Reise

Italiens Amalfiküste Wandern im Land der Sirenen und zu den Lieblingsorten der Reichen und Schönen

Göttliches Küstenpanorama am Götterweg

Im italienischen Positano an der Amalfiküste wohnen die Reichen und Schönen in Villen mit Meerblick. Noch besser ist aber das Panorama am Götterpfad, den können auch weniger Betuchte wandern.

„Im Italienischen gibt es kein Wort für Wandern“, sagt Wanderguide Petra Mazzola. „Corso“ bedeute lediglich spazieren gehen oder promenieren, erklärt sie. Fürs Wandern mussten die Südeuropäer aber Anleihen aus dem Englischen nehmen. Den Ausdruck „Il Trekking“ verwenden sie, wenn es über Stock und Stein geht. Was scheint, als handele es sich um eine linguistische Feinheit, hat durchaus konkrete Auswirkungen auf den Touristen unserer Tage.

Verführerischer Gesang

Weil die Italiener ungern wandern, trifft man auf den Wegen entlang der Amalfiküste kaum Einheimische. Das Wegenetz ist allenfalls durchschnittlich ausgebaut, die Pfade sind nur sparsam gekennzeichnet. Wer mit Petra Mazzola unterwegs ist, für den ist das aber kein Problem. Die Österreicherin, die der Liebe wegen lange in Italien lebte, kennt alle Wanderwege, auch den „Sentiero degli dei“. Der Götterweg trägt seinen Namen durchaus zu Recht. Denn auf ihm genießt man eine Aussicht über die Küste, die mit dem Wort „göttlich“ völlig unzureichend beschrieben wäre. Seinen Namen hat der Panoramaweg, der im Örtchen Agerola bei Neapel beginnt, aber nicht wegen der famosen Fernsicht erhalten, sondern weil hier zur Römerzeit besonders viele Tempel standen.

Der Blick von der Steilküste reicht auf der einen Seite bis hinüber nach Capri, der Insel, die vor allem wegen ihrer „Blauen Grotte“ und ihrem den Fischern gewidmeten Liedgut bekannt ist. Auf der anderen schweift er zu den Galli-Inseln, auf denen einst die Sirenen lebten, Fabelwesen, die mit ihrem betörenden Gesang Seeleute anlockten, um sie dann zu töten. Auch Odysseus segelte der Legende folgend hlmkier vorbei. Er aber konnte den todbringenden Liedern listenreich widerstehen. Er ließ sich am Mast seines Bootes festbinden und seinen Seeleuten mit geschmolzenem Wachs die Ohren versiegeln. So konnte er dem Gesang der Sirenen lauschen, ohne von ihnen ins Jenseits gezogen zu werden.

Petra Mazzola erzählt noch von einem anderen Bewohner der Inseln: 1924 hatte der russische Choreograf und Tänzer Léonide Massine die Inselgruppe gekauft und ließ dort eine riesige Villa errichten, die viele Jahre später dann in den Besitz des legendären Balletttänzer Rudolf Nurejew überging. Wer genügend Kleingeld hat, kann sich heute selbst in der Nurejew-Villa zur Übernachtung einquartieren. Die gehört inzwischen nämlich einem Touristikunternehmer und der vermietet sie für schwindelerregende Summen.

Bergab zu Clooney und Gere

Entlang des Götterweges muss man noch weiteren Versuchungen widerstehen. Der führt nämlich durch schattige Wälder, über blühende Wiesen und immer wieder zu Aussichtspunkten hoch über dem Meer. Und den Sirenen gleich wollen sie den Wanderer verführen vom Pfad abzuweichen, hier eine Pause einzulegen, dort den Picknickkorb zu öffnen oder an anderer Stelle mit der Geliebten im Arm den Tag wegzuträumen.

Dass keiner allzu lange vom rechten Wanderweg abweicht, dafür sorgt Petra Mazzola (www.piazzettatours.com). Denn sie weiß, dass ihren Schäfchen noch ein Abstieg über 1500 Stufen bevorsteht. Vom 200-Seelen Örtchen Nocelle geht es nämlich Schritt für Schritt hinab nach Positano, dem Ort, dessen farbige Häuschen sich eng an den Berg schmiegen und durch dessen schattige Gassen die Wanderer schließlich an den Meeresstrand geführt werden. Dort mag man sich in Wanderschuhen und Funktionskleidung zwischen den Strand- und Kaffeehausbesuchern etwas deplatziert vorkommen. Doch auch die sind hier eigentlich nur Beiwerk, ist die 4000-Einwohner-Stadt doch der Liebling der sehr Reichen und sehr Schönen.

Paul Newman, Pablo Picasso und George Clooney waren schon hier. Elizabeth Taylor und Richard Burton wurde einst sogar „Positano-Süchtigkeit“ attestiert.

Bill Gates hat mit seiner Jacht vor der Stadt geankert. Richard Gere wiederum hat hier vor wenigen Jahren seine große Liebe getroffen: Die Spanierin Alejandra Silva, die das Luxushotel „Treville“ führte, das ihrem damaligen Mann, dem Industriemagnaten Govind Friedland gehört.

Die Villen der Diven

Bei der Schiffsfahrt entlang der Küste zählt der Kapitän eine lange Liste berühmter Namen auf, weist mit weit ausholender Armbewegung mal hierhin, mal dorthin, um seinen zahlenden Gästen die schmucken Villen der feinen Gesellschaft zu zeigen.

Petra Mazzola weiß noch mehr. Sie erzählt, dass sowohl Sophia Loren, als auch Gina Lollobrigida hier eine Villa besitzen. Da sich die beiden großen Diven des italienischen Films aber nicht besonders mögen, wohnt die eine am einen Ende der Stadt und die andere in der weitest möglichen Entfernung am anderen Ende.

Positano ist das Juwel an der Amalfiküste. Jeder, egal ob Kreuzfahrtgast, Autotourist oder Kulturreisender, will es sehen. Bereits 1953 warnte der berühmte amerikanische Schriftsteller John Steinbeck, der selbst bekennender Fan der Amalfiküste war: „Wenn man einen so herrlichen Ort findet, ist der erste Impuls, ihn verstecken zu wollen. Man denkt: Erzähle ich davon, wird er mit Touristen überfüllt sein, die ihn ruinieren.“

Petra Mazzolas Wandergäste haben das Problem nicht. Wird ihnen der Rummel zuviel, schnüren sie einfach wieder ihre Wanderstiefel und weiter geht es auf einsamen Pfaden an der Küste entlang – grandiose Ausblicke inklusive.