Reise

Eine Stadt mit Biergeschichte

Per Kutsche brachten die Fuhrleute von Radeberg einst das Bier zu den Gasthäusern. Auch wenn die Stadt nun den 800. Geburtstag feiert, dreht sich alles ums Bier.

Das Pferdegetrappel muss schon von Weitem zu hören gewesen sein: wie ihre Hufe bei jedem Schritt auf dem Pflaster klackerten, wenn eine Kutsche herangerumpelt ist. Ein offener Wagen, beladen mit Bierfässern oder Flaschen, und auf dem Bock saß er: der Bierkutscher. Auf alten Schwarz-Weiß-Fotos sieht man Kutschen voll beladen durch die Straßen schaukeln, um das Bier an die Gasthäuser zu liefern. Noch heute rattern Bierkutschen durch Radeberg, die offene Kutsche aber haben sie gegen einen grünen Kastenwagen getauscht. „Radeberger“ prangt in großen Lettern darauf.

„Willkommen in Radeberg“, begrüßt Bierkutscher Ernst seine Gäste und tippt sich an die Mütze. Er hat viele Jahre als Fuhrmann für die Brauerei Radeberger gearbeitet, saß fast 40 Jahre auf dem Kutschbock, belieferte die vielen Gaststätten der Stadt. „Mein erster Arbeitstag liegt über 100 Jahre zurück“, sagt der Bierkutscher, dessen speckige Lederschürze im Sonnenlicht glänzt. „Sie sind erstaunt? Fragen sich, wie alt ist denn der Ernst? Bierkutscher Ernst ist Jahrgang 71“, sagt Michael Gregor. „1871!“, schiebt er nach einer Kunstpause nach. Der 64-Jährige lässt die Figur des Bierkutschers, mit Leinenhemd und Ledertasche, wieder aufleben. Der echte Ernst dagegen musste mit Erreichen des Rentenalters im Jahr 1936 und kurz vor seinem 40-Jahr-Kutscherjubiläum in den Ruhestand gehen, erzählt Gregor.

Das Bierbrauen hat in der Stadt 15 Kilometer östlich von Dresden eine lange Tradition. 1872 wurde die Radeberger Exportbrauerei gegründet, um 1900 gab es in Radeberg schon drei Brauereien – bei nur 13 000 Einwohnern. Aber sie hatten Erfolg. Das Radeberger Bier wurde bis weit über die sächsischen Grenzen verkauft. Es gehörte zu den ersten deutschen Bieren, die in die USA exportiert wurden. Im Jahr 1878 war das.

Ein Brauhaus gab es in Radeberg aber schon länger, hatte doch jeder Radeberger Braurecht, der ein Haus in der Stadt besaß. „Das Problem: Wenn alle zu Hause brauen, gibt es viel zu viel Bier“, erklärt Bierkutscher Ernst. Man richtete ein kommunales Brauhaus und den sogenannten Reiheschank ein. „Jeden Tag war jemand anderes mit Brauen dran“, sagt der Bierkutscher, „ausgeschenkt wurde in der guten Stube, die kurzerhand zur Schankstube wurde.“ Damit man wusste, wo man einkehren kann, wurde ein Strohbündel aus dem Fenster gehängt.

Strohbündel gibt es heute keine mehr, stattdessen wehen die Fahnen vor dem riesigen Brauhaus der Exportbierbrauerei. 70 Laster fahren jeden Tag vom Hof, bis zu 150 000 Flaschen werden hier abgefüllt - pro Stunde. Seit 1906 wird ausschließlich nach Pilsner Brauart gebraut. Tradition hat aber nicht nur das Radeberger, auch die Zusammenarbeit mit der Semperoper. Seit 1992 schon wirbt man bundesweit mit der Dresdner Oper für das Pilsner – dabei hat das Bier mit der sächsischen Hauptstadt nichts zu tun.

Bierkutscher Ernst folgt dem anderthalb Kilometer langen Bierpfad quer durch die Stadt, durch die Schlossstraße, die älteste Gasse der Stadt, zum Schloss Klippenstein. In der schlosseigenen Museumsböttcherei wird die historische Herstellung von Bierfässern gezeigt. Aber nicht alles in dieser Stadt dreht sich ums Bier, weiß der Bierkutscher. „Agathe Zeiss stellte 1884 hier den ersten deutschen Camembert nach einem Rezept aus Frankreich her und 1902 wurde die erste Mercedes- und später die Wartburg-Karosserie produziert“, sagt Ernst. Auch die erste deutsche Einbauküche, die „Eschebach Original-Reform-Küche“, stamme aus Radeberg. Und wer in der DDR einen Fernseher besaß, hatte ziemlich sicher ein Produkt vom örtlichen Hersteller VEB Rafena daheim. Und dann gibt es auch noch Hochprozentiges.

Vom Marktplatz aus stiefelt Ernst das Kopfsteinpflaster der Hauptstraße hinunter. Vor einem unscheinbaren Haus mit einer goldenen Sonne über der Tür bleibt er stehen. Es riecht süßlich, nach Kräutern und Lakritz. „Vor dem Essen, nach dem Essen, Radeberger Bitter nicht vergessen“, prangt auf einer alten Werbetafel für den Kräuterlikör. „Zu DDR-Zeiten war das echte Bückware“ sagt Ernst. So nannte man Dinge, die nur selten und schwer zu bekommen waren. Nur donnerstags gab es den Bitter. Ehepaare hätten Stunden in der Warteschlange kein Wort gewechselt, erzählt Ernst, „aber nicht, weil sie Streit hatten: So bekam jeder eine Flasche.“ Alte Fotos zeigen, wie die Schlange vor der 1877 gegründeten Destille mit jeder Stunde länger wurde. Betreiber Thomas Tiebel destilliert noch immer nach dem Originalrezept. Die Kräutermischung? Natürlich geheim. Nur den Zuckergehalt habe er reduziert, sagt Tiebel, Zucker sei – einst Zeichen für Wohlstand – schließlich kein seltener Rohstoff mehr. Vor mehr als 600 Jahren verlieh Friedrich IV. Landgraf von Thüringen und Markgraf zu Meißen 1412 den Radebergern das Stadt- und damit auch das Braurecht. Überlebenswichtig sei das gewesen, sagt Ernst schmunzelnd. Und Grund zum Anstoßen gibt es schon wieder: Radeberg feiert in diesem Jahr 800. Geburtstag. Na dann Prost!