Reise

Felsen wie Reißzähne

Archivartikel

Es gibt noch Gegenden, da sind 1000 Besucher pro Jahr viel – so wie im Ustyurt-Nationalreservat in Mangystau. Der wilde Westen Kasachstans ist am einfachsten mit Geländewagen und lokalem Guide zugänglich.

Sie sind rar geworden, die Orte, wo die Natur machen darf, was sie will. Lässt sich einer finden, wie in Mangystau, der am dünnsten besiedelten Region Kasachstans, ist die Überraschung groß: Was die Natur dort an Kunstwerken geschaffen hat, übersteigt das Vorstellungsvermögen. Inmitten der Steppe erheben sich Berge und Felsen von außerirdischer Schönheit, liegen Steinbälle wild verteilt und erstrecken sich kilometerlange Salzseen. Wer sich auf das Abenteuer einlässt, dringt vor in die Heimat von Saiga-Antilopen, Karakalen und Steppenwildschafen, trotzt Unwettern und sammelt Erlebnisse, die selbst Vielgereiste sprachlos machen.

Komfort und Wi-Fi sind vergessen, sobald die zwei Geländewagen den Morgenverkehr von Aktau am Kaspischen Meer zurücklassen, am Steuer des ersten Sergey Khachatryan (44). Der gebürtige Armenier ist ein Mann weniger Worte: „Keiner kennt die Steppe wie ich, Sergey number one!“ Etwa 300 Kilometer trennen Aktau vom Ustyurt-Naturreservat, seit 1984 Schutzgebiet. Zunächst pumpen noch Kräne Öl aus dem Boden zu beiden Seiten des Highways, dann verläuft die Straße im Staub und Kamele sind gegenüber den sieben Reisenden – drei Deutschen und vier Russen – in der Überzahl. Der Fahrtwind weht die Steppe ins Wageninnere und legt sie puderförmig auf den Gesichtern ab. Kurz vor Sonnenuntergang ist das erste Ziel erreicht: der 165 Meter hohe Berg Bokty in Pralinenform, mit Boden aus Vanillecreme, darüber Frucht-Schichten und eine in Schokolade getunkte Spitze. Anders als seine farbenfroh gestreiften Nachbarn ist er auf dem 1000-Tenge-Schein abgebildet. „Eine Touristin fragte mich, wie die Berge heißen“, erzählt Sergey. „Ich glaube, sie haben keinen Namen. Aber ich habe gesagt: ‚Das sind die Tiramisu-Berge!‘ Seitdem nennen sie alle so.“ Beim Abendessen fühlt sich die älteste Russin, Valentina (76), zu einem Zitat des russischen Dichters Vladimir Vysotsky inspiriert: „Nur Berge, auf denen niemand gewesen ist, können besser sein als Berge.“

Am Morgen malt die Sonne die Tiramisu-Berge kräftig an. „Hier war vor etwa 250 Millionen Jahren das Tethysmeer“, weiß Sergey. Auf dem Boden finden sich noch Fossilien wie Haifischzähne. Die Steppe glüht in der Mittagssonne, rüber bis nach Turkmenistan, aber nur Gazellen und andere Vierbeiner dürfen die Grenze passieren. Jedes Mal, wenn die Weite müde macht, hält Ustyurt eine neue Überraschung bereit - wie einen Salzsee, aus dem braune Berge lugen. Am Abend kommt Sturm auf, der die Zeltheringe aus dem Boden reißt. Das Abendessen fällt aus, und um zwei Uhr nachts ist ein Umzug an eine sicherere Stelle angesagt. Stunden später tut die Natur, als wäre nichts gewesen, die Berge von Karynzharyk erheben sich wie aus einer weißen Watteschicht.

Das nächste Ziel ist Kogusem, eine Miniaturversion des Grand Canyon, die in der Abendsonne rot und braun leuchtet. Über dem Lagerfeuer brutzeln bald riesige Koteletts, daneben versprechen zwei Flaschen Wodka einen lustigen Abend. Alle schauen abwechselnd in die Glut und zur Milchstraße, während sich der Rauch in Klamotten und Haare frisst.

Auf dem Weg zum Highlight des Reservats, Boszhira, erhebt sich eine kleine Ranger-Station aus dem Nichts. „Mein Kollege und ich fahren abends raus und schauen, dass keiner wildert“, berichtet ein Kasache in Tarnkleidung. „Es leben an die 400 Mufflons im Park, auch Saiga-Antilopen, Karakale und viele andere Tiere, da können Jäger auf dumme Gedanken kommen.“

Dann ist die Boszhira-Schlucht mit 17 Kilometer Länge und elf Kilometer Breite erreicht: Es ist, als hätte man sich zu nah an den Rand der Welt herangewagt und wäre an einem Ort gelandet, wo Künstler ihre Gestaltungswut an einer weißen Fläche ausgelassen haben. Besonders stechen zwei 200 Meter hohe Kalksteingipfel hervor. „Wir haben fast die ganze Welt gesehen, aber so etwas noch nicht“, sind sich die Deutschen Maggie (69) und Axel (78) einig. Nach Boszhira wechseln sich Landschaften aus Salz und Steinen ab – der Tuzbair-Salzsee wälzt sich wie ein Wattenmeer dahin, und eine gefühlte Welt entfernt liegt das Valley of Castles (Tal der Schlösser), eine Bergkette, auf Kasachisch Airakty-Shomanai. „1851 war der ukrainische Dichter und Künstler Shevchenko hier im Exil. Die Berge beeindruckten ihn so sehr, dass er sie malte und den Bildern den Titel ‚Valley of Castles‘ gab“, erklärt Sergey. Hier gehört die Steppe den Pferden und Kamelen, denen die schlossähnlichen Gipfel genauso gleichgültig sind wie menschliche Störenfriede. Dabei wurde mit denen nicht immer glimpflich umgegangen: In Torysh, dem Valley of Balls (Tal der Bälle), liegen überdimensionale Steinbälle über die Steppe verteilt, die Geologen zufolge Konkretionen aus der Jura- oder frühen Kreidezeit sind. Man kann aber auch der Legende glauben: „Es gab eine feindliche Invasion, und die Einheimischen flehten Gott um Hilfe an. Der verwandelte die Feinde dann in Stein.“

Wie immer in Mangystau ist die Fantasie frei. Jeder kehrt mit seinen eigenen Vorstellungen heim, doch in einem sind sich alle einig: Sergey ist die Nummer eins.