Reise

Grün vor Blau

Archivartikel

Zwischen den touristischen Brennpunkten Kroatiens existieren immer noch Inseln der Ruhe. Auf Mljet, Korcula und Lastovo kann man sich wie Robinson fühlen, wenn einem nach Rückzug ist.

Seit Tausende „Game of Thrones“-Fans die Stadt bevölkern, ist es nicht ganz ungefährlich, in der Altstadt von Dubrovnik einfach mal stehen zu bleiben, beispielsweise, um in den Himmel zu gucken. Man könnte angerempelt werden von freundlich-euphorischen Zeitgenossen, die meistens in Gruppen in die stets mit dem Wort „original“ werbenden Merchandising-Läden streben. Seit Dubrovnik - Perle der Adria und so, Manifestation mittelalterlicher Muse und Stadtmauern-Star – von vielen als Kulisse wahrgenommen wird, vor der im Fernsehen Fantasy-Figuren fighten, quillt die Stadt über vor Touristen. Kameras sollen bei ihrer Zählung helfen, Obergrenzen werden diskutiert, und gegen die knipsenden Massen demonstriert wird auch. Als Sofortmaßnahme empfiehlt sich das Einsteigen in den Stadtbus, der in wenigen Minuten zum Hafen fährt.

Eine gute Stunde schneidet der Katamaran von Dubrovnik aus zur Insel Mljet durch die Wellen, genauer gesagt zum Hafen des verschlafenen Insel-Hauptörtchens Sobra. Der öffentliche Bus wartet bei hohem Wellengang und anderen Verspätungsgründen und fährt dann in den Westen der Insel nach Polace. Dort gibt es ein paar Cafés, einen Bäcker, der bis zum frühen Nachmittag geöffnet hat, ein paar Apartments für Urlauber und ein paar Lokale. Vor allem aber gibt es eine Landzunge, die dem Blick aufs Meer etwas Magisches verleiht: Polace wirkt geschützt wie ein Baby.

Der größte Anziehungspunkt von Polace ist jedoch die Bretterbude neben dem Kiesstrand, wo die immer noch wenigen Touristen ihre Tickets für den Nationalpark kaufen, der die westliche Hälfte der Insel Mljet umfasst. Wer mag, der wandert eine halbe Stunde bis zum Ufer des größeren der beiden Seen, den Perlen des Parks. Oder man nimmt den Kleinbus, der einmal pro Stunde zur Anlegestelle des Bootes fährt, das gemächlich zur Klosterinsel Sankt Marien schippert. Sie ist wunderschön, aber voll mit Tagesausflüglern aus Dubrovnik.

Liegeplätzchen auf spitzen Felsen

Die ruhige Variante geht so: zu Fuß einmal rund um die beiden Seen, gemütlich in etwa vier Stunden. Zu studieren gibt es dabei zweierlei: erstens den Variantenreichtum der Grün-Schattierungen vor den Blau-Varianten (Nadelbäume vor Wasser), zweitens den Erfindungsreichtum der Badenden. Da kann der Fels noch so spitz und winzig sein, der Salzwassersee-Schwimmer findet ein Liegeplätzchen. Die kroatischen Gäste sind besser in dieser Disziplin als die ausländischen Urlauber. Und nach vier Stunden Umrundung bevorzugen die meisten Wanderer den Kleinbus zurück nach Polace.

Von dort aus fährt ein Bus (selten) oder ein Taxi (kompliziert) fünf Kilometer weiter nach Pomena, dem Dorf, das das einzige Hotel der Insel Mljet beherbergt und das sich ein bisschen mondän gibt, schon des Hafens wegen. Kommt weder der Bus noch das Taxi, kann man die Strecke zum Hafen von Pomena auch zu Fuß bewältigen.

Dann in den nächsten Katamaran. Eine gute halbe Stunde dauert die Fahrt zur Insel Korcula, deren gleichnamiger Hauptort ein bisschen an Dubrovnik erinnert, was die guckenden Menschen betrifft. Sie haben einen guten Grund: Hier, so heißt es in Korcula, sei Marco Polo geboren worden, der überall sonst als Venezianer gilt. Jedenfalls kann man sich bei der Aussicht vom Turm, der seinen Namen trägt, gut vorstellen, wie der Blick über die Dächer von Korcula aufs Meer einst Marco Polos große Weltensehnsucht beflügelt haben mag. Die Reise in die Gegenrichtung, in ein genügsames Dorf am Meer, führt zwölf Kilometer nach Westen und dauert manchmal länger als geplant, wenn der Bus Verspätung hat: Im Dorf Racisce wohnen nur mehr rund 400 Leute, aber in der Hochsaison bevölkert manchmal ein ganzes Dutzend Touristen die Apartments mit Meerblick. Racisce verfügt über eine Boule-Bahn und einen Minimarkt mit wenigen Angestellten, der immer nur für wenige Stunden am Tag geöffnet ist.

Aber in Racisce lernt man, dass Warten niemanden killt. Außerdem gibt es drei Restaurants in Racisce, eines davon hat meistens offen, und außerdem einen kleinen Fischerhafen. Die Hauptaktivitäten: zu Fuß zu einem der beiden schönen Kieselstrände in der Umgebung. Auf dem Weg: grüne Nadelbäume vor blauem Himmel. Oder auf einen Cappuccino ins Bistro „Cin & Cin“, das seine Anführungszeichen stolz in Rot auf gelbe Markisen gedruckt hat. Oder mit einem Buch oder ohne auf den Balkon, Blick aufs Meer, auf den Hafen, in dem nicht viel passiert, manchmal kommt die Müllabfuhr und leert die beiden Dorfcontainer beim „Cin & Cin“. Racisces Schönheit ist unspektakulär. Sie liegt in der Abwesenheit jeglicher Störung. Sogar die Handvoll Alkoholiker vor dem Minimarkt geben Ruhe. Wenn Racisce Kulisse ist, dann nur für die eigenen Gedanken. „Fahren Sie nach Lastovo“, sagt die Zimmerwirtin, „Lastovo ist wunderschön.“ Um nach Lastovo zu gelangen, fährt man mit dem Bus nach Korcula-Stadt und von dort aus mit dem Schulbus nach Vela Luka am anderen Inselende, wo sich am Hafen mediterrane Cafés aneinanderreihen, in denen kaum jemand sitzt. Der Katamaran nach Ubli braucht wieder rund eine Stunde, und von dort aus geht man zu Fuß in der Abendsonne eine

halbe Stunde nach Pasadur, dem Dorf mit dem einzigen Hotel auf Lastovo, um das sich ein paar Häuser gruppieren, in denen Apartments vermietet werden. Auf dem Weg: Grün vor Blau, Baumnadeln vor Salzwasser, in der Abendsonne zum Niederknien schön.

In Titos Jugoslawien war die Insel militärisches Sperrgebiet, und immer noch vermittelt sie eine liebenswerte Unberührtheit für wenige Touristen. In Pasadur kann man Motorroller leihen und, nahezu unbehelligt von anderen Reisenden, die Fumari genannten Kamine der Inselhauptstadt Lastovo bewundern, den Palast des Rektors, die Gemächlichkeit in den Cafés und immer wieder: geduckte Häuschen am Meer, fast schreckhaft in kleinen Buchten kauernd, sich selbst genügend. Der Trubel der großen kroatischen Urlaubsinseln ist hier weit weg. Wer nach Lastovo kommt, der sollte es mit sich selbst und etwaigen Reisepartnern aushalten können.

Seen mit und Seen ohne Rummel

Und wem die Abgeschiedenheit zu viel wird, der steigt in die Frühfähre um 4.30 Uhr nach Split. Viereinhalb Stunden später: hektische Kellner in überfüllten Cafés, Autoabgase und Horden von knipsenden Touristen in der Altstadt. Wer nach Split kommt, nachdem er die Inseln Mljet, Korcula und Lastovo lieben gelernt hat, der sehnt sich bald nach Grünschattierungen vor Blauschattierungen. Die gibt es reichlich weiter nördlich, nach einem halben Tag im Bus: Die Plitvicer Seen präsentieren wieder Baumgrün vor Wasserblau in umwerfend schillernden Varianten. Bloß muss man hier erneut aufpassen: Wer stehen bleibt, könnte von den Massen überrannt werden, und vor den beliebtesten Fotopunkten bilden sich lange Warteschlangen. Die freundliche Koreanerin ist mit ihrer Reisegruppe am Vorabend direkt aus Dubrovnik bei den Plitvicer Seen angekommen. Nun schwärmt sie vor der Weiterfahrt ihres Busses nach Venedig: „Ich weiß nicht, was ich mehr liebe – die menschengemachte Schönheit von Dubrovnik oder die natürliche Schönheit der Plitvicer Seen.“

Natürlich könnte man ihr entgegnen: „Leider hast du auf drei unbekannten Inseln dazwischen das Beste verpasst.“ Aber man kann auch schweigen, lächeln, dann doch losplappern: „Kroatien wird immer noch unterschätzt!“