Reise

Fantasiewelt aus Steinchen

Archivartikel

Ein Kinderzimmer ohne Legosteine? Schwer vorstellbar. Die Quader haben seit ihrer Erfindung vor 60 Jahren einen weltweiten Siegeszug angetreten. Auch die dazugehörenden Themenparks sind bei den Fans heiß begehrt. Das Legoland in Günzburg feiert in diesem Jahr seinen 15. Geburtstag.

Für einige Momente vergessen Finn und Ben, dass sie in einem Freizeitpark sind. Sie wähnen sich zu Hause in ihrem Kinderzimmer. Aus ihren Mündern kommen Ausdrücke, die ein Erwachsener überhaupt nicht richtig einordnen kann. „Pschieeu“, sagt der Neunjährige, dann kehrt die Zunge in den Mundwinkel zurück. Voller Freude und Anspannung knetet Finn seine Hände. Sein kleiner Bruder ist nicht weniger begeistert. „Djuu, djuu, djuu“, entgegnet Ben. Die beiden haben nichts anderes vor, als der hellen Seite der Macht zum Sieg zu verhelfen.

Finn und Ben befinden sich aber in keiner weit entfernten Galaxie, sondern in Günzburg – genauer gesagt im Herzen des Legolands. Dort haben flinke Hände nicht nur die höchsten Gebäude der Welt in Miniaturform nachgebaut. Dort ist der Hamburger Hafen nicht nur einen Steinwurf vom Münchner Fußball-Stadion entfernt. Nein, hier tobt auch der „Krieg der Sterne“ – und die Jungs sind mit Feuereifer dabei.

„Star Wars“-Helden ganz nah

Insgesamt hat der Legoland-Betreiber Merlin Entertainments mehr als 56 Millionen Quader mit den Noppen verbaut, die in Kinderzimmern ebenso oft anzutreffen sind wie Kuscheltiere. Auch weil Finn und Ben mit diesen Steinen aufgewachsen sind, tauchen sie in Günzburg in die Fantasiewelt ein. Der eine stellt sich vor, mit Anakin Skywalker in einen Naboo-Fighter zu steigen, der andere, an der Seite von Padmé Amidala, Obi-Wan Kenobi und Anakin Skywalker in der Arena von Genosis gegen schreckliche Kreaturen zu kämpfen. Wenige Meter entfernt wartet der nachgebaute Millenium-Falke aus Episode IV darauf, endlich in den Kampf von Gut gegen Böse eingreifen zu können. Finn drückt den nächsten Knopf, wieder erwacht ein kleines Modell zum Leben und zieht die Blicke der Fans auf sich.

1,3 Tonnen – das ist das Gewicht der Steine, die im Star-Wars-Bereich des Legolands verbaut wurden. Diese Zahl ist beeindruckend, sie interessiert die jungen Besucher aber am wenigsten. Ein Foto mit Yoda oder Darth Vader ist begehrter. „Cool“, „genial“, „Hammer“ – Finn und Ben steht die Begeisterung ins Gesicht geschrieben, am liebsten würden sie die Star-Wars-Welt in einen Laster packen und im heimischen Garten wieder aufbauen. Was die Freunde da für Augen machen würden!

„Bitte noch ein bisschen“, sagt Finn, als ihn seine Eltern drängen, doch auch den Rest des Freizeitparks zu erkunden. Dabei hat das Legoland besonders für die Zielgruppe der Drei- bis 13-Jährigen einiges zu bieten. Die in vergleichbaren Parks übliche Wildwasserbahn darf ebenso wenig fehlen wie die Achterbahn. Besonders gut kommen bei Finn und Ben allerdings die Fahrten an, die typisch Lego sind. Bei der Tempel X-pedition müssen sie Mut beweisen, der Renner ist jedoch der Ninjago-Ride. „Den habe ich besonders geliebt“, sagt Ben später mit leuchtenden Augen. „Einmal habe ich sogar meine Eltern abgezockt.“ Durch die Handgestentechnologie bekommt man nicht nur ein ganz anderes Erlebnis, sondern taucht mithilfe der 3-D-Brillen tief ins Geschehen ein. Und: Sie ist so einfach, dass der Sechsjährige die Großen ganz schön alt aussehen lässt.

Im Vergleich zur Konkurrenz wie dem Europapark in Rust oder dem Phantasialand in Brühl ist das Angebot des Legolands zwar überschaubar, mehr als 50 Fahrgeschäfte und Shows sorgen aber für Kurzweil. Da sich die Ausmaße des Parks trotz der Fläche von etwa 26 Fußballfeldern in Grenzen halten, lässt er sich auch an einem einzigen – dann allerdings langen – Tag erkunden. Angeboten wird natürlich auch die Übernachtung im dazugehörigen Ferienressort. Egal ob in der Ritterburg oder in den Lego-Appartements – vor allem die Kleinen kommen auf ihre Kosten. Doch auch der Landkreis Günzburg profitiert vom Einzug der Lego-Steinchen: Seit der Park-Eröffnung 2002 haben sich die Übernachtungszahlen verdoppelt.

Es gibt viele, die vom Legoland profitieren – am meisten allerdings der Hersteller der Steckverbindungssteine, die sich Ole Kirk Christiansen am 28. Januar 1958 in Kopenhagen patentieren ließ. Wer die Fahrten wie den Ninjago-Ride verlässt, wird nämlich nicht einfach zurück in den Park gespuckt, sondern muss sich durch Verkaufsläden drängeln, die an die Attraktionen angedockt sind. Da werden die Augen der Kleinen größer und größer, der Geldbeutel der Großen schmaler und schmaler. Nur wer mit dem Nachwuchs vorab eine klare Vereinbarung trifft und Grenzen zieht, läuft nicht Gefahr, Privatinsolvenz anmelden zu müssen.

Ein Höhepunkt: die Kanufahrt

Dass das Kinderzimmer Zuwachs erhält, ist jedenfalls eher die Regel nach einem Besuch des Legolands. Die Eltern trösten sich damit, dass das Spielen mit den kleinen Quadern das räumliche Vorstellungsvermögen, die Geduld und die Feinmotorik trainieren soll. „Mir hat alles am besten gefallen“, sagt Ben mit kindlicher Bestimmtheit, die keinen Widerspruch und keine Einordnung zulässt. „Am allerbesten von dem ganzen Besten war aber die Kanufahrt. Da habe ich ganz viele Lego-Dinos gesehen – und Lego und Dinos mag ich nun mal.“

Das Legoland zählt sich zu den „meistbesuchten Parks in Deutschland“. Damit dies so bleibt, hat es auch für die gerade angelaufene Saison 2018 wieder ordentlich Geld in die Hand genommen. Eine neue Achterbahnfahrt garantiert Virtual-Reality-Abenteuer, zudem feiert das knapp 30 Millionen Euro teure Piraten-Hotel Eröffnung. Zum 15. Geburtstag in Günzburg hat sich das Legoland also einiges einfallen lassen. Auch Finn und Ben würden gerne zum Gratulieren wiederkommen. Als Erstes geht es dann wieder in den Stars-Wars-Bereich, das haben die beiden Jungs fest vereinbart.