gewerkelt und gebrutzelt. Es gibt spanische Tapas, ungarische Wurst, französische Macarons und natürlich norwegischen Fisch. Gegessen und getrunken wird an einem der Plätzchen dazwischen. Der eine Wirt hat einen großen, gemütlichen Gemeinschaftstisch aufgestellt, der andere eine Bar eingerichtet, der nächste Sofas hingestellt.

Das Stimmengewirr ist vielsprachig. Nach und nach entdecken auch Touristen die 2012 eröffnete Markthalle. Es spricht sich langsam herum, dass Oslo mehr zu bieten hat als die wuchtigen Backsteintürme des Rathauses, wo der Friedensnobelpreis verliehen wird, das königliche Schloss und die Schiffsmuseen auf der Halbinsel Bygdøy.

Auch Oslo hat seinen Prenzlauer Berg

Doch die meisten Besucher in Mathallen sind immer noch Einheimische. Kinderwagen und Buggys parken in zweiter Reihe, blondlockige Zwerge rennen fröhlich durch die Gegend, man kommt leicht miteinander ins Gespräch. „Meist sind es Leute aus der Nachbarschaft, die sich hier mit Familie und Freunden treffen“, sagt Frode Rønne Malmo. Die Preise sind für Osloer Verhältnisse - die Stadt zählt zu den teuersten Pflastern der Welt – einigermaßen moderat: ein Viertel Weißwein bekommt man für 100 Kronen, umgerechnet etwas mehr als zehn Euro. Jeder Stand muss mindestens zwei Gerichte unter 120 Kronen (12,40 Euro) anbieten. Das ist eine Bedingung des Betreibers. „Hier in der Gegend wohnen Menschen mit eher niedrigem Einkommen“, sagt Frode Rønne Malmo.

Niedrig ist eine relative Sache im steinreichen Norwegen. Jeder der nur etwa fünf Millionen Bürger verfügt rechnerisch über ein Vermögen von 193 000 US-Dollar. Denn die Öleinnahmen des Landes fließen in einen staatlichen Fonds, der kürzlich die Grenze von einer Billion Dollar durchbrochen hat. Den Norwegern geht es also ziemlich gut, die Arbeitslosigkeit strebt gegen null. Dennoch will Frode Rønne Malmo keine Luxusbude und keine Allerweltsketten. „Wir haben kürzlich eine Anfrage von Starbucks abgelehnt“, sagt er und grinst verschmitzt. Internationale Kaffee-Ketten gibt’s schließlich überall. Stattdessen sind ihm Leute willkommen, die noch nie irgendwo ein Restaurant hatten und keine Ahnung von Businessplänen haben. Einfach mal loslegen, lautet die Devise. Wahrscheinlich macht das den Charme aus.

Die Markthalle liegt am Rand des Szeneviertels Grünerløkka in einem früheren Industriegebiet. Erst standen hier Sägewerke und Papiermühlen, dann Textilbetriebe, später wurde Stahl hergestellt. Dann verfiel die Gegend, bis die Hipsterszene das nordöstlich des Stadtzentrums gelegene Quartier entdeckte. Aus Grau wurde Bunt: Inzwischen haben sich viele Künstler, Kreative, junge Familien angesiedelt. Man nennt Grünerløkka auch den Prenzlauer Berg von Oslo: Die gepflasterten Straßen sind voll von netten kleinen Boutiquen, Retroshops und Secondhand-Läden. Die Auswahl an Straßencafés rund um den Olaf Ryes Plass ist riesig. Darunter ist auch das berühmte Kaffeehaus des legendären Barista Tim Wendelbo, der mit seinem selbst gerösteten Kaffee sogar das weltberühmte Restaurant Noma in Kopenhagen beliefert. In den Straßen Thorvald Meyers Gate und Markveien reihen sich Bistros und stylishe Diner aneinander. Im nahe gelegenen Sofienbergparken und entlang der Akerselva kann man im Grünen spazieren gehen. Früher wohnte Oslos berühmter Maler Edvard Munch hier, heute die Sängerin Maria Mena.

Grünerløkka mit seiner Mischung aus farbig getünchten, schiefen Holzhäusern, Backsteingebäuden und Jugendstilfassaden bildet einen Kontrast zu den ebenfalls trendigen Vierteln am Wasser. Davon gibt es einige, denn Oslo schmiegt sich an eine weit geschwungene Bucht, die den 107 Kilometer langen Oslofjord abschließt. Auch am Fjord gab es ehemalige Werft- und andere Industrieanlagen, die nach und nach umgewandelt werden. Auf der westlichen Seite des Rathauses gibt es die norwegische Version der Hamburger Hafencity. Zuerst wurde Aker Brygge, ein eher kommerzielles Quartier mit Shoppingmall, Restaurants und Bars, fertiggestellt. Daneben entstand vor Kurzem Tjuvholmen. Ebenfalls moderne, mehrstöckige Bauten, kubisch, viel Glas. Doch hier ist es eher kunstsinnig mit vornehmen Galerien und Jachtanlegern, an denen man vorbeiflanieren kann. Dazwischen lockt das Museum für zeitgenössische Kunst Astrup Fearnley.

Östlich des Rathauses steht seit 2008 das berühmte Osloer Opernhaus. Bisher ziemlich einsam wird nun neben der Eisscholle aus Marmor fleißig gebaut. Hier in Bjørvika sollen 2020 das neue Munch-Museum und die Deichman’sche Bibliothek eröffnet werden.

Und hinter den vielen Baukränen kann man einen Blick auf ein bereits vollendetes Projekt erhaschen: Barcode nennt sich das Geschäftsviertel – es besteht aus langen, schmalen Designer-Hochhäusern. Wer die Skyline aus der Ferne vom Wasser aus betrachtet, fühlt sich an einen stein- und glasgewordenen Strichcode erinnert. Auch im für deutsche Geldbeutel empfehlenswerteren Grünerløkka kann man moderne Städtebauprojekte besichtigen. Auf dem Gelände der ehemaligen Eisengießerei Vulkan hat die Immobiliengesellschaft Aspelin Ramm einen neuen Stadtteil gebaut. Herzstück ist die Markthalle. Die industrielle Vergangenheit des Backsteinhauses kann man noch erahnen, wenn man an die Decke sieht: Hier finden sich noch original Eisenträger aus dem Jahr 1908. In Mathallen kann man sich nicht nur unter einem Dach durch die ganze Welt futtern, sondern auch einkaufen. Es gibt allerlei Delikatessen von norwegischen Erzeugern. Die darf man dann auch über die gelbe Linie tragen und sogar mit nach Hause nehmen.