Reise

Ganz schön platt

Deutschlandreise Rund eine Woche braucht man für den Ostseeradweg von Flensburg nach Lübeck. Zwischenstopps in Strandkörben und Schlössern ersetzen verlorene Kalorien schnell.

Wer in Flensburg aufs Rad steigt, sollte vorbereitet sein: „Wo geiht’t?“ erfragt nicht etwa, wohin man fährt, sondern wie es einem geht. Schietwetter zieht schneller herein, als man denkt, und manche Etappe kann ins Wasser fallen. Ansonsten ist Radeln auf dem Ostseeradweg wie das Leben: mit viel Gegenwind oder Böen, die einen seitlich vom Deich stoßen können. Aber auch mit viel Sonnenschein und Naturschönheit, sodass Wetterkapriolen schnell verziehen sind.

Wer bei Flensburg nur an Punkte und Pilsener – kurz Flens – denkt, hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Deutschlands nördlichste Stadt war nämlich im 18. Jahrhundert ein wichtiger Handelshafen für die Dänisch-Westindien-Flotte. Damals gehörten die Karibik-Inseln St. Croix, St. Thomas und St. John zu Dänemark, von wo gebrannter Rum in die Flensburger Rumfabriken kam und veredelt wurde. Noch heute kann man Hochprozentigen in zwei Rumhäusern verkosten, zumal die Fahrradtour entspannt per Fähre nach Glücksburg beginnt. Dort ist das Wasserschloss Glücksburg mit seinen Türmchen und Spitzdächern aus dem 16. Jahrhundert das Highlight der ersten Etappe bis Kappeln.

Bald werden die Bilder der Renaissancebaukunst überlagert von schmalen Ostseepfaden, von wo man einen Fuß vom Sattel aus fast ins Meer stippen kann. Kappeln selbst mag manchen aus dem Fernsehen vertraut vorkommen. Das Fischerdorf war Drehort der Serie „Der Landarzt“. Ein Muss ist dort der etwa 500 Jahre alte Heringszaun, der einzige noch funktionierende in Europa.

Reicht der Mut am Ende der Tour für Labskaus?

Ab Kappeln geht es danach in zwei Etappen über Eckernförde zur schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel. Zunächst streckt die Ostsee einen Arm in Form der Schlei tief ins Land hinein. Jetzt wird Land- statt Meeresluft getankt.

Was aber nichts ausmacht, denn einige Gutswirtschaften und Herrenhäuser sorgen dafür, dass es den Augen genauso wenig langweilig wird wie den Radlerbeinen. Ein Zwischenstopp lohnt sich am Gut Ludwigsburg samt Burggraben, das auf den Grundmauern einer Wasserburg aus dem Mittelalter steht und die Liste der schönsten Barockbauten des nördlichsten Bundeslandes anführt.

Ob es dort tatsächlich spukt, kann man bei einem köstlichen Stück Kuchen erkunden. Und danach kann man gesättigt in Eckernförde den Fischern auf ihren Booten zuschauen, wie sie den Fang ausnehmen. Auf der nächsten Etappe folgt auf viele Dörfer und Weiden die Kieler Förde, die nach dem Landidyll mit ihren Uferbefestigungen und Hafenanlagen ungewohnt wirkt. Die Fähre ab Kiel-Falckenstein nach Laboe mit seinem langen weißen Sandstrand ist eine willkommene Erholung für die müden Radlerwaden. Findet man an der Küste keinen Schlafplatz mehr, bietet sich das etwa 15 Kilometer entfernte Schönberg an. Der Flecken sorgt am nächsten Morgen mit zahlreichen Deichkilometern mit Dünen- und Meeresblick für gute Laune. Reetgedeckte Häuser und Bauernhöfe dominieren auf dem Weg nach Heiligenhafen, mit Picknick am Weißenhäuser Strand und Kaffee und Kuchen im echt nordischen Bilderbuchort Oldenburg in Holstein.

Und spätestens in Heiligenhafen, wo sich schon der Dichter Theodor Storm zu seiner Novelle „Hans und Heinz Kirch“ inspirieren ließ, kommt echtes Ostsee-Urlaubsfeeling auf. Ein Abstecher in das von Grün und Vögeln beherrschte Naturschutzgebiet Graswarder lohnt sich genauso wie abends einer auf die Seebrücke.

Gegen Tagesende steht man indes vor einem Dilemma: Reicht der Mut nach fast einer Woche im Norden endlich für die Bestellung von Labskaus? Nun mag die Kombination von Rindfleisch und Matjes gemeinsam mit Kartoffeln, Roter Bete und sauren Gurken gerade Süddeutschen gewöhnungsbedürftig erscheinen, doch nach der Tuchfühlung mit diesem Gericht lautet das Fazit: unbedingt probieren!

Und irgendwann, mit neuer Labskaus-Energie, steifen Beinen und dem Kopf voller Impressionen, ist sie erreicht – die Hansestadt Lübeck mit ihren sieben Türmen. Einen für jeden Tag einer stolzen körperlichen Leistung und fantastischen Radtour.