Reise

Eisberge und Eisländer

Archivartikel

Schwimmende Eiskolosse und faszinierende Ausgrabungen der ersten europäischen Siedlung Nordamerikas sind die Attraktionen Nordneufundlands.

Dunkelblau leuchtet die Flasche des Iceberg-Biers. Die hellblaue Glasur samt weißem Sahnehäubchen verleiht dem Iceberg-Donut ein zuckersüßes Aussehen. Wie majestätisch wirken hingegen die echten, blau schimmernden Eisberge, die vor Quirpon (ausgesprochen: Karpoon) Island in der Iceberg Alley schwimmen! Die Insel ist der nördlichste Punkt Neufundlands, ein rauer, windiger Ort mit wenig Vegetation. Genau dort passieren im Schnitt jährlich 600 bis 700 Eisberge aus Westgrönland nach einer bis zu drei Jahre währenden Reise die Insel. Die 10 000 Jahre alten Kolosse lassen sich von einer speziell gefertigten Aussichtsplattform aus beobachten.

Norwegische Forscher entdeckten 1960 das Dorf

Seefeste Abenteurerinnen entscheiden sich jedoch für eine Tour mit Ed English, Reiseveranstalter und Betreiber des einsam gelegenen Quirpon Lighthouse Inn, der einzigen Unterkunft auf der Insel. Der Geschäftsmann, der einst mit Fertiggerichten aus Kabeljau sein Geld verdiente, kaufte die Insel blind. „Ich besuchte eines Tages einen Freund in einer Kunstgalerie, der zu mir sagte: ,Ich habe was in der Zeitung gelesen, bei dem ich dachte, du wärst bescheuert genug, dich dafür zu interessieren. Die Regierung hat eine Insel mit Leuchtturm zum Verkauf ausgeschrieben‘“, erinnert sich English. Beide hatten zuvor noch nie von der Insel gehört. Da die Angebotsfrist am folgenden Tag auslief, bot English auf gut Glück mit und bekam den Zuschlag. Das war vor über 20 Jahren. Kaum umrundet das Boot die Nordspitze der Insel, trifft der Labradorstrom auf die Felsen Quirpon Islands, der Strom wird ausgebremst und ändert seine Richtung gen Osten.

Das Schlauchboot steigt und sinkt auf den Wellen. Jeder im Boot hält sich nun an sämtlichen Kisten und Griffen fest. Doch die Belohnung lässt nicht lange auf sich warten: ein Eisberg, haushoch, blau schimmernd. Eisberge können jederzeit zerbrechen. Daher lautet die Faustregel, so viele Meter Abstand zu halten, wie der Koloss hoch ist. Das Besondere an Quirpon Island ist auch, dass Quirpon Harbour nur neun Kilometer von L’Anse aux Meadows entfernt liegt. Das französisch-englische Mischwort, das übersetzt „Die Bucht bei den Wiesen“ bedeutet, beschreibt einen historischen Ort, der als erste europäische Siedlung in Nordamerika gilt und seit 1978 Unesco-Weltkulturerbe ist. Leif Eriksson soll im Jahr 1001 von Grönland aus das sagenhafte Vinland (Neufundland) entdeckt haben. Die Geschichte über Vinland kursiert schon lange in den Sagen der Isländer. Die Entdeckung der historischen Siedlung L’Anse aux Meadows ist einem norwegischen Ehepaar zu verdanken. Anne-Stine und Helge Ingstad kamen 1960 nach L’Anse aux Meadows, um sich von einem Einheimischen Überreste einer angeblich indigenen Siedlung zeigen zu lassen. Dabei erkannte die Archäologin Anne-Stine Ingstad an den Spuren der acht Gebäude die für Wikinger typische Bauweise. Inzwischen weiß man dank Radiokarbonmethode, dass die Siedlung zwischen 1000 und 1030 entstand. Und dass die Entdecker um Leif Eriksson in L’Anse aux Meadows die ersten waren, die in Nordamerika aus Erz Metall verhütteten. Nur Eriksson und sein Vater, Erik der Rote, konnten sich die Überfahrt von Grönland nach Nordamerika leisten – und jenes Haus bauen, das neben den sieben anderen auf dem Gelände als besonders komfortabel ins Auge fällt: Es hatte nicht nur eine Küche und diverse private Räume, sondern auch eine Art Garage samt Hebevorrichtung für ein Boot.

Von Erik dem Roten weiß man aber, dass er nie nach Vinland aufbrach und bereits um 1003 in Grönland starb. Bleibt also nur sein Sohn, der mit rund 25 Menschen, darunter seinem deutschen Ziehvater Tyrkir, aufbrach. Dieser Ziehvater soll bei L’Anse aux Meadows Reben entdeckt haben. Vinland steht demnach für Weinland. Das Klima war damals viel wärmer. Eisberge bekamen die Entdecker kaum zu Gesicht, und statt Bier gab’s Wein aus neufundländischen Reben.