Reise

Gegen den Strom

„Lebensspur Lech“ heißt ein grenzüberschreitendes EU-Projekt. Auf einer gut 90 Kilometer langen Fernwanderstrecke lassen sich die Kraft und Heilwirkung des Wassers, Natur und Ruhe erfahren.

Der Lech ist ein wilder, ungestümer Fluss. Der letzte wilde der Nordalpen, einer der letzten in Europa. Mal schimmert er türkis, mal changiert er in Jadegrün. Ungezähmt und ursprünglich rauscht er auf seinem Weg zur Donau durch das österreichische Lechtal und passiert bei Füssen die Grenze ins bayerische Allgäu. Am Füssener Lechfall stürzen die Wassermassen über das historische Kaskadenwehr und zwängen sich geräuschvoll durch eine enge Schlucht. Die Stadt am Fuße der Alpen, die sonst auf romantische Schlösser wie Neuschwanstein spezialisiert ist, hat eine neue Bestimmung gefunden: den Lech.

Schon lange kann auf dem Lechweg von der Quelle am Arlberg bis Füssen gewandert werden. Vor vier Jahren verbanden sich das Allgäu und Tirol zum grenzüberschreitenden EU-Projekt „Lebensspur Lech“, einer 90 Kilometer langen Strecke, auf der sich die Kraft und Heilwirkung des Wassers erfahren lassen.

Der „Schlaflotse“ hilft in den Schlummer

Auf dieser Lebensspur läuft vieles gegen den Strom. Bewusst folgt sie nicht der Fließrichtung, sondern von der Stadt ins Ursprungsgebiet, vom Trubel zur Ruhe. „Am Lech kann man zu sich zurückfinden“, sagt Stefan Fredlmeier. Der Direktor von Füssen Tourismus ist der Motor des Projektes, das auf eine gesunde Lebensweise abzielt. Viele Menschen können nicht abschalten und nicht mehr schlafen. Statt zur Pille solle man auf die Natur zurückgreifen, ist Fredlmeiers Überzeugung. „Deshalb haben wir den Lech mit Kneipp aufgeladen.“

Im Allgäu hat das Thema eine lange Tradition. Füssen ist seit mehr als 80 Jahren ein Kneipp-Kurort. Mit der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde eine auf dem Kneipp’schen Naturheilverfahren basierende Ausbildung zum „Schlaflotsen“ entwickelt. Inzwischen helfen zwölf Schlafgastgeber mit einfachen Kniffen Schlaflosen in den Schlaf. Am Tage radelt man sich auf der neu angelegten Kneipprunde fit. Eine 26 Kilometer lange Strecke, die die Theorie des „Wasserdoktors“ erlebbar macht. Landschaftlich ausgewählt schöne Plätze, ausgestattet mit Ruhebänken, Trinksäulen, Arm- und Tretbecken. „Das Armbad ist der Espresso des Kneippianers“, sagt die Kneipp-Pädagogin Claudia Ziegler. Der kalte Reiz meldet an Gehirn: Wärme in die Arme schicken. „Das Blut beginnt zu zirkulieren, alles prickelt und macht wach“, sagt sie.

Hinter Füssen beginnt das Lechtal, das Anti-Stress-Tal. Der Lech sei ein wilder Fluss, aber ein Freund, sagen hier die Leute. Weil er Kraft und Energie spendet. Er mäandert durch Wiesen, Auen und mächtige Schotterbänke. „Das Beständige ist seine Unbeständigkeit“, sagt Sarah Lechleitner im Naturpark Tiroler Lech. Die enorme Dynamik des Wildflusses zeigt sich am kalkweißen Geschiebe, das in großen Mengen aus den Gebirgsbächen der Seitentäler in den Fluss rutscht. „Die Inseln sind ideal zum Wandern“, sagt die Naturführerin, findet dort Fossilien, sogar Edelweiß und kneippt mit Interessierten im eisigen Wasser. Den touristischen Aufschwung der 80er Jahre hat das Tal weitgehend verschlafen. Dadurch ist es, was es heute ist: ein naturbelassenes Idyll mit Dörfern und Menschen, die diesen Luxus erhalten wollen. Wie Elmar Blaas in Holzgau. „Weniger ist mehr“, sagt er und zählt auf: weniger Smog, Lärm, Industrie, Hotels. „Aber keineswegs weniger Qualität“, betont der 47-Jährige, der Hotelier, Vorsitzender des Holzgau Tourismus und ein überzeugter Verfechter der Lebensspur ist.

Im 410-Einwohner-Dorf lächeln Engel und Heilige in barocker Lüftlmalerei von den Fassaden der historischen Bauernhäuser. Über der Höhenbachtalschlucht spannt sich die 110 Meter hohe Seilbrücke vom Sonnenplateau am Schiggenberg zu den Bergwiesen des Gföllberges. Zu diesem schwebenden Abenteuer führt auch der neue Vital-Panoramaweg. Das Reasabachle schickt gurgelnd reines Quellwasser bergab. „Das Wasser dürfte fünf bis acht Grad haben“, schätzt Blaas – die Temperatur der Lebensfreude.

Und es geht mit noch weniger. Keine Läden, keine Lifte, keine 4-Sterne-Wellness. In Hinterhornbach, Pfafflar, Gramais und Kaisers sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht. Denn viel entlegener und verwunschener geht es in den Seitentälern des Lechs nicht. Sie nennen sich „Auszeitdörfer“, weil bei ihnen vollkommene Ruhe herrscht. Womöglich singt ein Berglaubsänger, röhrt ein Hirsch oder donnert ein Gebirgsquell. Mehr an Krach ist kaum zu haben. „Hinterhornbach liegt am Ende der Welt“, sagt Norbert Lechleitner im Hinterhornbachstüberl. „Oder am Anfang“, fügt er verschmitzt hinzu.