Reise

Hochprozentiges im hohen Norden

Flensburg, kurz vor der dänischen Grenze in Schleswig-Holstein gelegen, ist bekannt für sein skandinavisches Flair – weniger für den Rum, der hier seit Jahrhunderten produziert wird. Schade, denn er ist gut.

Nicht Bier, nein, Rum hat eine verdammt lange Tradition in Flensburg! Und es ist die einzige deutsche Stadt, die diesen hochprozentigen herstellt“, sagt Martin Johannsen, Chef des Rumhauses Johannsen in der Marienstraße. „Bereits 1885 wurde von den karibischen Inseln Rum eingeführt, mit dem sich in der Hafenstadt Flensburg gutes Geld verdienen ließ.“ Eines Tages jedoch erließ die Obrigkeit einen Mengenzoll.

So waren von nun an die Seefahrer gezwungen, ein Konzentrat mitzubringen. Damit die Fabrikanten so viel verkaufen konnten wie zuvor, mussten sie das Getränk strecken. So wurde der Rumverschnitt kreiert. Am liebsten wird er von den Flensburgern als Grog getrunken, weiß Johannsen: „Unsere ,Windstärke 13‘ ist in der kalten Jahreszeit der Renner.“

Flensburg gehörte einst zu Dänemark, und Dänemark besaß Kolonien, die heutigen Jungferninseln St. Thomas, St. John, St. Croix. In dem Hafen, der damals größer und bedeutender war als der von Kopenhagen, brachten die Schiffe das begehrte Getränk in großen Fässern.

Was Mitte des 18. Jahrhunderts florierte, wurde 100 Jahre später vom Krieg unterbrochen: Die Stadt ging von Dänemark an Preußen und Österreich über. Dadurch verloren die einheimischen Destillerien ihre Rumlieferanten. Ein Äquivalent musste her, und so begann man nach Jamaika zu fahren, um die Lücke zu schließen. Das hat alles der Ururgroßvater von Martin Johannsen miterlebt; der junge Mann führt nun zusammen mit seiner Frau Astrid und einer Handvoll Angestellter in vierter Generation das älteste Rumhaus der Stadt. Es ist ein Familienunternehmen, das seit 1878 Spirituosen herstellt und verkauft.

Aus dem mittelalterlichen Kaufmannsspeicher der Altstadt weht aus kühlen, dunklen Lagerräumen ein Hauch würzigen Rums, vermischt mit den feinen Aromen von Vanille und Holz. Einmal im Jahr kommt die Lieferung aus der Karibik, zwei- bis dreitausend Liter sind es jedes Mal. Zwischen fünf und sieben Jahre Reifezeit im tropischen Klima Jamaikas hat der Rum bei seiner Ankunft hinter sich. Eigentlich ist er ausgereift und geschmacksintensiv, aber für einen Flensburger Rum sei er noch nicht gut genug, erklärt Martin. Zwölf bis 14 Jahre lang muss sich ein Rum entwickeln, bis er in Flaschen abgefüllt wird.

Es gibt noch eine zweite Anlaufstation in der Stadt, das Haus Braasch, die andere noch verbliebene Rumfabrik in Flensburg, von denen es im 20. Jahrhundert an die 200 Rumhäuser gab. Nach und nach wurden sie aufgekauft oder geschlossen, es rechnete sich nicht mehr. Der Flensburger Rum ist ein regionales Produkt und die Preispolitik der Supermärkte zwang die kleinen Produzenten in die Knie.

Braasch liegt in der Roten Straße, einer der ältesten und schönsten Straßen von Flensburg. In der restaurierten Meile einstiger Handwerkshöfe, Kaufmannsläden und Kneipen ragt das Wein- und Rumhaus Braasch wie ein stolzer Zinnsoldat aus der Altbauzeile. Ein dunkelrot angestrichenes, historisches Haus mit weißer Schrift und schwarzem Dach, darin befindet sich ein uralter Feldsteinkeller, in dem seit Ende der 90er Jahre Rum produziert wird.

Eine knarrende Treppe führt zum Büro von Walter Braasch. Dort hängt ein Originalgemälde – darauf stolz gehisste Segel der „Neptunus“. Es ist das Schiff, das als erstes, von St. Croix kommend, mit einer Ladung Rum 1755 in den Flensburger Hafen einlief und den Handel mit den dänischen Kolonien in Gang brachte.

Walter Braasch ist kein Spross einer Rumdynastie, hat jedoch das Handwerk des Destillateurs von der Pike auf gelernt. Er folgte seiner Nase, dem Geruch der Kindheit, denn er ist vom Duft des Rums von klein auf umgeben gewesen. Das elterliche Haus lag dort, wo die Spirituosenfabrikanten ansässig waren und durch die Tore stets ein Schwall süßen Alkohols durch die Gassen waberte.

Walter wollte die Tradition wieder aufleben lassen. 2005 flog er mit seiner Frau zu den Jungferninseln in die Karibik und traf dort hochbetagte Rumbrenner. Die Reise inspirierte das Paar zu neuen Kreationen, gab ihm Inspirationen für Variationen wie den „Greathouse“, benannt nach dem Herrenhaus der Zuckerrohrplantage in St. Croix. Inzwischen reicht die Palette seiner 16 Produkte vom „Schiffer Aquavit“ bis zum „Premium Dark Cane“, einer Rezeptur mit 20-jährigem Rum.

Knapp 95 000 Einwohner leben in Flensburg, ein buntes Publikum, unter ihnen Lebenskünstler, Seemänner, Bootsbauer, Studenten, die gerne in den teilweise noch preiswerten Höfen der Innenstadt wohnen. Da wird gebüffelt, Musik gehört. Gelegentlich schallt auch Seemannsrock durch die geöffneten Fenster, jener von Santiano, einer Band, deren Männer aus Flensburg stammen. Der Song „Es gibt nur Wasser“ ist sehr beliebt, denn darin heißt es: „Wir brauchen Rum, Rum, Rum, sonst verdursten wir.“