Reise

Eine Stadt putzt sich heraus

Anlässlich seines 250. Geburtstags ehrt Bonn ein Jahr lang seinen berühmtesten Bürger: den Komponisten Ludwig van Beethoven. In den Museen, in den Konzertsälen und im öffentlichen Raum wird er nun im Mittelpunkt stehen. Dabei geht man nicht nur musikalisch neue Wege.

Er ist hörbar, sichtbar, erlebbar. Seine geniale Musik ist immer noch lebendig: Ludwig van Beethoven gilt als der meistgespielte klassische Komponist der Welt. Kein Wunder, dass seine Geburtsstadt mächtig stolz auf ihn ist und ihm zu seinem 250. Geburtstag ein besonderes Geschenk macht. Bonn gedenkt vom 16. Dezember 2019 bis zum 17. Dezember 2020 ein ganzes Jahr lang mit einem außergewöhnlichen Programm seines berühmtesten Einwohners. Auch deshalb gab es nun einen besonderen Ritterschlag: Der Reiseführer „Lonely Planet“ empfiehlt Bonn als Top-Urlaubsziel für 2020. Hinter Salzburg, Washington, Kairo und Galway liegt die ehemalige Bundeshauptstadt auf Rang fünf.

Im Fall des rosafarbenen Gebäudes in der Bonngasse lässt sich von außen nicht erahnen, welch wertvolle Schätze es beherbergt. Wer sich auf die Spuren des charismatischen Komponisten begibt, landet zwangsläufig früher oder später im Beethoven-Haus, wo ab 17. Dezember 2019 eine neu gestaltete und erweiterte Dauerausstellung zu sehen ist. Eines der berühmtesten Werke von Joseph Stieler aus dem Jahr 1820 begrüßt die Besucher. Es zeigt den stets ernst bis griesgrämig dreinblickenden Beethoven mit dem Manuskript der Missa solemnis. Nur wenige Meter weiter ist eine Viola ausgestellt, sein Dienstinstrument in der Bonner Hofkapelle. Inmitten dieser Exponate fällt es leicht, sich auf eine Zeitreise zu begeben.

In Anekdoten lebendig

Am lebendigsten wird Beethoven jedoch im Gespräch mit Museumsmitarbeitern. Sie erzählen Anekdoten aus seiner Vita, die man im Lexikon oft vergeblich sucht. Bei seiner Beerdigung am 29. März 1827 hätten die Kinder in Wien schulfrei bekommen; etwa 20 000 Menschen seien dabei gewesen. Da jeder ein Souvenir von ihm haben wollte, seien ihm die Haare abgeschnitten worden. Es versteht sich von selbst, dass im Beethoven-Haus eine Strähne des Musikgenies, den das „Times Magazine“ zu den 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Menschheitsgeschichte zählt, nicht fehlen darf.

Mit rund 100 000 Besuchern im Jahr – zum Jubiläum werden sogar 130 000 erwartet – ist das Beethoven-Haus das meistbesuchte Musikmuseum in Deutschland. Nach der Renovierung dürfte es auch eines der innovativsten sein. „Wir wollen Beethoven zeitgemäß präsentieren und sinnlich vermitteln“, verdeutlicht Malte Boecker, Direktor des Hauses. Auf drei Ebenen lässt sich im unter Denkmalschutz stehenden Gebäude der Mythos des radikalen Erneuerers der Musik erfahren. Im Gewölbekeller werden Handschriften des Meisters im Original gezeigt.

In die Musikgeschichte ging das Wunderkind, das schon mit sieben Jahren erstmals öffentlich in Erscheinung trat, als Vollender der Wiener Klassik und Wegbereiter der Romantik ein. „Sein Genie bestand im Weitergehen, Erneuern und Grenzensprengen“, sagt Nike Wagner, Intendantin des Internationalen Beethovenfestes, des alljährlich im September ausgetragenen Bonner Kulturevents.

Bonn und Beethoven – das lässt sich nicht trennen. Vor allem nicht bei den Feierlichkeiten zum 250. Geburtstag des Musikers. Am 21. Dezember 2019 zieht ein Beethovenmusikmarathon vom Petersberg quer durch die ganze Stadt. Auch abgesehen davon setzt das Jubiläumsprogramm nicht nur auf klassische Konzert-Veranstaltungen, sondern auch auf ungewöhnliche Events an überraschenden Plätzen. So wird Beethovens 9. Sinfonie am 8. August 2020 im großen Saal des Maritim-Hotels mit der Uraufführung von „The Nine Project“ verbunden. Das Bundesjugendorchester tritt dafür zusammen mit dem Weltjugendchor auf – unter der Leitung des chinesischen Komponisten Tan Dun.

Erkundung zu Fuß

Bonn möchte sich im Jubiläumsjahr auf einer Ebene mit den Salzburger Festspielen sehen. Um diesem hohen Anspruch gerecht zu werden, putzt sich die Stadt heraus – und geht nicht nur im musikalischen Bereich neue Wege. So macht ein multimedialer Rundgang mit Stationen im öffentlichen Raum Beethovens Leben in seiner Geburtsstadt und in der Region begreifbar.

Wie hat der Mensch und Künstler Beethoven gelebt? Was hat seine Entwicklung beeinflusst? Welche Zeugnisse aus der Vergangenheit sind bis heute erhalten? Ein zentraler Anlaufpunkt ist die Bundeskunsthalle mit der Ausstellung „Beethoven. Welt. Bürger. Musik“. Die Schau zeichnet die wichtigsten Lebensstationen Beethovens vor dem Hintergrund historischer Ereignisse nach und verschränkt diese mit seinem musikalischen Werk.

Die Sehenswürdigkeiten im Stadtzentrum liegen so nah beieinander, dass sie bequem zu Fuß zu erkunden sind. Im Alter von gerade einmal zehn Jahren spielte Beethoven in der Pfarrkirche St. Remigius, über die Schlosskirche führt der Weg auf den Münsterplatz mit seinem von Frank Liszt gesponserten Beethoven-Denkmal.

Bonn lässt sich nicht ohne Beethoven verstehen. Die Stadt auf ihren berühmtesten Einwohner zu reduzieren, wird ihr aber nicht gerechnet. Und wenn Stadtführer 2020 die Jahre Bonns als Bundeshauptstadt in den Vordergrund rücken, werden sie bei vielen Gästen nicht auf Gegenliebe stoßen. Denn viele werden die Barockstadt sicher besuchen, um Beethoven die Ehre zu erweisen.