Reise

Herbst der Liebe

Die griechische Insel Samos zehrt von ihrem Erbe als Fluchtziel der Hippies. Jetzt würdigt eine neue Ausstellung den ewigen "Summer of Love".

"All you need is love", sangen die Beatles im Jahr 1967. Ein Song, der gut als Motto taugen könnte für die Hippiebewegung, die in San Francisco ihren Ursprung genommen hatte und sich von dort rasch auch in Europa ausbreitete. Freie Liebe und ein freies Leben jenseits bürgerlicher Zwänge, fern der Zivilisation und nah an der Natur - das suchten die Blumenkinder aus aller Welt, die sich mit Vorliebe dort niederließen, wo das Klima angenehm und das Leben billig war. Die griechischen Inseln erfüllten diese Voraussetzungen ideal, und so schwärmten in den Sechzigern scharenweise junge Leute auf die Inseln in der Ägäis - Studenten und Aussteiger, aber auch zahlreiche Kriegsdienstverweigerer aus den USA, die nicht nach Vietnam wollten.

Auf Samos, der achtgrößten Insel Griechenlands, war es vor allem der wegen seiner wunderbaren Sonnenuntergänge bekannte Potami Beach in der Nähe von Karlovassi, der Hippies anzog. Schon 1965 kamen hier, von der einheimischen Bevölkerung zunächst argwöhnisch beäugt, die ersten amerikanischen Aussteiger an, junge Menschen mit Haarbändern, die mit ihren Schlafsäcken und Zelten am Strand nächtigten. Der Strand von Potami, auch heute einer der beliebtesten der Insel, war damals nur mit Booten, zu Fuß oder mit Eseln zu erreichen. Immerhin gab es einen kleinen Laden mit angeschlossener Taverne, den die Familie Daglis betrieb.

Nachdem 1970 eine Straße gebaut worden war, schwoll der Strom an Hippies, die zum Potami Beach wollten, dramatisch an. Der Strand füllte sich mit Zelten, es entstand eine Art Hippie-Enklave, die auch den Umsatz des Ladens nebst Bar beförderte, und so bekam die Lokalität 1971 einen neuen Namen: Hippy's. Sie zählt noch heute zu den beliebten Treffpunkten am Potami Beach. Und auch wenn die Hippies längst verschwunden sind - etwas vom einstigen Zauber des freien Lebens vermittelt sich dem Urlauber noch heute, wenn er im Hippy's sitzt und mit einem Cocktailglas in der Hand verfolgt, wie die Sonne langsam hinter dem Horizont verschwindet.

Auf der anderen Seite der Insel, in der kleinen Hafenstadt Pythagorion, gab und gibt es keine Hippies. Dafür hat die private Schwarz Foundation hier ein Museum gebaut, das die Hippiebewegung in einer interessanten Ausstellung thematisiert. "Summer of Love" heißt die noch bis zum 15. Oktober geöffnete Ausstellung im Art Space Pythagorion, die weniger Devotionalien aus der Hippieära zeigt als reflektiert, was die einstigen Slogans der Aussteiger wie "Love", "Peace" oder "Freedom" heute noch bedeuten können.

Schon seit einigen Jahren setzt man vermehrt auf Kultur auf Samos, das schon in der Antike eine der bedeutendsten Inseln der Ägäis war. Glaubt man der griechischen Mythologie, wurde hier die Göttin Hera geboren. Sicher aber ist, dass Samos die Heimat von Pythagoras war. Man kann auf Samos die Ruinen des Heraion besichtigen, eine Tempelanlage, die zu Ehren der Göttin Hera errichtet wurde und ebenso zum Unesco-Weltkulturerbe zählt wie der über tausend Meter lange Tunnel des Eupalinos. Die erst im Jahr 1882 wiederentdeckte Röhre wurde im 6. Jahrhundert v. Chr. als Wasserleitung gebaut und gilt mit 1036 Metern als der längste Tunnel seiner Zeit, eine Meisterleistung der Antike.

Neben der jährlichen Ausstellung im Art Space Pythagorion will man in Samos auch den musikalisch interessierten Besuchern etwas bieten: Eine Woche Anfang August gastieren beim Samos Young Artists Festival jeden Abend hochbegabte junge Musiker aus aller Welt. Unter freiem Himmel kann man dann im antiken Amphitheater bei Pythagorion Klassik, Jazz und Cross-over lauschen. Wer das verpasst hat, dem bleibt immer noch der wohl berühmteste Kulturartikel von Samos: der Wein. Der Ecclesiastical, so behauptet man auf Samos stolz, sei weltweit der einzige Süßwein, der an den Vatikan ausgeliefert werde und dort als Messwein diene.