Reise

Frühstück mit Tukan

Archivartikel

Costa Rica punktet mit spektakulären Vulkanen und grünen Superlativen. Und mit einer Politik, die ganz und gar ohne Militär auskommt.

Ein wenig Grollen sollte schon zu hören sein. Schließlich muss er seinem indianischen Namen „grollender Berg“ gerecht werden. Oder wenigstens ein dünnes, schwefliges Rauchfähnchen aufsteigen lassen. Gebannt, voller solcher geheimer Wünsche starren in- und ausländische Besucher in den Krater des Irazú. Bläulich-grün schimmert tief unten der Kratersee, 300 Meter entfernt. Aber Costa Ricas höchster Vulkan schweigt und zeigt keinerlei innere Regungen. Und das ist natürlich gut so, denn im anderen Falle wären Neugierige gar nicht so weit in gut 3400 Meter Höhe vorgedrungen.

Als John F. Kennedy wenige Monate bevor er 1963 einem schießwütigen Landsmann zum Opfer fiel, zu Besuch im kleinen mittelamerikanischen Staat weilte, hatte der Irazú dagegen spüren lassen, dass in ihm sehr wohl vulkanische Energie steckt. Die nahe Hauptstadt San José deckte er mit einer schmutzig-grauen Ascheschicht zu. Kennedy war voller Mitgefühl und schenkte der Stadt zwei riesige Schneepflüge, die der Asche-Invasion ein schnelles Ende bereiten sollten.

Costa Rica ist ein Land der Vulkane. Fünf von ihnen gelten derzeit als aktiv. Der Besuch des Poás ist seit Monaten untersagt. Reisegruppen werden ferngehalten. Und Arenal und Turrialba verstecken sich zwar meist hinter dicken Wolkenbarrieren, aber ihr vermeintlicher Schlummer täuscht. Der Arenal, der sich markant aus flacher Landschaft erhebt, zerstörte im Juli 1968 die Ortschaften Pueblo Nuevo und Tabacon, was 87 Bewohner das Leben kostete. Bis vor neun Jahren spuckte er immer wieder Geröll und Lava aus. Der Arenalkegel wurde zur Touristenattraktion. Ein „Bilderbuchvulkan“! Investoren witterten gute Geschäfte, kauften Land auf und bauten rund um den Arenal Hotels für Vulkantouristen. Wer hier Quartier macht, wird durch Schilder aufmerksam gemacht, wo im Falle eines Ausbruchs sein Evakuierungsweg verläuft.

Aber Costa Rica ist nicht nur ein Land der Vulkane. Als Kolumbus im Jahre 1502 die karibische Küste des heutigen Costa Rica erreichte, waren die beutehungrigen Europäer vor allem auf Gold aus. Sie nannten sie deshalb erwartungsvoll „reiche Küste“. Gut drei Jahrhunderte beherrschten die Spanier den Landstrich als Kolonie. 1821 wurde Costa Rica unabhängig und das auf ganz friedliche Weise, ein Charakterzug, der sich 1948 mit der Abschaffung jeglichen Militärs vollendete.

Costa Rica begann mit seiner und von seiner Natur zu leben. Stolz zählt Marco Royo-Seemann seinen Besuchern die Superlative auf: zwar nur so groß wie Niedersachsen, aber mit unvorstellbarem Artenreichtum gesegnet. Mehr als 10 000 Pflanzenarten, 915 Vogel- und 223 Landsäugetierarten, 227 Reptilien- und mehr als 160 Amphibienarten, ganz zu schweigen von den 35 000 Insektenarten. Fast ein Drittel des Landes steht unter Naturschutz, 25 staatliche und private Nationalparks wetteifern um Gäste.

Links und rechts der Straße erstrecken sich auf der Fahrt in den Norden in Richtung Nicaragua die Ananas-, Zuckerrohr- und Maniokplantagen. Immer wieder unterbrochen von kleinen Dörfern. Typisch für sie ist die Dreieinigkeit von Kirche, Fußballplatz und Schule. Die umstrittene Palmöl-Gewinnung erobert neue Anbauflächen. Maria Luz Jimenez Badilla setzt dagegen auf Palmenherzen.

Aufwendig werden die stachligen Palmenstängel nach etwa 18 Monaten mit der Machete geschnitten, alles in Handarbeit. Jeder Hektar ergibt 500 Palmenherzen, nicht genug für Maria, um davon zu leben. Deshalb bietet sie nicht nur Besichtigungen für Touristen an, sondern in ihrem Restaurant an der Straße nach Puerto Viejo auch Speisen „con Palmito“.

Noch weiter nordwärts erreicht der Reisende über durchschüttelnde Pisten nahe Boca Tapada die Eco Lodge Maquenque. Der Rio Carlos muss mit dem Boot überquert werden, um die Lodge zu erreichen. Eine Großfamilie Nasenbären empfängt die Besucher in einem grünen Paradies zwischen Regenwald, Lagunen und Fluss. Der lautstarke Weckruf der Brüllaffen und der Blick von der Terrasse auf einen morgendlichen Gast in Gestalt eines ausgewachsenen Kaimans bleiben ebenso unvergessen wie die Futterorgie für grellbunte Tukane und Massen von Sittichen. Das Frühstück kommt dabei vor allem für die Fotografen zu kurz, auch wenn es landestypisch aus schwarzen Bohnen mit Reis besteht.

Auf Wanderungen durch den Regenwald, schlammbespritzt von unten, neugierig beobachtet von in schwindelnder Höhe lebenden Brüllaffen, wird der passionierte Naturfreund mit kleinen, vielfarbigen Pfeilgiftfröschen im Unterholz, giftgrünen Basilisken und immer wieder Leguanen konfrontiert. Die acht Hängebrücken, die im Nebelwald bei Santa Elena durch schier undurchdringliches Grün, aber auch zig Meter hoch über die Wipfel grenzenlosen Wachstums führen, vermitteln das Gefühl, eins mit der Natur zu werden. Pura Vida heißt Frohsinn, Glück und Lebensfreude in einem und wer nach Costa Rica reist, der ist gut beraten, ständig dieses Motto des Gastlandes im Kopf zu haben.