Reise

Frühling riecht nach frischem Brot

Wenn die letzten Skitouristen abgereist sind, dominieren im Ötztal Ruhe und Naturgenuss.

Frühmorgens hört man in Niederthai nur das Rauschen des Horlachbachs, das Blöken der Schafe und das Fluchen des Hirten, dem die Jungtiere beim Austrieb auf die Weide ständig entwischen. Er klemmt sich zwei Ausbüxer unter die Achseln, schiebt den dritten mit den in Gummistiefeln steckenden Füßen auf die Wiese, wo sich zwischen Altschneeresten frisches grünes Gras versteckt.

Während in vielen Regionen der nördlichen Alpen Schnee und Eis noch die Oberhand haben, zeigen sich im klimatisch begünstigten vorderen Ötztal und seinen Nebentälern bereits die ersten Frühlingsboten. Krokusse und Glockenblumen strecken im Tal wacker ihre Köpfe in die Sonne, während weiter oben teilweise noch geschlossene Schneedecken und braune Wiesen an den Winter erinnern. Nach der turbulenten Skisaison mit Après-Ski allerorten verwandelt sich das Ötztal in eine Ruhe-Oase.

Im stillen Horlachtal, einem naturgeschützten Nebental des Ötztals, um dessen einzige Ortschaft Niederthai der Fremdenverkehr einen Bogen gemacht hat, folgt man dem Schäfer über den Bergmahderweg. Über den Weg ziehen die Bauern noch wie im Mittelalter mit Sicheln und Karren an die steil abfallenden Wiesen. Er führt vorbei an der Alten Dorfschmiede. Drinnen schlägt Günther Falkner in uralter Familientradition auf den Amboss. Manch ein Gipfelkreuz entstand unter seinem Hammer und den Händen seiner Vorfahren. So auch die beiden Kreuze, die in 150 Meter Abstand auf dem 2309 Meter hohen Narrenkogel stehen, den sowohl Umhausen als auch Niederthai als ihren Hausberg betrachten.

Vom doppeltbekreuzten Gipfel aus lässt sich das Ötztal lesen wie ein Geschichtsbuch. Die Zungen des eiszeitlichen Ötztalgletschers hobelten das Tal zu einem langen Trogtal aus. Mehrere Bergstürze teilten es in fünf Stufen. Am Ende des Horlachtals stürzt sich der Stuibenfall eindrucksvolle 157 Meter in die Tiefe. Mit bis zu 2000 Litern pro Sekunde rauscht der Horlachbach über den höchsten Wasserfall Tirols an den Aussichtsplattformen des Stuibenfall-Wegs vorbei, wo er vergängliche Regenbogen zaubert.

Dabei „bestäubt“ er nicht nur die staunenden Wanderer, sondern auch die Erlen am Weg. Eine feine Schicht von Mineralienpartikeln lässt die Blätter geheimnisvoll glitzern. Der Wasserfall entstand vor rund 8700 Jahren, als ein fast 3000 Meter hoher Gipfel zusammenbrach und Ötz- und Horlachtal verschüttete. Nirgendwo erlebt man das Frühlingserwachen so intensiv wie in Farst, der ältesten Siedlung im Ötztal, deren sieben Bauernhäuser wie ein Adlerhorst auf einer Abbruchkante über dem Talboden kleben. Der warme Frühlingswind lässt die Birken im frischen Blätterkleid rauschen, weht ein leises Klingeln der Schafsglocken von der Alm herüber. An der Felswand gegenüber stürzt sich ein Schmelzwasserbach tosend ins Tal. In diese Klangkulisse mischt sich später das Mittagsläuten der Kirche im weit unten liegenden Umhausen. In dem Weiler, der auf 1500 Meter Höhe weitab von Skipisten und Hotelsilos liegt und im Winter oft vom Tal abgeschnitten ist, riecht der Frühling nach frischem Brot. Über der Glut eines dickbauchigen Holzbackofens wird es langsam braun. Die Farster sind bodenständige Menschen, solide wie die Balken ihrer Häuser, aber keine Hinterwäldler. Die fesche Wirtin der Jausenstation, die gerne ihr Wissen über den Ort und seine Bewohner teilt, hat die Liebe hierhergeführt. Mutig war die Entscheidung in doppeltem Sinn: Schließlich musste sie, bevor das Serpentinensträßchen von Umhausen herauf gebaut wurde, ihren Norbert in der alten Holzkiste besuchen, die heute als Transportseilbahn noch immer auf und ab rumpelt.

Bereut hat Karin Falkner die Entscheidung trotz der harten und ereignislosen Winter nie. Den freien Blick auf den Gurgler Kamm und seine mächtigen weißen Gipfel wolle sie gegen nichts in der Welt tauschen. Begierig wartet sie jedoch im Frühjahr auf die ersten Gäste, mit denen sie sich austauschen kann. Nicht nur ihres viel gelobten Lammbratens wegen nehmen auch Einheimische den mühevollen Aufstieg auf sich. Denn dabei wird man mit herrlichen Aus- und Tiefblicken belohnt.

Auf den Almwiesen der Reichalm liegt noch Schnee. Die Farster Familien kommen erst im Hochsommer zur Heumahd in die dunkel gestrichenen Hütten der Alm und bieten dann einfache Mahlzeiten an. Die Farster Bäuerin Mina erinnert sich noch daran, wie sie vor dem Bau der Seilbahn mit Ruckkörben voller Hühner, einem Schwein und 30 Brotlaiben auf die Sommerfrische zogen - und daran, wie ihr einst das Kind auf den steilen Wiesen abstürzte und wochenlang im Koma lag. Das Gras, so erzählt Mina, mähen die Männer heute angeseilt mit der Sense, gesichert wird auch das Heu gewendet und der Mist „händisch“ verteilt.

Den profanen Gedanken, dass sich das ohne den EU-Bergbauernzuschuss wohl niemand antun würde, verdrängt man schnell. Für die Farster gelten die Gesetze der Natur mehr als die des Marktes. Etwa 1000 Höhenmeter weiter unten scheint sich dies bereits umgekehrt zu haben. Zwar ist das schneeärmere Vordere Ötztal vom Skitourismus weitgehend verschont geblieben, dennoch sind sie nicht zu übersehen, die Begleiterscheinungen des winterlichen Massenansturms, die Seilbahnmasten, die sich in braune, steinige Hügel krallen, und Freizeitpaläste.

Die Wunden, die der Mensch der Natur zugefügt hat, sind aber nur kurze Episoden auf den Wanderungen im Vorderen Ötztal. Für immer ins Gedächtnis brennen sich hingegen die Naturerlebnisse: die Nachmittagssonne, die den stillen Pochersee im idyllischen Wörgetal in einen goldenen Spiegel verwandelte; die Gämsen, die ganz oben auf der 400 Meter hohen Armelenwand turnten; ein romantischer Morgen am Piburger See, der als blauer Farbtupfer inmitten einer riesigen bewaldeten Terrassenstufe vor Ötz liegt. Wieder zu Hause entdeckt man als Souvenir Harzflecken auf der Kleidung, die den intensiv-herben Geruch der Bergkiefern in die Nase steigen lassen. Und sofort ist man in Gedanken wieder in den Zirbelwäldern des Ötztals.