Reise

Historischer Mix

Archivartikel

Auf Malta und Gozo, den Hauptinseln des Inselstaates im Mittelmeer, ist die 164 Jahre dauernde Ära als britische Kolonie immer noch spürbar. Schön ist vor allem die barocke Sichtweise auf das Leben.

Audrey Marie Bartolo weiß alles über Malta und Gozo. Im Örtchen Xaghra auf Gozo geboren, arbeitet Audrey als Fremdenführerin. Sie ist eine selbstbewusste junge Frau, vielsprachig, lebensfroh. Audrey ist mit ihren Gästen viel auf Achse. Sie vermeidet es allerdings, sich bei den Autofahrten über die Insel selbst ans Steuer zu setzen. Auf Malta und Gozo herrscht wie in Großbritannien Linksverkehr, und viele Touristen unterschätzen bei ihren Mietwagen-Roadtrips die Schwierigkeiten beim Umdenken. Dies führt nicht selten zu brenzligen Situationen auf den Straßen.

Audrey ist an diesem ersten Tag Begleiterin bei einem kulturhistorischen Sightseeing-Programm für Malta-Einsteiger: Der Palazzo Parisio, der Dom von Mosta mit der viertgrößten Kirchenkuppel der Welt und die Katakomben von St. Paul’s vermitteln einen Eindruck davon, wie die Malteser „ticken“. Nach dieser Eingewöhnung werden später Highlights wie die St. John’s Co-Cathedral, ein Meisterstück des Barock mit überwältigendem Interieur, oder der Grand Harbour in Maltas Hauptstadt Valletta folgen. Man hat das Gefühl, auf der Insel stehe alles unter einem überbordenden barocken Einfluss – die üppig ausgeschmückten Gebäude, die Religiosität der Menschen, ihre Lust am Leben, an der Musik und am Feiern. Auch der Palazzo Parisio in Naxxar, ehemalige Residenz des Marquis de Sciluna, ist ein Prachtstück aus dem Barock. Nach der Besichtigung der Räumlichkeiten sollte man sich unbedingt im Garten des Restaurants ein Gläschen Weißwein oder einen Nachmittagstee im Tea Room des Hauses gönnen – ein stimmungsvolles Erlebnis und very British.

Am späten Nachmittag führt Audrey durch die Mdina, die „stille Stadt“ Maltas, mit einem Mix aus mittelalterlichen und barocken Palästen und Kirchen aus sandfarbenem Kalkstein. Man betritt die von Mauern umgebene Altstadt durch ein prächtiges Stadttor. Nur Anwohner bekommen hier eine Sondergenehmigung für Autos, in den Abendstunden ist es in den schmalen Gassen fast menschenleer.

Hier residieren reiche maltesische Familien. Die besondere Atmosphäre der Mdina lockt auch viele Berühmtheiten an. Audrey berichtet beim Rundgang, dass Popikone Madonna mehrfach versucht haben soll, dort einen besonders schönen Palazzo aus dem 17. Jahrhundert mit Blick über die Stadt zu kaufen. Der Besitzer habe dankend abgelehnt – in einem Palast ist ein Fünf-Sterne-Hotel mit Nobelrestaurant untergebracht.

Eine andere kulinarische Welt

Gut essen und trinken kann man hier in vielen Restaurants. Die unterschiedlichen kulturellen Einflüsse haben eine vielfältige Küche hervorgebracht. Im „Root 81“ etwa, einem kleinen Lokal in Rabat unterhalb der Stadtmauern der Mdina, serviert Robert Cassar mediterrane Cross-over-Küche mit maltesischen Einflüssen – Kaninchen und Black-Angus-Rind, Ziegenkäse, Carnaroli Risotto und Beef Tartar, Fisch und Miesmuscheln. Und ausgezeichnete Weine. Geheimtipp! So ist es nicht wirklich verwunderlich, an diesem Abend hier Johann Lafer mit seiner Entourage anzutreffen. Der österreichische (TV-) Koch, Unternehmer und Sachbuchautor erholt sich von einer zweitägigen Recherchetour auf Gozo. Bei einem Glas Rotwein berichtet er von seinen Funden: „Ich werde einen ganzen Koffer Köstlichkeiten mit nach Hause nehmen: gozitanischen Schafskäse, Gewürze, Honig, auch Wein. Und ein paar historische Küchenutensilien. Ich bin ein Fan mediterraner Produkte und ein großer Antiquitäten-Nerd.“ Was Lafer von Malta und Gozo hält? In zweieinhalb Stunden Flugzeit sei man in einer anderen (kulinarischen) Welt, schwärmt er. In der Tat sollte man Gozo, der ursprünglicheren der beiden Inseln, unbedingt einen Besuch abstatten, und sei es nur im Rahmen eines Tagesausflugs. Das Übersetzen mit der Autofähre der Gozo Channel Line ist problemlos und dauert eine knappe halbe Stunde. Gozo, etwa so groß wie Manhattan, ist aus vielen Gründen sehenswert: zum Beispiel wegen Ramla Bay, einer malerischen Meeresbucht mit weißer Madonnen-Statue auf dem rötlichen Sandstrand. Wegen Mekren’s Bakery, einer winzigen Bäckerei ohne Ladengeschäft, wo man bei der jungen Leipzigerin Julia Hering direkt in der Backstube köstliches maltesisches Brot erstehen kann. Wegen der Hauptstadt Victoria mit ihrem pittoresken Charme. Oder wegen der Basilika ta´Pinu, einem berühmten Wallfahrtsort bei Gharb. Im hinteren Bereich der Kirche sind an den Wänden Hunderte von Danksagungen und Devotionalien drapiert, die von der tiefen Frömmigkeit der Malteser und Gozitaner zeugen.

Denn auch dies kann man hier an Einsichten mitnehmen: Wunder geschehen immer wieder.