Reise

Friesisch herb

Archivartikel

Strandwanderungen in herrlicher Ruhe, Fahrradfahren durch Inselwälder und echter Algenkäse: Das Eiland Vlieland vor der niederländisch-friesischen Küste hat im Winter seinen besonderen Reiz.

Eigentlich hatte der Kurzurlaub auf den Westfriesischen Inseln schon mit der Fahrt auf der Fähre „Vlieland“ angefangen, die den Hafen von Harlingen auf dem friesisch-niederländischen Festland mit der Watteninsel verbindet. Entspannte Atmosphäre auf dem modernen Schiff, kein Gedränge, nur eine überschaubare Zahl von Urlaubern und Insulanern. In der Sommersaison kommen zu den knapp 1100 ständigen Einwohnern über 10 000 Urlauber auf die rund 20 Kilometer lange und etwas über zwei Kilometer breite und nahezu autofreie Insel, viele davon aus Deutschland.

Doch auch in der kälteren Jahreszeit hat die Insel ihre Reize für alle, die Ruhe, die Natur und die frische Luft an der Nordsee schätzen. Herrlich, die Wanderungen durch beschauliche Wäldchen im Inselinneren und entlang der endlos langen Strandküste an der manchmal wilden Nordsee.

Der einzige Ort, Oost-Vlieland, liegt an der ruhigeren Wattenküste im Norden der Insel. Im Inselsüden breitet sich die riesige Sandfläche „Vliehors“ aus, teils Naturschutzgebiet, teils Militär-Areal, eine „Sahara des Nordens“.

Lars startet seine Tour beim Waddencentrum „De Noordwester“, einer lohnenswerten Ausstellung zu Flora und Fauna der Insel. Das Watt vor der Südostküste Vlielands gehört mit den Wattlandschaften der anderen Westfriesischen Inseln der Niederlande, der deutschen und der süddänischen Nordseeküste zum Welterbe der Unesco. In dem einzigartigen Ökosystem leben mehr als 10 000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten.

Mit einem Spatenstich legt Lars den Untergrund des bei Ebbe trockengefallenen Meeresbodens frei. Der pechschwarze Modder unter der sandigen Deckschicht ist von Gängen der Wattwürmer durchzogen. „Die erschließen mit ihrer Untergrundarbeit gleichzeitig Sauerstoff und Nährstoffe für die tieferen Erdschichten“, erklärt der junge Mitarbeiter des Nationalparks, der im scharfen Wind auch ohne Mütze, Schal oder Handschuhe nicht zu frieren scheint.

Emilie Handorp freut sich, wieder einmal etwas Deutsch sprechen zu können. Sie ist Mitarbeiterin im Tromp’s Huis von 1575, dem ältesten Gebäude Vlielands, heute Museum zur Inselgeschichte. Es ist im Wohnstil einer wohlhabenden Familie restauriert wie zur Zeit vor mehr als 100 Jahren, als es die Familie Akersloot bewohnte. Hier startet nun ein Dorfrundgang zu den markanten Gebäuden des Ortes.

Zunächst geht es entlang der langen Dorpstraat mit ihren Geschäften, gemütlichen Restaurants und Cafés, aus denen abends Kerzenschein nach außen dringt, dann um die Ecke auf den Kirchplatz. „Die Nicolaaskerk“, so erzählt Emilie, „ist schon etwas Besonderes.“ Die 1605 errichtete Seemannskirche wurde rund 40 Jahre später zu einem kreuzförmigen Kirchenbau erweitert. Kirchenbänke, Kanzel und auch die wuchtigen Stützbalken für die Decke stammen von ausgeschlachteten Schiffswracks. Die Walfangtradition der Seeleute zeigt sich auf dem Friedhof. „Familien, die sich keinen teuren Grabstein für ihre lieben Verstorbenen leisten konnten, ritzten deren Namen und Daten stattdessen auf einen mächtigen Walknochen, der noch heute das Grab markiert“, weiß Emilie zu berichten.

Und jetzt aber los mit dem Leihfahrrad in die Dünenlandschaft: Germ Veenstra, der frühere Leuchtturmwärter, kennt jede Schaumkrone auf den Nordseewellen mit Vornamen. Schließlich hat der Oldtimer mit dem wettergegerbten Gesicht schon 30 Jahre Leuchtturmdienst hinter sich.

Heute bietet er Touren auf den Leuchtturm an, der sich auf der 42 Meter hohen „Vuur Boetsduin“-Düne erhebt und passierenden Schiffen mit inzwischen vollautomatischen Lichtsignalen einen sicheren Weg weist. „Die 1967 im Sturm gesunkene ,Margeriti‘ ist das letzte Wrack, das hier auf dem Meeresgrund liegt“, erzählt er, „danach wurden alle gestrandeten Schiffe dank besserer Technik geborgen.“ Eine Meereskarte der Inseln markiert rund 200 Schiffswracks, die allesamt Opfer wilder Nordseestürme wurden.

Nils Koster war einst Musiklehrer auf dem Festland. Heute produziert er mit der friesischen Käserei Kaaslust verschiedene Käsesorten. Der besondere Clou: Die Käselaibe reifen, nicht weit vom Inselleuchtturm, hinter dicken Betonwänden. Sie gehören zu den früheren Bunkerräumen des „Atlantikwalls“, den die deutsche Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs entlang der gesamten europäischen Nordseeküste anlegen ließ.

Nils Koster reicht einen Probierhappen herüber: „Algenkäse ist unser Star im Vlielander Kaasbunker. Die handgeernteten Vlieländer Algen sind für die grüne Maserung und vor allem für das würzige Aroma und die leichte Salznote verantwortlich.“

In der Tat ein köstlicher und ungewöhnlicher Genuss.