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Eine Straße, viele Bäume

Archivartikel

Alleen bestimmen das Straßenbild in Mecklenburg-Vorpommern. 4374 Alleenkilometer zählt das Bundesland. Doch das Blätterdach ist in Gefahr.

Die Landstraße von Kaarz nach Weitendorf im Landkreis Parchim ist eine dieser verwunschenen, leicht hügeligen Straßen: Hier liegt noch das alte Kopfsteinpflaster, und an beiden Seiten der Straße stehen große, alte Kastanien. In Mecklenburg-Vorpommern sind solche Alleen keine Seltenheit: Fast jede zweite Bundesstraße oder Landstraße hier ist von Bäumen gesäumt. Damit ist Mecklenburg-Vorpommern nach Brandenburg das Bundesland mit dem zweithöchsten Anteil an Alleen in Deutschland. 4374 Alleenkilometer zählt das nördliche Bundesland. Das hat seine Gründe in der Geschichte der DDR: Während Alleen in Westdeutschland weitgehend verschwunden sind, konnten sie sich in der ehemaligen DDR gut behaupten. Die Verkehrsdichte war gering und die Trabbis brauchten in der Regel keine vierspurigen Schnellstraßen. „So ist es letztlich der schwachen Entwicklung des Individualverkehrs in der DDR zu verdanken, dass alle Deutschen heute noch Zugang haben zu wunderbaren alten Alleen“, sagt Bernd Gerlich aus Krakow am See, der sich in seiner Freizeit um den Erhalt der Alleen kümmert. „Aus ähnlichen Gründen sind hier auch Kraniche und Biber, klare Gewässer und unverbaute See-Ufer erhalten geblieben“, fügt er an. Typisch für den Osten Deutschlands sind auch die Obstbaumalleen, die mit Apfelbäumen, Birnbäumen oder Mirabellen bepflanzt sind.

„Leider sind auch in Ostdeutschland viele Alleen bedroht - nicht selten von den ökonomischen Interessen westdeutscher Unternehmen“, klagt Gerlich. So wurde im Winter 2005/2006 eine Allee mit 250 Bäumen den Interessen einer Firma geopfert, die in Waren an der Müritz Schiffspropeller herstellt und eine bessere Zufahrt brauchte. „Den früher beliebten Abschnitt der mit einer schönen Allee gesäumten Straße zwischen Sietow und Klink können Sie getrost vergessen, diese Strecke ist jetzt völlig reizlos“, so Gerlich. Nachpflanzungen, bemerkt er, seien gut und wichtig – letztlich bliebe es aber Augenwischerei. „Niemand kann eine 150 Jahre alte Allee ersetzen durch junge Baumschulpflanzen.“

Eine der schönsten Alleen ist die Blutbuchenallee zwischen den Weilern Pokrent und Renzow. Ihren Namen hat die Allee von der purpurroten Farbe der Blätter, durch die die Sonne an Sommerabenden schimmert. Mehr als 120 Jahre alt sind die 29 Buchen der Allee. Einige mussten in den vergangenen Jahren aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt werden, einige fielen Stürmen zum Opfer. Vor Kurzem pflanzte dort die Gemeinde 17 neue Alleebäume. Das Land Mecklenburg-Vorpommern unterstützt mit dem Alleenfonds solche Vorhaben.

Am Keezer Damm bei Brüel ist die Lindenallee Teil einer wunderschönen Landschaft. „Alleen sind nicht nur schön, sondern auch eine ökologische Nische vieler bedrohten Arten. Sie verbinden Biotope und dienen Tierarten als Lebensraum und Fortpflanzungsstätte, darunter geschützte Insekten und Fledermäuse“, sagt Brigitte Dahlbender vom BUND. Alleen gibt es bereits seit dem 17. Jahrhundert. Damals wurden sie zur Zierde barocker Gärten in Frankreich angelegt. So ist der Wortstamm Allee dem französischen Wort „aller“, zu Deutsch „gehen“, entlehnt. In der Anfangszeit der Alleen pflanzte man kurzlebige Pappeln. Doch dies untersagte Großherzog Friedrich Franz II. im Jahr 1866. Danach bestimmten langlebige Linden, Kastanien, Eichen, Ahorn, Buchen, Ulmen und Obstbäume das Bild. Gutsherren ließen damals aus Prestigegründen teure Bäume aus fernen Ländern kommen, dazu zählen die Hainbuche, die Rotbuche, die Platane und die Lärche. 2002 besiegelte Mecklenburg-Vorpommern im „Alleenerlass“ die Allee als schützenswertes Kulturgut.

Das Kulturgut ist bedroht, denn die Alleen sind überaltert. Oft vor 150 oder mehr Jahren gepflanzt, kommen die Bäume in die Jahre, und ihr Absterben ist voraussehbar. Dazu kommen Probleme mit Schädlingen. Die Miniermotte frisst an der Kastanie, die Lindenblattwespe an der Linde und der Eichenprozessionsspinner an der Eiche. Dazu leiden die Bäume am Streusalz und der zunehmenden Versiegelung des Bodens.

Auch die Anstrengungen in der Nachpflanzung helfen kurzfristig nicht, um das gewohnte Bild zu erhalten. Denn die neuen Bäume werden nicht mehr wie früher direkt am Straßenrand gepflanzt, sondern in sicherem Abstand von rund 3,5 Metern zur Fahrbahnkante. Dies soll der Verkehrssicherheit dienen. Das alte, geheimnisvolle Blätterdach, das eine Allee wie einen Himmel über der Straße bildet, kann so nicht mehr anwachsen.