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Eine Stadt voller Hits

Archivartikel

Auch 37 Jahre nach dem Ende der Band führt in Stockholm kein Weg an Agnetha, Benny, Björn und Anni-Frid vorbei. Unterwegs mit Abba-Ultras in Stockholm.

Abba-Historiker ist kein Ausbildungsberuf. Es gibt weder Studiengänge noch Diplom und sachlich nüchtern betrachtet auch keinen Anlass dafür. Doch geht’s um Abba, ist Carl Magnus Palm eben alles - bloß nicht nüchtern. Der Mann ist Abba-Historiker, was im Falle des Mittfünfzigers bedeutet: Er weiß alles über Schwedens vierköpfige Hitfabrik – harte Fakten, Trivia, Hintergründe und Quatsch. Alles. Sowohl für die Fans als auch für die Popgruppe selbst fungiert er als Datenbank. Palm veröffentlichte mehrere Bücher über Abba und erinnert sich womöglich besser als die Band selbst.

„Wahrscheinlich bin ich die einzige Person auf der Welt, die ihren Lebensunterhalt damit verdient, den ganzen Tag Musik von Abba anzuhören und darüber zu schreiben“, sagt Palm. Hier in Stockholm wird er wie der verlängerte Arm, so eine Art irdischer Stellvertreter von Abba gesehen.

Keiner hier kennt die neuen Lieder von Abba

Etwas traurig ist das trotzdem. Als Abba im April 2018, 35 Jahre nach der Bandauflösung, ankündigten, zwei neue Lieder zu veröffentlichen und mit einer Hologramm-Show auf Tournee zu gehen, da war Palm nicht eingeweiht. Er musste das im Toskana-Urlaub erfahren, Freunde hatten die Meldung im Radio gehört und ihn telefonisch darüber informiert.

Wie die neuen Lieder klingen? Er weiß es auch nicht. Doch ganz geübter Faktenchecker weiß er zumindest schon einiges darüber: „Eines der Stücke soll im 6/8-Takt gehalten sein“, sagt Palm. Das sei nicht nur interessant, sondern auch eine Art flotter Walzer. In ähnlichem Tempo sei auch das Stück „Cassandra“ von 1982 gehalten, sagt er. Das war die B-Seite der Single „The Day Before You Came“.

Die Idee, nicht selbst auf Tournee zu gehen, sondern mit digitalen Avataren und Hologramm-Technik zu arbeiten, gefällt Palm. Es sei die Möglichkeit, Abba so zu erleben, wie sie damals waren. Denn die – Palm lacht und sagt „Abba-tare“ – sollen an die goldenen Zeiten von Abba 1979 angepasst sein. Längst verstorbene Künstler wie Tupac, Roy Orbison und Ronnie James Dio fanden so in den vergangenen Jahren ihren Weg zurück auf die Bühne. Frank Zappa blüht das im April 2019. Und das ist ein bisschen lustig: Denn dann sind sie abermals vereint im alten Spruch „von Abba bis Zappa“. Abba, wenigstens das, leben noch.

„Happy sad“, sagt Palm immer wieder beim Spaziergang durch das Freiluftmuseum Skansen auf der Stockholmer Halbinsel Djurgården. Glücklich und gleichzeitig traurig sei die Musik von Abba. Hier im Freilichtmuseum liegt auch das Atelier des schwedischen Malers Julius Kronberg. Dort ließen sich Abba für das Covermotiv ihres letzten gemeinsamen Albums ablichten. „The Visitors“ erschien 1981 und ist auch das seltsamste Album von Abba. Das Cover war düster, distanzierte Anmutung, die Bandmitglieder weit voneinander vor einem wandhohen Gemälde Kronbergs platziert. Die Musik klang ähnlich distanziert.

Saxofonist Ulf Andersson ist beim Spaziergang im Skansen auch dabei. Der 78-Jährige ist durch und durch Musiker, er trägt sein Saxofon mit sich herum. Früher war Andersson einer dieser Mietmusiker, versiert am Instrument, vertraut mit Musiktheorie und der Gabe, sich Lieder schnell aneignen zu können. Als Studiomusiker spielte er 1975 „I do I do I do I do I do“ für Abba ein und es folgten noch einige Titel, 1977 ging er mit Abba auf Welttournee.

Heute irgendwie auch wieder: „Abbamania The Show“ nennt sich das. Eine Tribute-Show mit Band, Orchester und der Musik von Abba - so wie es sich 1977 oder 1979 wahrscheinlich beim Konzert angefühlt hätte. Agnetha ist hier allerdings Camilla Dahlin und Anni-Frid heißt Katja Nord – auch so irdische Stellvertreter. Beide gründeten 1996 eine Abba-Coverband, fahren seit mehr als zehn Jahren schon mit der Abbamania-Show durch die Weltgeschichte. Als Abba-Ersatz haben sie mittlerweile mehr Konzerte gespielt als der Prototyp selbst.

Langsam werden Camilla und Katja müde und wollen sich nur noch um die künstlerische Leitung dieser Zeitreise kümmern. Sie suchen zwei neue Sängerinnen, Ersatz für den Ersatz. „Und ich hätte gerne wieder meine echte Haarfarbe zurück“, lacht Katja, die als Anni-Frid natürlich immer sehr rote Haare tragen muss. Beim Casting singen sich sechs Frauen in zwei Kostümen immer wieder durch „Fernando“ und „Dancing Queen“, bis Cecilia Blomberg (Agnetha) und Maria Höglund (Anni-Frid) für würdig befunden werden, das Erbe der Erben anzutreten. Bennys und Björns werden nicht gecastet, die waren auch bei Abba eher im Hintergrund aktiv.

Wie diese Hintergrundarbeit aussieht, zeigt sich im Abba-Museum, im Untergeschoss des Pop House Hotels – ebenfalls auf der Insel Djurgården, zwischen Vasa-Museum und dem Vergnügungspark Gröna Lund. Das von Björn Ulvaeus erdachte Abba-Museum wurde 2013 eröffnet. Auf rund 5000 Quadratmetern gibt’s da die Geschichte der Band anhand von Gold- und Platinplatten, Instrumenten, Zeitungsschnipseln, Kostümen, Videos, Audioguides, Karaoke – und die Möglichkeit, gemeinsam mit Hologrammfiguren von Abba gemeinsam auf der Bühne zu stehen. Mehr Abba geht nur, wenn sie selbst vor Ort wären. Ein rotes Telefon in einer Ecke kokettiert zumindest mit der Möglichkeit, sie würden gelegentlich in den Ausstellungsräumen anrufen.

In der Bar, im Restaurant und im Abba-Fanshop laufen derweil in Endlosschleife Lieder von Abba. Angestellte hören hier während einer Schicht wahrscheinlich 30-mal „Dancing Queen“. Und es ist auch der Ort, an dem die Abba-Ultras der Welt zusammenlaufen, gemeinsam in der Karaokebox singen und sich gegenseitig versichern, wie fantastisch Abba sind. Einer aus dem Nahen Osten zeigt stolz ein Selfie zusammen mit Benny, vielleicht auch Björn.

Es wird höflich gelächelt. Denn eine Dame aus der deutschen Reisegruppe war mal bei „Wetten, dass . . ?“ zu Gast: Anhand der rhythmischen Knäckebrotkaugeräusche ihres Gatten hat sie im ZDF Lieder von Abba erraten. Björn war damals in der Sendung zu Gast und überwachte das Treiben. Mehr Abba geht kaum, auch in der nach oben offenen Skala in Stockholm.