Reise

Hier gefriert einem das Lachen ins Gesicht

Im polnischen Riesengebirge kann man mit Schneeschuhen bibbernd auf den Spuren Gerhart Hauptmanns wandeln.

Zehn Menschen, nebeneinander, eine lose Reihe von Schneeschuhgehern. „In Sichtweite bleiben!“, ruft Patrycja, ihre Stimme hat zu einem Kasernenhofton gefunden. Man lehnt sich gegen den Sturm, Eiskristalle fitzen ins Gesicht, jeder sieht nur noch zwei Nebenmänner, die anderen verschwinden im Nebel. Die Phalanx der zehn kämpft sich voran. Dabei könnte man jetzt schon bei warmem Bier mit Ingwer und Himbeersirup sitzen, der polnischen Winterspezialität grzane piwo. „Wer geht noch mit zur Elbquelle?“, hatte Patrycja Osciak bei der Ankunft an der Hütte gefragt. Einige schüttelten nur die Köpfe, dass der Schnee von den Mützen herabrieselte, stemmten die Tür auf und verschwanden in der Alten Schlesischen Baude. Es waren die Klügeren. Die anderen sagten, die halbe Stunde gehen wir noch. Man ist ja gerade mal auf 1180 Metern. „Wir sind hier nicht in den Alpen, wir sind im polnischen Riesengebirge“, warnte Patrycja.

Die Kälte sticht wie Nadeln

So stapft man nun über diese kahle Kuppe, zu sehen ist nichts. „Wir kehren um“, sagt Patrycja. Und genau da stolpert einer über eine Absperrung und ruft: „Was ist denn das?“ Es ist die Elbquelle. Ein kahler Pfahl schält sich heraus, darauf steht Pramen Labe, Elbquelle, 1380 m. Aha. „Das Maul friert einem ja zu! – das sticht ja da draußen mit Nadeln und Schlachtermessern!“ Gerade so könnte man ausrufen, wie der Direktor in Gerhart Hauptmanns Glashüttenmärchen „Und Pippa tanzt!“. In dem Theaterstück will ein Glasmacher „ieber a Kamm ins Böhm’sche“. Über die Grenze, ins heutige Tschechien, so weit geht es jetzt nicht, sondern zurück in die „verschneite Baude auf dem Kamm des Gebirges“! Es warnten schon Hauptmanns Waldarbeiter: „Bei der Kälde iebers Gebirge steiga und hie, wu kee Weg und kee Steg ni is? A will wohl zum Schneemoane warn dohie und duba elend zugrunde giehn?“

Im polnischen Riesengebirge beherbergen düstere Bauden bis heute Wanderer, und auch eine Glasbläserei lädt zum Besuch. Leicht kann man sich zurückversetzen in Hauptmanns Zeiten. Der Dramatiker wurde 1862 in Ober Salzbrunn geboren, damals preußisch, heute heißt die Stadt Szczawno-Zdrój. Hauptmann scheint den Winter als Kulisse für Bedrohliches gemocht zu haben. Übers Riesengebirge schrieb er: „Du duldest uns im Winterschnee, doch deine Gnaden tuen weh./Nun aber weichlich sind wir nicht – wir lachen dir ins Angesicht.“

Da einem hier aber das Lachen ins Gesicht friert, weicht man doch, kehrt ein in die Alte Schlesische Baude. Wenige andere Schneeschuh-Geher sind an diesem grimmigen Tag aufgestiegen. Bald dampft Bigos in den Tellern, ein polnischer Krauttopf mit viel Fleisch und Wurst. Hände wärmen sich an Biergläsern, ein Hirschgeweih hängt an der Wand, rote Schnäpse stehen im Regal. Während die Finger langsam warm werden, erzählt Bergwanderführerin Patrycja Osciak vom Sommer. Die Alte Schlesische Baude war eine begehrte Ferienhütte, „verdiente Arbeiter und Arbeiterinnen bekamen umsonst ihren Jahresurlaub“.

Der Nationalpark Riesengebirge umfasst auf polnischer Seite 56 Quadratkilometer und wurde 1959 eingerichtet, vier Jahre später zogen die Tschechen nach. Der Kamm des Riesengebirges bildet über 35 Kilometer die Grenze zwischen Böhmen und Schlesien, Tschechien und Polen also. Die höchste Erhebung ist die Schneekoppe mit 1603 Metern.

Die wäre das nächste Ziel, allein man kommt nicht rauf. Der klapprige Sessellift fährt nicht. So geht es nur bis zur Hampelbaude, die sich eine zweite Haut aus Eiskristallen zugelegt hat. Die Hütte thront riesig am Hang. Hier werde einem „immer wie in einer Schiffskabine zumute, im Sturm auf dem großen Ozean“, heißt es in „Pippa“.

Die Wintersportler löffeln Tomatensuppe mit „Öhrchen“, eine Art Ravioli. Langsam füllt sich die Hütte. Das Riesengebirge zieht Besucher an. In den bekanntesten Orten wie Krummhübel/Karpac und Hirschberg/Jelenia Góra zeugen Herrenhäuser von der Vergangenheit als Ausflugsziel in preußischen Zeiten. Heute besuchen 2,5 Millionen Gäste das Hirschberger Tal im Jahr. 70 Prozent kommen aus Polen, erklärt Landrätin Anna Konieczynska, vom Rest sind drei Viertel Deutsche; den „Nostalgie-Tourismus“ der Vertriebenen gebe es kaum noch.

Draußen tobt schon wieder ein Wintersturm. Auf geht’s zu Hauptmann nach Agnetendorf, ins Museum. Da steht der Dichter auf einem Foto im Tiefschnee, sinkt bis zu den Knien ein. „Urmythos ist dein Element“ so schrieb er 1944 über das Riesengebirge.

Mystisch sind das Gebirge und die Glashütten. Die Glashütte Piechowice wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Berliner gegründet, fertigte Kristall-Lüster, Kronleuchter, Spiegel – was das Bürgertum in Berlin so brauchte. Der Quarzsand des Riesengebirges lieferte den Rohstoff fürs Glas. In der einzig verbliebenen Julia-Kristallglashütte sind heute 140 Mitarbeiter beschäftigt. Drei Brennöfen heizen die Werkstatt auf, einer der Arbeiter setzt das gut drei Meter lange Blasrohr an, der glühende Tropfen wächst zu einer Kugel heran. Als wäre es Knete, formen grobe Männerhände mit Metallwerkzeugen Schüsseln, Weinkelche und Rumsteh-Nippes. Wie schon der alte Huhn sagte: „Woas hoa ich ni schun oll’s aus’m Glasufa rausgebracht!“ 100 000 Besucher fasziniert das jährlich. Hauptmanns Glashüttenmärchen „Und Pippa tanzt!“ jedoch ist nahezu vergessen und wird kaum noch gespielt.