Reise

Finnen feiern Finsternis

Archivartikel

In der finnischen Stadt Turku bekämpft man die lähmende Dunkelheit mit reflektierenden Hosen, selbstleuchtenden Bänken und Heavy Metal.

Janne Auvinen kneift die Augen zusammen, als würde ihn die Sonne blenden, dabei ist es ein dunkler Wintertag, an dem er mit Fellmütze, Schal und dicken Handschuhen über die Fußgängerbrücke des Aura-Flusses stiefelt. Es ist 15 Uhr. Und wieder ist es dunkel, gefühlt wurde es nie richtig Tag, selbst am Mittag ist die Sonne matt wie hinter einer Milchglasscheibe. Janne prüft die Leuchtstrahler der Brücke, die alle paar Meter am metallenen Geländer angebracht sind. Der Mann, ein Lichtdesigner, erhellt mit dieser Überdosis Kilowatt die Stadt – und die Gemüter der Turkuer. „Im Moment gibt es so wenige Stunden Tageslicht, das macht schwermütig. Da muss nachgeflutet werden“, sagt der 55-Jährige.

Die 180 000-Einwohner-Stadt Turku, ganz im Südwesten Finnlands, liegt zwar immer noch gut 800 Kilometer südlich des Polarkreises, doch der Winter hat die Gegend fest im Griff. Eisschollen tanzen auf dem Fluss, die Wolken hängen tief, die tief stehende Sonne hat wenig Chancen. Bibliotheken, Läden, Häuser, Kneipen sind hell erleuchtet, Straßenschilder und Bäume werfen Schatten auf die Straßen und Gehwege. 876 Farben der Dunkelheit: mit Lichtinstallationen, Kunst und Aktionen die langen Nächte bespielen, das war Jannes Idee, ausgeheckt an einem Kneipenabend.

Es folgte ein handfestes Konzept, der Rest war Glück: 2011 bekam Turku den europäischen Kulturhauptstadtstatus, da flossen Gelder für Ideen, die sonst in den Schubladen der Behörden vergammeln. „Wer ein echter Finne ist, der braucht Ausdauer“, sagt Janne, „und Humor natürlich. Schrägen Humor am besten.“ Warum 876 Farben, wurde Janne gefragt. Warum nicht?, war seine Antwort. Eine Fantasiezahl. Der Mann mit dem Charisma eines lustigen Schankwirts lacht laut auf.

Das Projekt endete nach zwölf Monaten. Zumindest offiziell. Aber Jannes Idee wurde zum Selbstläufer und zu einer winterlichen Attraktion in Finnland. Häuserfassaden, Straßen, Parks, Gehwege, Brücken, das Schloss aus dem 13. Jahrhundert strahlen seither schon am Nachmittag im Kunstlicht, das Theaterfoyer leuchtet sogar die ganze Nacht. Janne steht jetzt am Ende der Brücke, zieht sein Handy aus der Tasche. Zu den jeweiligen Lichtinstallationen gibt es eine App mit Musikvorschlägen: Er drückt den Button Heavy Metal, wählt Stratovarius, seine Lieblingsband. Wirbelnde Schlagzeugsoli, kräftige Synthesizer. Stratovarius ist so was wie Rammstein des Nordens, ein musikalisches Aufputschmittel.

Vielleicht ist es genau das, was Turku im Winter so spannend macht: dieses Abseitige, Verrückte. In den Toreingängen baumeln bunte Lampions über Fahrrädern und Kinderwagen. Selbstleuchtende Bänke, an den Wegen der Stadtparks stecken flackernde Fackeln im Boden.

Und zu alledem blitzen an Pfosten, Hausmauern, Schildern Reflektoren in der Dunkelheit auf, auch an den Turkuern selbst, sie hängen an Taschen in Form von Blumenanhängern, an den Jacken und Hosen, als reflektierende Wolle in Schals und Mützen verwebt.

Turku ist eher Liebe auf den zweiten Blick. Mit weißen Ornamenten verzierte Jugendstilhäuser stehen neben schmucklosen Betonbauten, geduckte Holzkaten mit roten Fensterläden unweit abgeranzter 70er-Jahre-Hochhäuser.

Der Busfahrer stellt auf „Kaffeepausi“

Ein Hingucker ist die Markthalle, ein über 100 Jahre altes Backsteingebäude. Schwingende Holztüren. Lange Gänge, Krämerläden mit Postkarten, Wolle, Blumen, Lampen. Herbe Würze am Fleischstand, da stehen die Leute an: Rentiercremesuppe zum Mitnehmen.

Draußen stoppt ein Bus, der Fahrer schaltet die Anzeige „Kaffeepausi“ ein, steigt aus, geht ins nahe Café und bestellt fruchtige Heidelbeertorte.

Er kommt mit der Frau am Nebentisch ins Plaudern. „Ach, diese Lust auf Süßes – nach dem Winter habe ich zwei Kilo mehr, aber es tut gut gegen Schwermut“, sagt Saara Jonas. Mit Tageslichtlampen, Vitamin D, Kanaren-Urlaub stemmt sie sich gegen die Dunkelheit, aber „manchmal hänge ich einfach durch“. Hat auch Gutes: Melancholische Zeiten schärfen den Geist.