Reise

Essen wie bei Muttern

Archivartikel

Hygienische Einwände oder fehlende Sprachkenntnisse halten Touristen manchmal davon ab, in Garküchen zu essen. Ein Hotel im Süden Vietnams holt das Streetfood daher einfach ins Haus.

Huu Vo ist Teilzeitvegetarierin. Jeden Monat verzichtet sie für zehn Tage auf Fleisch, Fisch und Meeresfrüchte. So versucht sie der buddhistischen Verpflichtung der Ehrfurcht vor allem Lebendigen gerecht zu werden. Als sie von ihrer Tochter Linh gefragt wurde, ob sie ab und zu in einem Hotel kochen wolle, war ihre erste Reaktion: „Wie soll das funktionieren?“ Denn zum Kochen gehört natürlich auch das Abschmecken, und das hätte sie nicht jederzeit gekonnt.

Die Männer investieren ihr Geld in Alkohol

Schließlich fand sich eine Lösung. In ihren vegetarischen Phasen kümmert Huu Vo sich zwar um die Zutaten für die Gerichte, um waschen, kleinschnippeln und herrichten. Die weiteren Schritte, inklusive des Abschmeckens, überlässt sie jedoch ihren Kolleginnen.

Huu Vo kocht im Hotel The Anam in Cam Ranh, eine Flugstunde von Ho-Chi-Minh-Stadt entfernt. Die Idee dazu hatte der Hoteldirektor Herbert Laubichler-Pichler, ein jovialer Endfünfziger, dem anzusehen ist, dass er zu genießen weiß. Seine Gäste hatten ihn immer wieder auf das Thema Streetfood angesprochen. Viele würden gerne die überall am Straßenrand angebotenen regionalen Gerichte kosten. Doch hygienische Einwände oder fehlende Sprachkenntnisse hielten sie davon ab. Laubichler-Pichler überlegte: Wenn die Hotelgäste nicht zum Streetfood kommen, warum kommt Streetfood dann nicht einfach zu den Gästen ins Hotel? Und wer kocht schließlich besser als die Mama daheim?

Die Aktion Mama-Cooking war geboren. Der Hoteldirektor fragte seine Angestellten, ob nicht eine ihrer Mütter Zeit und Lust habe, ab und zu regionale Gerichte zuzubereiten. Schließlich fand man fünf Damen, darunter Huu Vo. Zweimal wöchentlich bereiten die Mamas nun traditionelle vietnamesische Gerichte zu – so wie daheim, wenn sie für die Familie kochen. Es gibt gegrilltes Rindfleisch in Blättern, Nudelsuppe mit Rindfleisch oder knusprige vietnamesische Pfannkuchen. „Ihre Speisen sind traditionell, mit viel Liebe gekocht und spiegeln die Aromen Vietnams wider“, sagt Herbert Laubichler-Pichler.

Zu Beginn der Aktion Mama-Cooking waren viele der Frauen noch sehr schüchtern. Aber schon bald erfüllte sie die neue Rolle mit Stolz. Auch wenn keine von ihnen über eine entsprechende Ausbildung verfügt, besitzen sie doch Kenntnisse und Erfahrungen, die die Profiköche wunderbar ergänzen. Alle schalten und walten daheim im häuslichen Umfeld mit großer Selbstsicherheit. Irgendwann übertrug sich dies auch in das fremde Getriebe der Hotelküche.

Auch das Verhältnis der Mamas zu ihren im Hotel arbeitenden Söhnen und Töchtern wandelte sich. Sie erleben ihre Kinder in deren Arbeitsumfeld, lernen zu verstehen, wie deren Arbeitstag, beispielsweise im Roomservice aussieht, und wie sie sich in diesem völlig anderen Umfeld bewegen.

Etwa 20 Minuten benötigt Huu Vo, um mit dem Moped vom Dorf Suoi Cam ins Hotel zu gelangen. Besucht man sie zu Hause, erlebt man sie als diejenige, die daheim das Sagen hat. Huu Vo lebt gemeinsam mit einer Großfamilie, zu der neben ihrem Mann Trong und Tochter Linh auch zwei jüngere Brüder und deren Familien gehören. Betritt ein Gast das Haus, steht er sogleich in der Küche, dem zentralen und größten Raum des Gebäudes. Trong arbeitet in der Dorfverwaltung und bringt ein regelmäßiges Einkommen nach Hause. Auch Hotel-Ingenieurin Linh verdient nicht schlecht. Dennoch freut sich die Familie über das zusätzliche Einkommen, das Huu mit dem Job nun erzielt. In der Gegend gehört die Familie zu den Bessergestellten.

Die Nachbarn verdienen ihren Lebensunterhalt in der Landwirtschaft oder als Fischer. Bei vielen ist das Geld knapp. Oft investieren die Männer ihr Einkommen in Alkohol oder Wetten auf Hahnenkämpfe. Schon mehrfach wurde Huu Vo daher von den anderen Frauen gefragt, ob es auch für sie die Möglichkeit gäbe, im Hotel zu kochen. Wie alle im Dorf baut Huu einen Teil ihres Gemüses selbst an und hält etwa 30 Hühner. Im Garten spendet ein Mangobaum nicht nur Schatten, sondern liefert auch Früchte. Die reifen kann man direkt vom Baum essen. Die unreifen werden in Salaten und Currys verwendet. Sie selbst mag einfache, schnelle Gerichte, wie zum Beispiel Auberginen mit Soße oder frittierten Wasserspinat. Freitagabends bereitet sie jedoch zumeist das Gericht Bánh Xèo zu, einen knusprigen Pfannkuchen mit Schweinefleisch und Meeresfrüchten.

Die Gäste stehen mit ihren Tellern schon bereit, während sie Reismehl mit Kurkuma, Kokoswasser und Frühlingszwiebeln zum Pfannkuchenteig verrührt. Sie spürt die auf ihr ruhenden Augen, und die Wertschätzung, die ihr entgegengebracht wird, erfüllt sie mit Stolz. Und ein wenig fühlt sich Huu Vo dann auch als eine Botschafterin der vielfältigen Kultur Vietnams.