Reise

Grün und einsam

Archivartikel

Tunesiens Norden lockt mit unberührter Natur und einer jahrtausendealten Geschichte. Vom Massentourismus wird die Region verschont.

Der Holzstaub macht sich überall in der Werkstatt breit: nicht nur auf den nackten 25-Watt-Birnen und den über 110 Jahre alten Werkbänken, die Anis Bouchnaks Großvater vor 50 Jahren aus Frankreich in die dunkle Hinterhofhalle nach Tabarka geholt hatte. Der 36-Jährige steht in den Fußstapfen seines Opas: Er ist Pfeifenmacher. Der einzige in Tunesien.

Anis Bouchnak findet das Holz der Heidekrautwurzel in den Korkeichen- und Pinienwäldern um Tabarka in Tunesiens grünem Norden, und zwar 30 Zentimeter unter der Erdoberfläche. 49 Jahre trocknet das Holz, ehe es eine Pfeife wird. Zwei Pfeifen fertigt Bouchnak pro Tag. Einzelstücke zum Preis von 60 bis 200 Euro. Das Geschäft läuft.

Eigentlich sollte es in diesem Jahr weiter aufwärtsgehen. Bouchnak führt auch Wanderer durch den nahen Nationalpark Dar Ichkeul. In den Sümpfen rund um den elfenhaften See, dessen Salzgehalt im Lauf der Jahreszeiten zwischen acht und 46 Gramm pro Liter schwankt, rasten über 200 000 Wasservögel und grasen Wasserbüffel, erzählt Jamel May, der Ornithologe. Rejeb Borni, der Ranger mit deutscher Ausbildung, fügt hinzu: „Normalerweise kommen im Jahr knapp 5000 ausländische Touristen an den See.“ Daraus wird in diesem Jahr nichts.

Anis Bouchnak kennt hier jeden Winkel. Erzählt von Wildschweinjagden um das Bergdorf Ain Draham. Ein paar Zimmer hat der 36-Jährige über der Werkstatt renoviert, Workshops und Wanderungen für Pfeifenliebhaber geplant. Die Pläne kann er nun in der Pfeife rauchen.

Von zwölf Millionen ausländischen Touristen hatte der damalige Minister René Trabelsi noch im Februar geredet, von mehr Touristen als Einwohnern, von Einnahmen, die für das Land zehn Jahre nach den Wirren des Arabischen Frühlings unverzichtbar seien. Zwölf Prozent der Tunesier sind bisher im Tourismus beschäftigt gewesen. „Unsere Demokratie ist jung, aber sie existiert“, so Trabelsi. Stolz verwies der Minister auf hohe Sicherheitsstandards und verbesserte Servicequalität. Nicht nur in Bade-Hochburgen wie Hammamet, Sousse oder Djerba. „Wir setzen auf Alternativ- statt Badetourismus“, hatte Trabelsi gesagt. Auch, um private Anbieter zu stärken und die Urlaubssaison zu verlängern. Corona hat durch alle Rechnungen einen dicken Strich gemacht. Bisher hoffte man auf den Herbst. Der Reisekonzern FTI hat Hoffnung gemacht, denn Tunesien hat sehr früh Maßnahmen ergriffen, um das Virus einzudämmen. Doch jetzt steigen die Fallzahlen wieder.

Die Demokratie ist jung, aber sie existiert

Vor allem im grünen Norden setzte man auf eine versöhnliche Nachsaison. Denn um die Küstenregion zwischen dem Korallen-Städtchen Tabarka und Bizerte macht der Massentourismus bisher einen Bogen. Zu weit vom Flughafen in Tunis entfernt, zu wenige attraktive Strände. Dafür kleine Häfen, Weizenfelder, grüne Hügel, Obstgärten und die Weinstraße zwischen Thibar und Testour, wo das Minarett der Großen Moschee die Symbole der drei großen Weltreligionen trägt.

Und dann gibt es da noch die römischen Ausgrabungsstätten Bulla Regia (mit klimatisierten Villen und großartigen Mosaiken), das Hochplateau Dougga (das Pompeji Tunesiens) und Chemtou (die berühmtesten Steinbrüche der Antike). Darauf kann man setzen. Auf Öko und Antike, auf Wissensdurst und Lebenshunger: Seif Jouini, der komfortable Bauernhof-Doppelzimmer und eine Suite vermietet. Adel und Dalinda Semi, die in ihre spartanische Pure-Nature-Unterkunft investieren. Naceur Ayari, der im letzten Sommer in seiner Anlage Dar El Karma um den Swimmingpool elf blitzsaubere Holzhäuser aufstellen ließ und ankündigte: „Für 2020 habe ich große Pläne.“ Die Leute von Borj Lella in Beja, die Ricotta und viel Lebensfreude anbieten. Oder Nassima Mechergui, die agile Bürgermeisterin, die auf der Dorfwiese selbst gebackenes Brot mit Honig auftischt und von einer Seilbahn über eine der vielen malerischen Schluchten schwärmt. Aus der Traum. In dem Dorf Sejnane töpfert Jannet Saiudani seit ihrer Kindheit Teller, Töpfe und Vasen. Ohne Scheibe und Brennofen. Bemalt sie mit rotem Ocker. Traditionelle Berbermotive. 400 Frauen. Sie alle hatten auf ein gutes Tourismusjahr gesetzt. Jetzt hoffen sie halt auf das nächste Jahr.