Reise

Glasklare Sache

Früher hing Obst am Weihnachtsbaum, dann wurde in Lothringen die Christbaumkugel erschaffen.

Das Wetter war schuld. Schon damals, Mitte des 19. Jahrhunderts, machte es den Bewohnern im Bitcherland im französischen Lothringen einen Strich durch die Rechnung. Der Sommer 1858 war miserabel, die Obsternte fiel flach und löste in der Weihnachtszeit den großen Blues aus. Womit sollten die Menschen nun ihre Weihnachtsbäume schmücken? Damals hängte man vor allem Äpfel und andere Früchte an die grünen Zweige. Ein Glasbläser hatte eine geniale Idee, die um die Welt ging und bis heute Glück und Freude in unsere Wohnzimmer bringt: Er fertigte runde, bunte Objekte mit Henkel. Die Christbaumkugel war geboren, wenngleich auch andere Regionen wie Lauscha in Thüringen die Erfindung für sich reklamieren.

Heute erblickt alle 60 Sekunden eine neue Weihnachtskugel im Bitcherland das Licht der Welt. In Meisenthal, einer ehemaligen Glasmacher-Hochburg an der Grenze zum Saarland, schwitzt ein Dutzend Glasbläser. Eine von ihnen ist Marie Holer. Sie taucht ihre Glaspfeife in die glutflüssige Schmelze, die an einen Lavastrom erinnert. Das mehr als 1000 Grad heiße, flüssige Glas bleibt kleben wie Honig. Damit nichts auf den Boden tropft, muss die junge Frau die Pfeife ständig drehen und schwenken. Zwischendurch bläst sie Luft in die Masse, so entsteht ein kugelförmiges Objekt. Ein Pressvorgang in einem Model legt die endgültige Form fest. Noch schnell ein Henkel obendrauf, fertig ist der Weihnachtsbaumschmuck.

Marie nimmt einen schnellen Schluck aus der Pulle, wischt sich den Schweiß an einem Handtuch ab und weiter geht’s. „Die Arbeit ist anstrengend, aber Glas fasziniert mich immer wieder neu.“ Das gilt auch für zwei Dutzend Zuschauer, die Marie und ihren Kollegen wie gebannt auf die Finger schauen. An den Adventswochenenden kommen Tausende Menschen, um sich in Weihnachtsstimmung zu bringen. Dabei sind Meisenthal und das Bitcherland kein touristischer Hotspot. Man kann ein paar Burgen, Mühlen und Sägewerke besichtigen. Der Rest ist ein Naturpark voller Bäume.

Lucien Fleck hat früher in der Forstwirtschaft gearbeitet, heute betreut er das Glasmuseum in Meisenthal und sagt: „Wir haben 30 Kilometer Wald – in jede Himmelsrichtung.“ Lucien hat die komplette familiäre Glaskunst dem Museum vermacht. Nur die Weihnachtskugeln sammelt er weiterhin.

Jedes Jahr kommt ein neues Designerstück heraus, das ein Künstler kreiert hat und in der Werkstatt im Akkord geblasen wird. 2018 war es eine Artischocke, von der gut 50 000 Stück über die Theke gingen. „Jeden Nachmittag mussten wir das ,Ausverkauft‘-Schild aufhängen“, erzählt Fleck. Damit knüpft man an die guten alten Zeiten an, als bis zu 80 000 Christbaumkugeln pro Saison in der Nachbarstadt Götzenbruck produziert wurden. Das Aus kam mit der Plastikkugel in den 1960er Jahren.

Erst um die Jahrtausendwende gelang es wieder, Glasbläser anzusiedeln und den Hype rund um die Weihnachtskugel auszulösen. Heute ist Meisenthal sogar Ausbildungszentrum, das sich über Reputation in ganz Europa freut.

Da kann nur Vannes-le-Châtel mithalten, in das ebenfalls junge Menschen kommen, um Glasbläser zu werden. Auch dort dreht sich in der Vorweihnachtszeit alles um Christbaumkugeln. An den Wochenenden stehen die Besucher Schlange, um ihren eigenen Schmuck für den Weihnachtsbaum zu blasen. Sie landen bei Antoine Mexmain.

Der 27-jährige Glasbläser erklärt zu Beginn des Kurses, welche Farben und Verzierungen möglich sind. Kaum hat man sich für Rot, Weiß, Gelb, Blau oder Grün entschieden, hält man auch schon die gut einen Meter lange Glaspfeife in den Händen. Am Anfang darf man nur einmal kurz hineinpusten, damit eine Luftblase entsteht. Anschließend wälzt Antoine die Glasmasse hin und her. Erst das kurze Pressen in einem Model, wodurch das Glas Rillen erhält, und das Eintauchen ins Farbpulver sind wieder Arbeiten, die auch Laienhände vollführen können. Danach streckt Antoine dem Besucher wieder die Glaspfeife hin.

Die Kunst besteht darin, kräftig und kontinuierlich zu pusten – aber nicht zu fest, sonst reagiert die Masse beleidigt und die Kugel kriegt Beulen oder Löcher. Zum Kühlen wandert die Kugel in den 500 Grad heißen Ofen, der die Temperatur peu à peu runterfährt. Erst nach zwölf Stunden ist sie reif für den Baum und wird deshalb per Post an die fleißigen Glasbläser gesandt.