Reise

Gletscher und Kaiserschmarrn

Archivartikel

Seit Juli können Wanderer auf 119,5 Kilometern in sieben Etappen Südtirols höchsten Berg Ortler umrunden. Zwischen Alto Adige und der Lombardei warten Höhenmeter und Hüttenflair.

Der Gipfel ist nicht das Ziel: Beim neuen Ortler Höhenweg geht es darum, den 3905 Meter hohen Berg zu umrunden und dabei die Veränderungen von Landschaft und Dorfkultur zu erleben. Schon jetzt gilt das als eine der anspruchsvollen Höhentouren der Alpen, denn 8126 Höhenmeter sind zu meistern, bis auf maximal 3258 Meter. Startpunkt ist der Stilfser-Joch-Pass, weiter geht es durch den Nationalpark Stilfser Joch – den einzigen Südtirols – bis in die Lombardei nach Sant’Antonio, zum Cancano-See und zurück. Wer weniger Bergerfahrung hat, sollte spätestens an Tag vier einen Bergführer mitnehmen: Da geht es zwischen Zufallhütte und Casatihütte in der Lombardei über einen Gletscher.

„Ich bin der Ernscht“, stellt sich einer der erfahrensten Bergführer der Region vor, Ernst Reinstadler (72). Mit Latzhose, Karohemd und Tirolerhut, an dem Alpenrose und Enzian stecken, ist er startklar. „Ich war etwa 1000-mal auf dem Ortler, das erste Mal mit 13 Jahren, teils barfuß, weil die Schuhe nichts waren.“ Frisch lackierte Wegweiser aus hellem Holz zeigen, wo’s langgeht – darauf abgebildet stets auch das Wappentier des Stilfser Jochs, ein Steinadler, den man mit etwas Glück am Himmel entdeckt.

Gerade wer im Frühsommer wandert, wird einen Bergführer bald zu schätzen wissen. Dann kann stellenweise noch Schnee die Wege unpassierbar machen, eine trittsichere Alternative vom Bergkenner ist gefragt. Reinstadler kennt jeden Zwei- und Dreitausender um den Ortler herum: „Ortler, Zebru und Königsspitze bilden das sogenannte Dreigestirn“, erklärt er. Auch Reinhold Messner bestieg den Ortler mehrmals und entdeckte neue Wege. „Heute hat er hier aber nur noch Yaks, die er im Sommer von Sulden hoch zum Madritsch treibt.“

Wenn alle schweigen, ist die Bergstille vollkommen. Was nicht immer der Fall war: „Hier am Stilfser Joch, über den Ortler und bis zum Gardasee verlief von 1915 bis 1917 die Front im Ersten Weltkrieg“, weiß Reinstadler. Es waren Österreich-Ungarn und Italien, die sich feindlich gegenüberstanden und einen Hochgebirgs- und Stellungskrieg führten. „Der Weg bildete die Grenze zwischen der Habsburgermonarchie und Italien.“

Der Gebirgskrieg war Strategie – je höher die Berge besetzt waren, desto besser konnte das Umfeld beobachtet und verteidigt werden. „In den 1950ern und 60ern wurde auf diesen Wegen dann Tabak aus der Schweiz zu uns rübergeschmuggelt“, verrät Reinstadler. Egal, ob man allein oder mit Guide läuft, Reinstadlers Motto sollte jeder Wanderer beherzigen: „Man muss ganz gemütlich gehen, dann verteilt man seine Energie und kommt schneller ans Ziel als die, die rennen und außer Puste sind.“

Das gemächliche Laufen erlaubt, den am Wegesrand blühenden Enzian zu bewundern oder zartlila Alpenglöckchen, die ihre Köpfe aus dem Schnee hervorstrecken. Die toughste Alpenpflanze ist der gern zwischen Steinen wachsende Gletscherhahnenfuß, eine zarte Blüte mit gelbem Stempel und weißen Blütenblättern, die als einzige in Höhen bis zu 4275 Metern überlebt.

Reinstadler hält mit dem Fernglas Ausschau nach Alpensteinböcken oder Gämsen, aber die sind meist schüchtern, im Gegensatz zu Murmeltieren, die neugierig aus ihren Löchern schauen und spitze Warnschreie ausstoßen, wenn sie sich bedroht fühlen. Das Bergpanorama verändert sich wie in Zeitlupe, mal ist der Weg steil und fordernd, mal zieht er sich sanft entlang von Bergseen, in denen sich die Gipfel spiegeln.

Verpflegung und Übernachtung gibt es auf den Hütten – wo es normal ist, bereits am Vormittag mit einem Kräuterschnaps begrüßt zu werden, schließlich brauche man ja Energie und gute Laune für den Weg. Die Düsseldorfer Hütte wirbt auf 2721 Höhenmetern mit ihren Südtiroler Käseknödeln, die Zufallhütte mit Kaiserschmarrn und Sauna. Irgendwann ist es egal, wo man ankommt – das Essen könnte nirgends besser schmecken als in der klaren Höhenluft, und das sich ringsum entfaltende Panorama macht eins schnell klar: Einen Gipfel zu erreichen wird eindeutig überbewertet.