Reise

Fahrt ins Blaue

Archivartikel

Flüchtiger Augenblick der Schönheit: Zur Flachsblüte in die Normandie.

Seit Paris hat es dreimal geregnet. Und ebenso oft ist die Sonne durchgebrochen und hat die Landschaft mit Glanz übergossen. Für dieses Licht sind einst die Maler gekommen. Und diese Mischung aus Feuchte, Wärme und Wind ist der Grund dafür, dass die Normandie wie ein Garten Eden anmutet. Alles gedeiht hier in verschwenderischer Fülle: Rosen und Hortensien büscheln in allen Farben, Jasmin beduftet die Gärten, selbst Bananen und Palmen fühlen sich wohl. Das nahe Meer und der Golfstrom machen es möglich. Im Juni strotzt die Natur in floraler Üppigkeit. Für eine kurze Zeitspanne kann man hier sogar sein blaues Wunder erleben: wenn der Flachs blüht!

Wer den Flachs in seiner ganzen Pracht erleben will, darf kein Langschläfer sein. Nur bis zur Mittagszeit öffnen sich die kleinen lilablauen Blumen. Laurent Cazenave steht am Feldrain nahe Pont-Audemer. Die Brise wiegt den Flachs hin und her, Hummeln saugen den Nektar aus den zarten Blüten, die im Wind zu tanzen scheinen. Eine knappe Woche dauert das flüchtige blaue Wunder. Kernzeit ist Mitte Juni. „Aber das kann sich je nach Witterung um einige Tage verschieben“, so Monsieur Cazenave von der Kooperative Terre de Lin, die sich um die Vermarktung der Ernte kümmert. Von der Normandie über Belgien bis nach Holland reicht das wichtigste Flachsanbaugebiet der Welt. Frankreich ist heute der bedeutendste Produzent, obwohl es erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem nennenswerten Anbau begonnen hat. Flachsblüten kommen auch weiß, gelblich oder rosa vor, wurden aber auf Blau gezüchtet, damit auch das Auge etwas von den Feldern hat.

Flachs ist ein Tausendsassa. Manche Sorten werden wegen ihres Samens und ihres Öles gezogen. Leinsamen sind gesund und aus dem Öl werden nicht nur Lebensmittel oder Künstlerfarben gemacht, sondern etwa auch Linoleum, das mit seiner feinen Marmorierung längst wieder als natürlicher und strapazierfähiger Bodenbelag gefragt ist. Andere Sorten werden wegen der Fasern kultiviert, aus denen Leinen gemacht wird. „Leinen ist einzigartig“, so Monsieur Cazenave, „es fühlt sich auch bei Hitze kühl auf der Haut an und kann mehr Schweiß aufsaugen als andere Fasern. Zudem brauchen die Pflanzen während des Wachstums kaum Chemie und sind so ein ökologisches Vorzeigeprodukt.“ Erntezeit ist im Juli, wenn die Sommersonne die Pflanzen goldbraun geröstet hat.

Fast die ganze Ernte wird nach Asien verkauft, wo Fäden gesponnen und Stoffe gewebt werden. „Wer in Europa eine Bluse oder ein Hemd aus Leinen kauft, kann davon ausgehen, dass die Faser in Frankreich gewachsen ist, dann eine weite Reise zwecks Verarbeitung nach Fernost gemacht hat und schließlich als fertiges Produkt wieder zurückgekommen ist“, so Clementine Calais vom Flachsmuseum Maison du Lin in Routot, das auf anschauliche Weise die Bedeutung der Pflanze und ihrer Verarbeitung erklärt. „Wir haben die beste Qualität der Welt und sind noch heute für Innovationen wie die erst vor wenigen Jahren gelungene Trikotierung von Leinen berühmt.“ Natürlich kann man in der Boutique des „Maison du Lin“ auch Stoffe, Tischdecken und Servietten kaufen.

Einmal im Jahr ist auf dem Platz vor dem Gebäude, das auch als Rathaus fungiert, richtig viel los: bei der Fête du Lin, dem Leinenfest nämlich. Eine Kutsche fährt Besucher zu den Feldern, Flachs wird mit historischen Maschinen gedroschen und Kleidung von regionalen Designern verkauft. Isabelle Boulangé besitzt ein kleines Atelier namens Fils et couleurs, also Fäden und Farben. Sie zeigt, wie Flachs gesponnen wird - mit einem Spinnrad oder dem noch viel älteren Spinnrocken. „Mit dem Spinnrocken geht das natürlich sehr langsam, andererseits kann man das handliche Gerät überallhin mitnehmen, also etwa beim Warten in Ämtern oder Arztpraxen fleißig vor sich hin arbeiten“, so Madame Boulangé. Direkt am Marktplatz liegt das Restaurant von Patrick Bourgois. Er liebt es, mit Leinsamen zu kochen, serviert etwa köstliche Bouchons aus Rührteig mit Gemüse, Schinken und Leinsamen.

Ein perfektes florales Paradies

Serge Gouget, Flachsbauer aus Montaure, hat ein Abitur mit Leistungskurs Philosophie gemacht, bevor er den elterlichen Hof übernahm. „Man kann mit Flachs viel Geld verdienen - und viel verlieren, falls einem stürmisches Wetter wortwörtlich die Ernte verhagelt“, so Monsieur Gouget. Von seinen Feldern ist es nur noch ein Katzensprung nach Giverny und den Gärten von Claude Monet, in denen sich die Normandie noch einmal als perfektes florales Paradies inszeniert. So schön wie auf impressionistischen Gemälden.