Reise

Gute Arbeit, Frau Holle!

Das Durmitorgebirge in Montenegro ist noch ein echter Geheimtipp für Schneefans und Wintersportler.

Im Winter ist Frau Holle in Montenegro besonders aktiv. Schneeschuhwanderer wühlen sich durch ihr weißes Werk. Bei jedem Schritt knurpst es: Ein gedämpftes Knirschen, als würde die Schöpferin der weißen Ware den Ton heimlich mit einem Tuch abdecken, damit er die Bären im Winterschlaf nicht erschrecke. Es geht vorbei an Tannen, die weiße Mäntel tragen. Hin und wieder befreit sich ein Ast von seiner Winterkleidung und stößt mit einem Tusch die schweren Eiskristalle von sich. Je höher man steigt, desto mehr lichtet sich der Wald – bis plötzlich das imposante Durmitorgebirge vor der Nase aufragt. Ein Panorama, dass man so in Montenegro nicht vermutet hat: ein Gebirge mit 22 Gipfeln, die höher als 2000 Meter sind. Darunter Eisfelder, die das ganze Jahr über nicht schmelzen.

„Wenn Gott jemals einen Berg erschaffen hat, muss es das Durmitorgebirge sein“, sagt Zoran Pavicevic. Dabei leuchten seine Augen aus den Tälern seines wettergegerbten Gesichts. Der Montenegriner ist einer der Wetterfrösche aus dem Wintersportort Zabljak, dem mit 1450 Metern höchstgelegenen Ort in Montenegro. Von einem Hügel mitten im Dorf meldet er die Wetterveränderungen an die Hauptstadt Podgorica für die Nachrichten. Jede Stunde werden 24 Daten wie Temperatur, Luftdruck, Windgeschwindigkeit, Feuchtigkeit, Wolkenbewegung gemessen. An diesem Tag muss Zoran die Ergebnisse per Telefon durchgeben, da der Computer ausgefallen ist. Eine langweilige Arbeit? „Nein“, protestiert er, „wenn man tiefer ins Wetter eingestiegen ist, ist es faszinierend.“

Nur ein paar Autominuten von Zabljak entfernt liegt das bei Einheimischen beliebteste Skigebiet Savin Kuk. Kein Skizirkus, wie man ihn aus den Alpen kennt. Zwei Sessellifte bringen die Skifahrer auf 2200 Meter Höhe. Für Schneeschuhwanderer ist Montenegro ein perfektes Revier. „Schneeschuhe kennt man hier schon seit der ersten Besiedelung. Anfangs bastelte man sie aus Holz und fertigte Riemen aus Rindsleder. Man wäre sonst im Winter gar nicht vom Fleck gekommen“, sagt Zoran.

Einige Gehminuten hinter dem Ort beginnt der Nationalpark Durmitor, der mit 39 000 Hektar etwa eineinhalb mal so groß ist wie der Nationalpark Bayerischer Wald und der zweitgrößte von sechs Nationalparks in Montenegro. Den Namen hat er von einer römischen Karawane, die einst durch die Berge zog und hier übernachtete (dormir = schlafen). In den Bergen und tiefen Taleinschnitten hat sich über Jahrhunderte eine von Menschen unberührte Wildnis entwickelt mit mehr als 1500 Pflanzen- und 130 Vogelarten. In den Wäldern leben Bären, Luchse und Wölfe. Als Schmuckstücke dekorieren 18 Gletscherseen die Landschaft – die sogenannten Waldaugen. Diesem Spitznamen werden sie im Winter – zugefroren und schneebedeckt – nicht ganz gerecht. Zumindest fehlen die Pupillen. Doch die Tannen umfransen sie weiterhin wie schwarze Wimpern.

Ein Kontrast dazu ist die Tara. Der Fluss schlängelt sich 156 Kilometer durchs Land. Die Einheimischen nennen ihn „Träne Europas“. Eine Schneeschuhwanderung führt durch die Wildnis des Durmitorgebirges zu einer Felskante, an der man von oben auf den Fluss schaut – in die zweittiefste Schlucht der Welt. Nur der Grand Canyon weist einen größeren Höhenunterschied auf. Hier haben die Berghänge ihr Winterkleid schon abgelegt. „Hört ihr die Tara rauschen?“, fragt Guide Nikola.

Und für einen Moment hält man den Atem an und lauscht dem wirbelnden Wasser 1300 Meter tiefer. Tatsächlich hört man das Wasser und auch den Wind, der in den umliegenden Nadelwäldern herumfuhrwerkt. Ganz am Horizont sind schon ein paar Gipfel des Nachbarstaates Bosnien-Herzegowina zu sehen. Von der Aussicht beschwingt, geht es wieder bergab durch den Tiefschnee. Zurück im Ort führt ein Abstecher zum ehemaligen Landwirt Dragan. Der 60-Jährige hat noch fünf Kühe, ein paar Ziegen sowie ein Schaf und stellt Joghurt, Rahm und Käse selbst her. Der Tisch ist gedeckt mit den Hof-Leckereien. An der Wand hängen Fotos von Dragans Vater, einem früheren Offizier des Tito-Regimes. Nach dem Essen greift Dragans Bruder auf Wunsch der Besucher zur Gusle, einer einsaitigen Gitarre, die ihren Platz hinter dem Fernseher scheinbar nicht oft verlässt. „Damit haben sich früher die Soldaten abends die Zeit vertrieben“, erzählt Dragan. Mit Melancholie in den Augen lauscht er den Tönen. Dann kramt er ein anderes altes Musikinstrument hervor, eine Art Doppel-Blockflöte, und spielt ebenfalls etwas vor.

Draußen hat die Abendsonne die Häuser in warmes Orange getaucht. Dabei fallen einem die letzten Worte ein, die der Wettermann verkündete: „Wenn Gott jemanden bestrafen will, dann lädt er ihn im Winter nach Zabljak ein.“ Schneeschuhwanderer sehen das natürlich ganz anders.