Reise

Geheimes New York

Governors Island ist ein Sanatorium für die Sinne, nur eine achtminütige Fährfahrt vom hektischen Manhattan entfernt.

Ein Sommersonntag in New York. In den Häuserschluchten Manhattans steht die Luft, Taxis hupen um die Wette, der Schweiß rinnt. Jetzt heißt die Lösung: auf zum Battery Maritime Building und ein Ticket Richtung Governors Island ziehen. Schon bevor die Fähre ihre Leinen losmacht, flattern Kleider, streift eine kühle Brise die Haut, eine Wohltat. Nur acht Minuten dauert die Überfahrt. Halbstündlich entlädt das Schiff heute Trauben von Wochenendausflüglern: Familien, Radfahrer, Freundesgruppen mit Bollerwagen. Unter ihnen viele Touristen, aber auch New Yorker. Vollständig herumgesprochen hat sich diese Freizeitoase allerdings noch nicht. Zu lange war sie der Bevölkerung verschlossen.

Wer hier, auf dem 70 Hektar großen Eiland zwischen Manhattan und Brooklyn, von Bord geht, wähnt sich sofort in einer anderen Welt. Schlagartig ist der Verkehrslärm verstummt, Autos sind hier verboten. Allein ein paar Helikopter knattern über die Insel hinweg. Es duftet nach Gras und Seeluft. Ein Sanatorium für die Sinne. Fast surreal erscheinen von hier die silbern glänzende Skyline, das steil emporragende One World Trade Center.

Seit niederländische Siedler die Insel vor rund 400 Jahren für „zwei Äxte, eine Perlenkette und eine Handvoll Nägel“ von den indigenen Lenape erworben haben, ist viel geschehen. Sie ging erst in britische, nach der Unabhängigkeit schließlich in amerikanische Hand. Ende des 18. Jahrhunderts wurde Governors Island zu einer US-Militärbasis und blieb es für rund 200 Jahre. Um mehr über die große Geschichte des Eilands zu erfahren, nehmen Volontäre der „Friends of Governors Island“ Interessierte auf einstündige Spaziertouren mit. Zum Team gehört auch Debbie.

Die Insel sieht aus wie ein Eis in der Waffel

Am Info-Center nahe dem Fähranleger wartet sie schon und erzählt über die Ereignisse im Fort Jay, im Castle Williams; beide Festungen überdauerten Jahrhunderte. Dann geht es entlang der hübschen, historischen Holzhäuser im Schatten spendenden Nolan Park, Debbies persönlichem Lieblingsort auf Governors. „Lange Zeit war die Insel aus Sicherheitsgründen gar nicht auf Landkarten verzeichnet“, erklärt sie. Von den Unabhängigkeitskriegen bis hin zum Zweiten Weltkrieg war dies Stützpunkt und auch Heimat von Soldaten, Offizieren und ihren Familien. „Auf diesem Grund wurde der D-Day geplant, und zum Ende des Kalten Krieges trafen sich hier sogar einmal Gorbatschow, Reagan und Bush“, erklärt sie auf Höhe der Colonels Row, einer herrlichen Allee hochgewachsener Platanen. Acht historische Backsteinvillen stehen hier in Reih und Glied. „Die Offiziersfamilien lebten damals noch direkt am Strand“, so Debbie, „hier verlief bis etwa 1912 nämlich noch die Küste.“

Und dies erkläre die heutige Form der Insel, die aussieht wie eine Eiskugel in der Waffel. Genau jene „Waffel“ wurde erst vor gut 100 Jahren hinzugefügt: Rund 3,5 Millionen Kubikmeter Erde und Schutt, beim Bau der Lexington-Avenue-U-Bahn aus dem Boden gebaggert, verschiffte man nach Governors Island und vergrößerte die Militär-Insel so um mehr als das Doppelte. Wohn- und Lagerbaracken entstanden, ein Flugplatz und auch die über 300 Meter lange, U-förmige Kaserne Liggett Hall. Ein Torbogen, von dem Kunstinstallationen prangen, führt durch das Gebäude hindurch. Auf der anderen Seite: die Liggett-Terrassen. Gut gelaunte Ausflügler stehen an kleinen Büdchen Schlange, lechzen nach Eis, Kokoswasser, Falafel-Wraps. Kinder tollen auf dem Spielplatz, planschen an der Wasserfontäne, sausen die Zip-Line hinab. Dies alles ist erst seit rund sechs Jahren möglich.

Nachdem das Militär Governors Island 1966 zunächst an die Küstenwache übergab, erwarb 2003 schließlich die Stadt New York das Eiland – für genau einen Dollar. Nur: was tun mit der verwitterten, verwaisten Insel? In einer Ausschreibung setzte sich der niederländische Landschaftsarchitekt Adriaan Geuze mit innovativen Plänen durch, ließ nutzlos gewordene Gebäude abreißen und verwandelte den Grund in eine wunderschöne Parkanlage samt vier Hügeln, genannt „The Hills“. Der Weg dorthin führt auf sanft geschwungenen Pfaden auch durch den „Hammock Grove“. In seinen versteckten Hängematten lassen Besucher entspannt die Seele baumeln. „Seit der Park 2014 geöffnet wurde, hat sich alles verändert. Die rund 3000 Bäume und 43 000 Sträucher, die gepflanzt wurden, sind ordentlich gewachsen“, so Debbie.

Unversehens öffnet sich der Blick in die Ferne: auf keine Geringere als Lady Liberty. „Die Anlage wurde exakt durchdacht“, erklärt Debbie, als die Tour am 20 Meter hohen Aussichtshügel endet.

Kinder und Erwachsene kraxeln die zur Treppe gestapelten Granitbrocken hinauf, um die 360-Grad-Aussicht zu genießen. Die Hügel erfüllen indes noch einen weiteren Zweck: Sie dienen als Bollwerk gegen zukünftige Sturmfluten.

Zeit, weitere Facetten der Insel zu erkunden. Das geht prima zu Fuß, zügiger und komfortabler jedoch mit dem Leihrad. In rund 3,5 Kilometern ist die grüne Perle umrundet – mit grandiosen Ausblicken. Und wer hätte gedacht, dass es hier sogar Erdbeeren zu naschen gibt. Der urbane „Teaching Garden“ für Schulklassen aus ganz New York ist an Wochenende für jedermann geöffnet.

Jeden Sommer wird Governors Island zur riesigen Spiel- und Picknickoase. Am Ende des Tages gilt für alle dasselbe: Ob Tourist oder Aussteller, Gastronom oder Fährschiffer, alle müssen das Eiland spätestens mit dem letzten Schiff verlassen. Denn wohnen darf hier niemand – übernachten jedoch schon.