Reise

Endlos feiern?

In den US-Hochburgen New Orleans, Mobile und Lake Charles kann man das ganze Jahr sehen, wie bunt und fantasievoll es beim Karneval zugeht.

Das Gebäude etwas außerhalb von New Orleans’ Zentrum sieht aus wie eine schmucklose, graue, große Lagerhalle. Aus der Nähe jedoch sieht man den Schriftzug „Mardi Gras World“ in riesigen Lettern, und schnell wird klar: Schmucklos wird es drinnen kaum sein. Im Gegenteil. Mardi Gras, der „fette Dienstag“, ist schließlich New Orleans’ weltberühmter Karneval. Ein wilder Taumel aus Farben, Glitter und aufwendigen Kostümen, bei dem sich fantasievolle

Paradewagen durch feierwütige Massen schlängeln. In der Mardi Gras World sind zig dieser Wagen, Floats genannt, aus den Blaine-Kern-Studios ausgestellt.

1932 bauten Kern und sein Vater den ersten Parade-Wagen. Später gründete er die Studios, die bis heute für zahlreiche Krewes, also Karnevalsgruppen Hunderte Wagen bauen. Nicht nur in die Bau-Arbeit bekommt man bei einer Tour durch die Halle einen Einblick. Auf knapp 30 000 Quadratmetern stehen dort unzählige Aufbauten und Figuren, die meist nur kurz zum Einsatz kommen. Vögel, Drachen, Prinzen, Narren, dicht gedrängt und mit einer Explosion greller Farben. Sie sind aus Styropor und Pappmaschee, mit viel Hingabe zum Detail gestaltet und nicht selten mehrere Meter hoch.

In New Orleans mag der Mardi Gras besonders ausschweifend und legendär sein. Er wird aber auch an vielen anderen Orten in den südlichen USA gefeiert. Um einen Eindruck von dieser Tradition zu bekommen, muss man nicht in der Saison kommen. Shops, Statuen und Museen vermitteln das ganze Jahr über, wie diese Feierlichkeiten aussehen – so wie in Mobile, der großen Hafenstadt in Alabama. „1703 fand hier der erste Mardi Gras im French Settlement statt; damals gefeiert von katholischen Soldaten“, erklärt Cartledge Blackwell, der Kurator des Mobile Carnival Museum in einem historischen Gebäude in Downtown. Damit gilt er als erster und ältester Karneval der USA – noch vor New Orleans.

Nachhaltig wiederbelebt wurde die Feier aber erst nach dem Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert durch Joe Cain. Auf seine Statue im berühmten Häuptlingskostüm mit indianischem Federschmuck stößt man ein paar Blocks weiter im Mardi Gras Park. Neben dem lokalen Mardi-Gras-Helden findet man dort auch andere zentrale Figuren des Fetten Dienstags: einen Narren etwa, einen König und eine Königin. Sie sind alle im Comic-Stil entworfen und leuchten im Sonnenlicht in knalligen Farben vor den Hochhäusern um die Dauphin Street.

Im Feiermonat zieht hier fast täglich eine Gruppe Paraden durch die Straßen. „Mardi Gras in Mobile ist familienfreundlich – anders als in New Orleans“, erklärt Kurator Blackwell. Und anders als etwa der Karneval in Deutschland sind die Paraden in den Südstaaten meist unpolitisch. In Mobile macht nur eine Gruppe die Ausnahme: die Comic Cowboys. „Die nehmen die lokale Politik hier satirisch aufs Korn“, erklärt Blackwell. Es ist auch die schrillste Gruppe: Die Königin ist ein Mann im Kleid und statt auf einem Thron sitzt sie auf einem Toilettensitz. Wie prunkvoll vor allem die Kostüme der jährlich neu gewählten Königspaare aussehen, macht ein Besuch im Museum deutlich. Hier hat man teilweise den Eindruck, als hätte man sich in eine Ausstellung von Adelsroben der Windsors verirrt. Dabei lernt man viel über Geschichte und Traditionen des Karnevals, der ein wichtiger Wirtschaftszweig der Stadt ist.

Nicht so adlig wie in Mobile, sondern eher grell und kitschig ist die Explosion aus Farben und Pailletten, die einen im „Mardi Gras Museum of Imperial Calcasieu“ in Lake Charles erwartet, einer 75 000-Einwohner-Stadt im tiefen Westen Louisianas, die eine eigenwillige Mischung aus petrochemischen Industrieanlagen, Casinos im Las-Vegas-Stil und US-Kleinstadtcharme bietet.

„Wir haben hier den zweitgrößten Mardi Gras in Louisiana, zumindest nach der Anzahl der Krewes“, erklärt David Faulk bei einer Tour durch das Museum in einem alten Schulhaus. Nachdem man vom Maskottchen, dem Alligator Gumbeaux Gator, begrüßt wurde und eine Mardi-Gras-Perlenkette umgehängt hat, nimmt man auf einer ganzen Etage ein Glitzerbad in knapp 300 Kostümen, die vor allem von vergangenen Königspaaren stammen und sich in Extravaganz überbieten – von den großen Pandabären auf dem Kostüm mit China-Thema bis zum fast zwei Meter hohen Puppenspieler. „Die Kostüme erzählen alle eine eigene, immer ganz andere Geschichte“, erklärt Faulk. So wie das Kleid namens Vater Zeit: Die damalige Königin Tracy Lynn Beaugh trug es, nachdem sie eine Krebsdiagnose bekommen hatte. Das teuerste Kostüm hat das Thema „Das Zeitalter des Fernsehens“ und kostete 10 000 Dollar. Eine Saison lang zum obersten Mardi-Gras-Monarchen-Paar zu gehören, ist halt auch eine kostspielige Sache. König zu sein, kann laut Faulk schon 10 000 bis 15 000 Dollar kosten, denn die Auserwählten müssen selbst aufkommen für das Kostüm, die charakteristischen Perlenhalsketten und die kleinen Geschenke, die auf den Paraden von den Wagen geworfen werden: „Throw me something, Mister! (Werfen Sie mir was zu, Mister!)“, rufen die Zuschauer am Straßenrand überall und fangen mit etwas Glück Mini-Footballs, Mardi-Gras-Becher, quietschsüße Moon-Pies oder bunte Plastikperlenketten mit schrägen Anhängern. Mit Mardi-Gras-Produkten wie diesen wird man in Mobile im großen Laden „Toomey’s Mardi Gras“ ganzjährig versorgt. Wenn man schon bei keiner der zahlreichen Paraden dabei sein kann, kann man all das immerhin als Souvenir mit nach Hause nehmen.