Reise

Essen und Laune gut, viele Grüße!

Teuer, langsam, umständlich: Die Urlaubspostkarte wird von Whatsapp, Facebook und SMS verdrängt. Hat sie eine Überlebenschance? Schön wär’s!

Für die einen ist es ein lieb gewordenes Ritual, für die anderen eine lästige Pflicht, die sie bis zum letzten Urlaubstag aufschieben. Und für immer mehr Menschen ist es kein Thema mehr. Zwar schreiben immer noch Millionen Deutsche Ansichtskarten aus dem Urlaub, doch die Zahl geht seit Jahren zurück. Die Killer der Karte heißen Facebook und SMS, Whatsapp und Instagram, Snapchat oder Pinterest.

Waren es 2009 noch 270 Millionen Karten, die die Post in Deutschland transportierte, so fiel die Zahl im vergangenen Jahr auf 200 Millionen Postkarten. Das sind fast 25 Prozent weniger in nur wenigen Jahren. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, ist die Postkarte in spätestens 20 Jahren tot.

Mit Tesastreifen aufgeklebter Sand. Ein gemaltes Kreuzchen da, wo sich das Hotelzimmer befindet - mehr als ein Jahrhundert lang haben Ansichtskarten aus dem Urlaub Geschichten erzählt, zusammengefasst auf knapp 200 Quadratzentimeter Karton: Standardsprüche („Essen, Hotel und Laune gut. Liebe Grüße, Dein XY“), Liebesschwüre, Schilderungen banaler Ereignisse („Julian baut jeden Tag eine Sandburg!“). Den Empfängern vermittelte sie das Gefühl, sie verpassten etwas. Und die Schreiber genossen es, ihre verdiente Erholung zu dokumentieren.

Die Karlsruher Medienwissenschaftlerin Anett Holzheid (44) hat sich in ihrem Buch „Das Medium Postkarte“ intensiv mit der Kommunikationsform befasst. „Die Karte ist im Grunde ein Vorläufer für die moderne Kurzkommunikation wie E-Mail, SMS oder Whatsapp“, sagt Holzheid. „Plötzlich konnten die Menschen vor 120 Jahren schnell, billig und unkompliziert kurze Nachrichten übermitteln.“ Im Vergleich zum Brief ist die „Correspondenzkarte“ ein Jungspund. 1870 wurde sie offiziell in Deutschland eingeführt. „Die Blüte erreichte die Postkartenkultur zwischen 1895 und 1918“, sagt Holzheid. Damals wurden in Deutschland im Jahr knapp eine Milliarde Karten verschickt. „Es galt als freches Medium, wegen der Mischung aus Privatheit und Offenheit - jeder konnte eine Postkarte lesen, auch wenn sie nicht für ihn gedacht war.“

Gedruckte Entschleunigung

Heute ist die Postkarte wie gedruckte Entschleunigung, denn häufig sind die Reisenden schon lange wieder zu Hause, wenn die Urlaubsgrüße bei Verwandten und Freunden eintreffen. Gerade dies macht sie jedoch für passionierte Postkartenschreiber attraktiv. „Diese Langsamkeit“, schwärmt Holzheid, „dazu die Tatsache, dass man einen Gegenstand in der Hand hält, der eine lange Reise hinter sich hat, der Transportspuren aufweist, durch viele Hände gewandert ist, all das macht die Postkarte so besonders.“ Holzheid vergleicht die Karte mit der Schallplatte: „Vor 20 Jahren glaubte auch niemand, dass es einmal ein Revival der Platte geben würde – und heute sind Vinylplatten angesagter als CDs und Soundfiles.“

Boris Hesse (50) ist schon von Berufs wegen Postkarten-Fan. Er ist Geschäftsführer des Lübecker Schöning Verlags, der mehr als die Hälfte der jährlich 50 Millionen in Deutschland produzierten Ansichtskarten druckt. „Früher“, so Hesse, „ wurden Postkarten als reine Info eingesetzt. Eine Nachricht, dass man am Urlaubsort angekommen war. Das klappt heute tatsächlich einfacher und schneller mit einer SMS oder Whatsapp-Nachricht.“ Doch soziale Medien könnten die Postkarte nicht ersetzen: „Eine handgeschriebene Karte ist Ausdruck der Wertschätzung für den Empfänger. Denn der Schreiber verwendet das Wertvollste, was er hat: nämlich Zeit. Man sucht eine bestimmte Karte aus, schreibt eine individuelle Geschichte und bringt dann diese Karte auf die Reise. Das ist dann mehr ein Geschenk als eine Nachricht.“

Es ist tatsächlich ein aufwendiges Ritual: Kiosk ausfindig machen, Karte unter Hunderten anderen am Kartenständer aussuchen, Empfängeradressen rauskramen, Karte per Hand schreiben, Briefmarke besorgen und aufkleben, Briefkasten finden, absenden - in Zeiten von Whatsapp mutet all dies schon an wie eine logistische Meisterleistung. Interessanterweise sind es eher Frauen ab 40, die sich dieser „Herausforderung“ stellen. Für Postkartenverleger Hesse sind sie die wichtigste Zielgruppe: „Frauen kaufen im Urlaub schon mal zehn Karten und drücken ihrem Mann eine davon in die Hand mit den Worten ‚Jetzt schreib doch mal deiner Mutter‘.“

Wird die Urlaubspostkarte überleben? „Klar“, sagt Hesse, er muss ja optimistisch sein, „die Postkarte gehört zum Urlaub wie Badengehen, Eisessen, Minigolfspielen.“ Kritisch wird es für Hesse erst dann, wenn das Schreiben von Hand nicht mehr in der Schule gelehrt wird: „In manchen Schulklassen ziehen Tablets ein, und die Kids tippen heute schon mehr auf Smartphones rum, als sie einen Stift in der Hand halten.“

Auch die Deutsche Post versucht, mit merkwürdigen Mischmodellen zwischen digitaler und analoger Kommunikation die Erosion der Ansichtskarten abzumildern: Mit einer „Funcard“-App sollen Nutzer Fotos von ihren Smartphones verschicken, die dann als Postkarte ausgedruckt - mit echter Briefmarke und individuellem Grußtext versehen - binnen 24 Stunden durch die Post zugestellt wird. Doch kaum jemand gibt 1,90 Euro für eine „Funcard“ aus, wenn er innerhalb weniger Sekunden zum Nulltarif ein Urlaubsfoto mit kurzem Text an seine 23 besten Freunde whatsappen kann.

Dennoch: Das Marktforschungsinstitut Media Control fand erst im vergangenen Jahr heraus, dass immer noch drei von vier Deutschen postalische Grüße an ihre Liebsten zu Hause senden – oft parallel zu anderen digitalen Kanälen. Warum? Die Antworten sind schlagend: „Weil ich mich auch darüber freue, wenn jemand mir eine Karte schickt.“ Oder: „Den Facebook-Post kann ich nicht an meinen Kühlschrank kleben.“