Reise

Gischt, Gärten, gute Geister

Archivartikel

Wilde Natur, skurrile Typen und ein tiefer Blick in die irische Seele: Die Küstenstraße Wild Atlantic Way erschließt die schroffe Schönheit am Rande Europas.

So ganz klar ist nicht, ob die beiden Hipster nach Luft schnappen oder ob sie den Mund nur vom Staunen nicht mehr zubekommen. Sie stehen am Rand Europas und starren hinab, auf Irlands spektakulärste Wellenbrecher, die Cliffs of Moher. Ein paar Meter weiter beugen sie sich der Wucht der Erfahrung und legen sich auf den Bauch, um am Rand der 200 Meter hohen Felsen nicht ins Taumeln zu kommen. Unten vollführt der Atlantik seinen Frontalangriff auf die Küste.

Auf dem „Wild Atlantic Way“ sind die Steilklippen nur eine von vielen Perlen, die sich im Halbtagesrhythmus aneinanderreihen. Vor fünf Jahren erfand das irische Tourismusbüro diese Autoroute, die auf fast 2600 Kilometern und teils spektakulären Straßen entlang der Westküste der Insel führt. Sie verbindet Strände, Klippen, Dörfer und Landhäuser von Malin Head in Donegal bis Kinsale in Cork. Die Straßen waren schon vorher da, die Landschaft auch. Die Iren haben es aber geschafft, mit der neuen Marke einen Besucherboom zu generieren: Mehr als 31 Millionen Menschen kamen bereits.

Dennoch: Voll ist es nie. Und wer langsam genug fährt – etwa entlang der südlichen Hälfte – trifft zwischen den Landschaftshighlights Menschen wie Oonagh O’Dwyer in der Nähe des Surfer-Hotspots Lahinch. Die Botanikerin schwärmt von den glibberigen Pflanzen auf den Felsen: „Hier“, sagt sie und zeigt auf die von der Ebbe freigelegte Felsküste, „hier ist das Schlaraffenland.“ Matschbraune Algenhaufen und labbriges Seegras machen nicht wirklich Lust aufs Probieren.

Ein Schwein schlummert im Schaumbad

Doch O’Dwyer hüpft von einem glitschigen Stein zum nächsten: „Kommen Sie, hier wächst Lappentang! Schmeckt nach Nuss. Delicious!“ Mit interessierten Wanderern streift die 52-Jährige an der Küste entlang und sammelt Seetang. Sie rattert Rezepte runter (Tang-Spaghetti, Algen-Pannacotta) und gibt Hinweise zu Heilanwendungen („Seetang ist eine Jodbombe!“). Das Örtchen Doolin, sieben Kilometer oder gut zwei Wanderstunden nördlich der Cliffs of Moher, gilt als Hauptstadt der traditionellen irischen Musik, „trad“ genannt. Der Marsch von den meist überlaufenen Klippen hierher lohnt sich. Spätestens im Bett, nach drei Guinness in McGann’s, O’Connor’s oder McDermott’s Pub, vermischen sich das Brausen des Winds über den Klippen, das Grollen der Wellen gegen die Küste und die Irish-Fiddle- und Dudelsackweisen zu einer Playlist, die im Gedächtnis bleibt.

Nahe Glengarriff im County Cork haben der frühere Kriegsreporter Kurt Lyndorff (62) und die Künstlerin Sheena Wood (58) ein Gartenzauberland geschaffen: „The Ewe Experience“. An einem bewaldeten Hang fügen sich ein Wasserfall, verschlungene Wege, Lichtungen und Skulpturen zu einem Gesamtkunstwerk. Da sonnt sich ein Nashorn im Bikini, ein Schwein schlummert im Schaumbad. Es gibt eine Schafherde, geformt aus alten Kleiderbügeln, Gesichter aus getragenen Hosen. „All unsere Skulpturen sind aus recyceltem Material gemacht“, sagt Wood. „Wir wollen Menschen zum Nachdenken über Kunst und Natur bringen – und über das Leben an sich.“ Niemals würden Besucher beim ersten Mal alles sehen, sagt sie. „Es gibt so viel zu entdecken. Sogar ich stoße ab und zu noch auf etwas, das ich vor Jahren kreiert habe, jetzt aber völlig überwuchert ist.“

Im gut 400 Jahre alten Ballyseede Castle Hotel bei Tralee sollen gleich mehrere Geister ihr Unwesen treiben (ein Geköpfter, mehrere Ermordete). Am harmlosesten ist sicher Hilda, die letzte Nachkommin der Schlossbesitzerfamilie Blennerhassett. Sie sucht seit ihrem Tod 1966 Hotelgäste und Mitarbeiter heim. Dienstmädchen kündigten nach Sichtungen von Hilda, Gäste berichteten von merkwürdigen Geräuschen. Neben dem Hotelparkplatz weiden heute drei Esel. „US-Amerikanern sagen wir, dass sie namenlos sind“, sagt die Kellnerin, „aber sie haben alle denselben Namen.“ Kunstpause. „Sie heißen Trump!“

In den Ruinen der einstigen Mönchssiedlung auf der Insel Skellig Michael zückt Ildar Bacilla seine Plastikwaffe. Der Russe ist aus seiner Heimat auf die kleine Insel zwölf Kilometer vor der Küste von County Kerry gepilgert, hat sich in eine Sturmtruppen-Uniform geworfen und lässt sich gerne fotografieren. Wie er kommen viele „Star Wars“-Fans auf die Unesco-geschützten Felsen, seit hier das Finale von „Das Erwachen der Macht“ gedreht wurde. Wer sich nicht von Luke Skywalkers Zufluchtsort ablenken lässt, stellt sich unwillkürlich die Frage: Wie haben einige Dutzend Mönche vor 1300 Jahren den steilen Felsen mit ihren Booten erreichen und erklimmen können? Wie konnten sie 200 Meter über dem Meer in Steinhäusern Winterstürme, Wikingerüberfälle und Krankheiten überdauern? Und wie von Regenwasser, den Produkten eines winzigen Ackers, Fischen und erlegten Papageientauchern überleben? Es wird ein Rätsel bleiben.