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Die verschlossene Gesellschaft Japans macht den Kontakt zu Einheimischen schwer. Ein Programm ermöglicht Touristen Einblicke ins japanische Familienleben.

Manchmal ist es fast, als wäre man unsichtbar, wenn man durch die Straßen Tokios läuft. Ganz so, als sei man in einer durchsichtigen Blase unterwegs, die die direkte Außenwelt und die strömenden Menschenmassen seltsam auf Distanz hält. Die Einheimischen sind schließlich nicht gerade brennend neugierig darauf, spontanen Kontakt zu ausländischen Touristen zu suchen. Auch wenn viele Menschen in Japan inzwischen selbstbewusster ihr Englisch zum Einsatz bringen und nicht mehr gleich das Weite suchen, wenn sie angesprochen werden. Umso erstaunlicher ist da, wenn man plötzlich drei Einladungen hat, völlig fremde Japaner und Japanerinnen zu Hause zu besuchen – und sie bei einem Abendessen privat kennenzulernen.

Möglich macht das der Nagomi Visit für 3500 Yen pro Person. Seit 2011 werden diese Besuche über den gleichnamigen Veranstalter angeboten. Inspiriert wurde die Gründerin Megumi Kusunoki auf einer Reise nach Dänemark. Dort wurde sie von einer einheimischen Familie zum Essen eingeladen und kam so auf die Idee, die besonders reizvoll in einer verschlossenen Gesellschaft wie der Japans ist. „Nagomi“ hat mehrere Bedeutungen und fasst zusammen, worum es im Kern geht: „Japan“ heißt es, aber auch „sich anfreunden“ und „sich zu Hause fühlen“.

Um solch einen Besuch zu arrangieren, braucht es nur ein paar Schritte. Auf der Website muss man einen kurzen Fragebogen ausfüllen, sich kurz vorstellen – und dann erst mal warten. In den drei Tagen nach der Anfrage melden sich potenzielle Gastgeber. Von den 608 Gastgebern, die für den Suchumkreis angezeigt wurden, kamen drei Angebote von Menschen, die ein Abendessen zubereiten wollen und neugierig auf den Besuch aus Deutschland sind.

Die Auswahl zu treffen, fällt schwer. Auch dafür hat man drei Tage Zeit. Soll es Junko sein, die mit ihrem Mann und ihrer Tochter im Vorort Kanagawa lebt? Sie arbeitet für einen schwedischen Mobilfunkanbieter, reist gern mit ihrer Familie, war in Kroatien, aber noch nicht in Deutschland – kauft aber gern deutsches Bier. Oder Naoko aus der „Tama New Town“, die etwas förmlicher anschreibt? Ihr Mann sei aufgeschlossen und sie sei „happy-go-lucky“, schreibt sie und fragt gleich, welche Köstlichkeit, von Gyoza bis zu den Okonomiyaki-Pfannkuchen, sie kochen soll. All das klingt vielversprechend und doch fällt die Wahl auf die dritte Option: auf Masako Kanehira, ihren Mann Motoki und ihre zwei zuckersüßen kleinen Töchter Miyako (9) und Mako (6), die vom Profilbild lachen. Sie mögen Camping, Skifahren, wollen mehr über fremde Kulturen erfahren und leben im Vorort Kanagawa, rund 40 Minuten von Tokios Bahnhofs-Epizentrum Shinjuku entfernt.

Ohne Regeln geht nichts in Japan. Deshalb wird in 15 Punkten präzise erklärt, was beachtet werden sollte beim Privatbesuch in den japanischen vier Wänden. Hilfsbereit sollte man sein. An die Etikette beim Essen denken. Hin und wieder japanische Wörter einstreuen. „Say hajimemashite! (hah-gee-may-mah-she-tay)“ - die Gastgeber auf Japanisch mit einem „Schön, Sie kennenzulernen“ begrüßen. Außerdem: „Pünktlichkeit ist sehr wichtig in Japan, also seien Sie pünktlich!“ steht mahnend in der Mail. Bei mehr als fünf Minuten Verspätung soll man den Gastgeber anrufen. Nicht mailen!

Doch dazu kommt es nicht. Die Anfahrt war korrekt berechnet, die Züge in Japan sind auf die Minute pünktlich und am Ausgang des Bahnhofs warten sie: Masako und ihre zwei Töchter halten gemalte Schilder hoch. Welcome! Dazu haben die Mädchen die Deutschlandfahne gemalt. Sie winken ganz aufgeregt. Einen Moment später stellen sich alle vor, schütteln Hände und dann geht es mit dem Auto zum Haus der Kanehiras in einem Tokio-Vorort voller Einfamilienhäuser. „Üben Sie sich in der Kunst des Schuheausziehens“, war ebenfalls einer der Hinweise in der Nagomi-Mail. Auch bei den Kanehiras müssen die Schuhe ausgezogen werden. Das Haus ist ab der Erhöhung des Fußbodens hinter der Tür allein den Socken vorbehalten.

Das Erdgeschoss bleibt die Besucherzone: ein Wohnzimmer mit Wohnküche, klein, aber nicht so schuhschachtelklein, wie man es in Japan vielleicht erwartet hätte. Hier um den Esstisch wird sich der Abend abspielen. Erst schreiben die Kinder ihre Namen an die Tafel an der Wand.

Dann, nach dem gewissenhaften Austauschritual der Gastgeschenke, wird erzählt: Sie stellen Fragen über Deutschland, geben aber auch einen Einblick in japanische Gepflogenheiten und in ihren Familienalltag. Motoki, Anfang vierzig, ist Softwareentwickler, pendelt bei langen Arbeitstagen täglich eine Stunde hin und wieder zurück. Kennengelernt hat er Masako einst beim Englischkurs, vor zwölf Jahren haben sie geheiratet. Bis heute sind Masako die Sprachkenntnisse wichtig. Auch ihre Töchter werden von ihr unterrichtet und müssen fleißig lernen. Das sieht man sofort, wenn man den Blick schweifen lässt: Im Wohnzimmer hängen Lerntafeln an den Wänden. Familienbilder gibt es aber auch – auf einer Kommode stehen sie. Dahinter sind Gastgeschenke früherer Nagomi-Besuche zu erkennen. Ein Bildband über Bochum etwa. Sie hatten schon häufiger Gäste, berichtet Masako. Aus den USA, Rumänien, Norwegen, Deutschland. „Wir können mit den Kindern gerade nicht so viel reisen, deshalb ist es schön, wenn sie so in Kontakt mit fremden Kulturen kommen. Zudem können sie ihr Englisch üben.“ Dann kramt sie ein Album heraus und blättert durch Familienurlaube und Feste und erklärt japanische Bräuche. Bevor es zu spät wird, kommt schließlich das Essen auf den Tisch: ein Hotpot mit Gemüse, Fisch und kleinen Köstlichkeiten, die mit Stäbchen aus der Brühe gefischt werden. „Itadakimasu“, rufen alle – dann wird gegessen.