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Papst Franziskus besucht in diesen Tagen Litauen, ein Land mit vielen Seen und Kirchen. Die Bewohner sehen am liebsten von oben drauf.

Montag ist der erste Schultag in Litauen. Die Mama trägt Kostüm, Papa Anzug. Die Tochter im Sonntagskleidchen freut sich, ein wenig aufgeregt ist sie natürlich: Und sie wird Englisch lernen ab der ersten Klasse, kein Russisch mehr, was bis zur Unabhängigkeit obligatorisch war.

Mutter und Tochter haben Blumen mitgebracht. „Für die Lehrerin“, erklärt Egle Kalibataité. Die Litauerin führt die kleine Touristengruppe durch die Stadt, und sie kann nicht nur die Sehenswürdigkeiten erklären, sondern auch die junge Geschichte Litauens, die Leidenschaften und Abneigungen, die Lieblingsgerichte und Bräuche. Nein, es gibt hier keine Schultüte, dafür aber die Blumen.

Nahezu alle jungen Leute sprechen Englisch, rasant hat sich Litauen dem Westen zugewandt. Doch noch immer ist die Sowjetunion präsent. Im Stadtbild und in den Köpfen. Das kulturelle Erbe Litauens wurde in der Sowjetzeit häufig mit Füßen getreten, Kirchen in Museen umgewandelt – oder gar in Fabriken. Doch in Vilnius ist viel geschehen, seitdem sich die baltischen Staaten ihre Unabhängigkeit erkämpft haben. Zum zweiten Mal in den letzten 100 Jahren. 1918 wurde die Unabhängigkeit zum ersten Mal erklärt, gerade wird das Jubiläumsjahr gefeiert: 100 Heißluftballons stiegen Anfang Juli von Kaunus aus auf, für jedes Jahr einen. 1990 erklärte Litauen zum zweiten Mal seine Unabhängigkeit, Estland und Lettland folgten im Jahr drauf. Am 6. September 1991 erkennt die Sowjetunion die drei baltischen Staaten an, 2004 treten sie der Nato und der EU bei. Seit 2015 zahlen auch die Litauer in Euro, doch alles sei teurer geworden seither.

Für Deutsche scheinen die Preise nach wie vor niedrig, für die Einheimischen sieht das anders aus: Das durchschnittliche Nettoeinkommen liegt selbst in Vilnius unter 800 Euro, und auf dem Land ist es noch weit geringer. Da verwundert es nicht, dass vor den Markthallen eine lange Reihe von Mütterchen sitzt, die Pilze und Beeren feilbieten, ein paar Zwiebeln oder Blumen. Die Markthallen sind aber auch für Touristen ein Anziehungspunkt. Frisch gekochte Suppen und Bagels sättigen preiswert und stärken für die weitere Tour. Hinauf auf den Glockenturm der St.-Johannis-Kirche, der einen Rundblick über die Kirchen und Türme der barocken Innenstadt bietet, bis hinaus auf die Trabantenstädte am Horizont.

Kirchen sind zumeist wieder Kirchen, Litauen ist im Gegensatz zu Lettland und Estland überwiegend katholisch. Stolz zeigt Egle Kalibataité die Kathedrale mit dem frei stehenden Glockenturm. Die jahrhundertealten Reliquien aus der Kasimir-Kapelle, zu Sowjetzeiten versteckt, konnten wieder an ihren angestammten Platz zurückkehren. Die Fassade der Kathedrale wird gerade nochmals geweißelt, zum Besuch von Papst Franziskus jetzt am Wochenende soll alles strahlen.

Ein anderer Glaubensführer beehrte Litauen zum wiederholten Male: Der Dalai Lama pflanzte unlängst einen Apfelbaum im Stadtteil Uzupis, kurz hinter der Brücke, die von der Innenstadt über die Vilnia führt. Ehrenbürger der „Unabhängigen Republik Uzupis“ ist er bereits seit 2001. Der Fluss Vilnia gab der gesamten Stadt Vilnius den Namen, und schenkte ihr im 16. Jahrhundert, nachdem die ersten Brücken gebaut waren, einen neuen Stadtteil. Das ehemalige Handwerkerviertel in der Flussschleife erklärte sich am 1. April 1997 gut gelaunt zur „Unabhängigen Republik“. Nein, kein Aprilscherz: In der ersten Kneipe links der Brücke, die zugleich als Regierungssitz dient, dürfen sich Besucher einen Republikstempel abholen. Und an einer langen Mauer ist die Verfassung der Republik angeschlagen, in 23 Sprachen. Während man die Tafeln studiert, zieht singend ein Trupp Sannyasins vorbei, ganz in Orange. Unglaublich, aber wahr, den Älteren schenken sie ein echtes Flashback. Zu Sowjetzeiten völlig undenkbar, erklärt Egle, hier wird vieles jetzt nachgeholt.

Im Turbotempo geht es in die Neuzeit. In Uzupis? finden sich Handwerker wie ein Kunsttöpfer, der historische Ofenkacheln nachformt und glasiert. Aber auch neue Läden und Restaurants wie das Sweet Root, wo nicht nur fantastische Fischgerichte, sondern auch filigrane Sandwiches serviert werden, für die man fast ein Makroobjektiv bräuchte. Zuerst gab es ein selbst gebackenes Brot mit leicht gesalzener Butter serviert: „Our Main Dish“, unser Hauptgericht, annoncierte es Chef Sigitas Zemaitis.

Am Wochenende zieht es die Litauer hinaus in die Natur. Wenn es nicht gleich bis zum Meer geht, die Kurische Nehrung mit Klaipeda ist gut 300 Kilometer entfernt, dann doch zumindest nach Trakai. Die gleichnamige Wasserburg liegt malerisch in einer Seenlandschaft: Sanft hügelig lädt sie zum Spazieren und Radfahren ein, im Sommer zum Paddeln und Baden. Wie sauber das Wasser ist, lässt sich sogar vom Heißluftballon aus erkennen. Das Abheben ist eine große Leidenschaft der Litauer, nirgendwo in der Welt gibt es so viele Heißluftballons pro Kopf wie hier. So haben sich inzwischen viele Clubs gegründet, die sich das Equipment teilen und Touren anbieten.

Startplätze für die Ballonfahrer gibt es selbst in Vilnius und in Kaunas. Auf der dortigen Startwiese wird der Papst am 23. September eine Messe unter freiem Himmel halten. An diesem schönen Sommerabend steht jedoch der Wind bei Trakai günstig: So finden sich nacheinander ein Dutzend Teams in den duftenden Wiesen ein, um Körbe und Ballonhüllen abzuladen, Ventilatoren und Gasflaschen. Aufregend die Vorbereitungen, heiß die meterhohen Flammen. Nach und nach heben sich die Köpfe der luftigen Hüllen, runden sich und ragen farbenprächtig hinauf gen Himmel.