Reise

Hoffnung für die Elbe

Archivartikel

Im Vierländereck sorgt die Renaturierung des Flusses für eine attraktive Landschaft. Tourismus und Digitalisierung könnten den Ortschaften am Wasser wieder mehr Leben einhauchen.

Auf dem Elbdeich der 365-Seelen-Gemeinde Wahrenberg lässt sich nach einer Radtour gut verschnaufen. „Anne Elbe“ steht auf dem Schild vor dem alten Fährmeisterhäuschen, und darunter, was das einzige Café weit und breit zu bieten hat. Alles ist bio und vegetarisch, teils selbst auf dem Resthof nebenan erzeugt.

Wahrenberg liegt in Sachsen-Anhalt. Die Gruppe, die sich hier für Bildungs- und Kulturangebote zusammengefunden hat, sieht sich eher mit den Aussteigern vergangener Jahrzehnte im benachbarten Wendland verbunden „Wir sind Raumpioniere“, sagt Norbert Krebber zur Expansion der Szene auf das Terrain der ehemaligen DDR. Der Rheinländer ist vor 19 Jahren an die Elbe in das Projekt eingestiegen und hofft auf eine Entwicklung des Örtchens, wenn schnelles Internet erst einmal die Arbeit am Fluss ermöglicht.

Weder Mensch noch Maschine

Es gibt wohl nur wenige ähnlich einsame Landstriche in Deutschland wie das Vierländereck an der Elbe. Hier stoßen Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern aneinander. Die Elbe bildete hier die deutsch-deutsche Grenze. Beide Seiten kümmerten sich nicht um die Region, etwa um die Schifffahrt. Die DDR siedelte rund 10 000 Bewohner in grenznahen Orten sogar zwangsweise um. So konnte sich hier die Natur ungestört ausbreiten.

Vom Kanu aus sieht man lange Zeit weder Mensch noch Maschine an Land. Nur vereinzelte Radler winken vom Elberadweg herüber. Große Kähne kommen kaum vorbei, obwohl darauf die Hoffnungen einiger Kommunen ruhten. Wittenberge investierte viel Geld in neue Hafenanlagen. Die Schifffahrt sollte Einkommen bringen. Doch diese Rechnung ging nach Ansicht des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) nicht auf. „Wirtschaft braucht Verlässlichkeit, und die kann die Elbe nicht leisten“, sagt Meike Kleinwächter, die das Auenzentrum des Verbands leitet. Oft sei der Wasserstand so niedrig, dass die Berufsschiffer keine Planungssicherheit haben. Sie suchen sich andere Wege. So bleibt die Natur im Landstrich weitgehend unter sich. Doch davon alleine kann man nicht leben.

Das hat auch die Stadtverwaltung von Lenzen auf der brandenburgischen Elbseite zu spüren bekommen. Fast jeder vierte Einwohner hat den Ort verlassen. 4200 Bewohner zählt das Städtchen noch. Doch es gibt einen kleinen Hoffnungsschimmer durch die Projekte des BUND.

Die Umweltschützer haben die örtliche Burg in den 90er Jahren geschenkt bekommen und daraus ein Hotel nebst wissenschaftlichem Zentrum und Ausstellungsgelände gemacht. Im Burgpark können die Gäste Erkundungen ins Vogelreich unternehmen. Die Burg zieht Touristen an und hilft gegen den Trend zur Abwanderung, wie Lenzens Amtsdirektor Harald Ziegler feststellt. „Das hätten wir alleine nicht bewirken können“, sagt er. Einige gibt es schon, die sich wieder in einem der schmucken alten Fachwerkhäuser niedergelassen haben. Von der Digitalisierung erhofft sich Ziegler weitere Argumente für seine Stadt, wenn Beschäftigte ihren Job auch weit entfernt der Zentren von zuhause aus erledigen können.

Zusätzlich betreibt der BUND von Lenzen aus eines der größten Hochwasserschutzprojekt Deutschlands. Deiche werde zurückgesetzt, damit sich der Fluss schadlos verbreitern kann. Neue Auenwälder entstehen. Nur noch ein Prozent der Flusslandschaften ist in einem so natürlichen Zustand.

Viel Überzeugungsarbeit war dafür laut BUND-Chef Hubert Weiger notwendig: etwa bei den Landwirten, die für den Deichrückbau Boden tauschen mussten. „Eine Stadt schöpft wieder Hoffnung“, sagt Weiger und sieht einen Paradigmenwechsel: „Es war ein Zeichen des Fortschritts, Flüsse zu zerstören. Heute ist es umgekehrt.“ 44 Milliarden Euro habe die öffentliche Hand für die Wasserstraßen in den vergangenen Jahrzehnten ausgegeben. Dagegen wirkt die Förderung des Umweltministeriums für den Deichrückbau mit knapp sechs Millionen Euro wie ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Überzeugungsarbeit will der vor allem in Süddeutschland beheimatete BUND im Vierländereck leisten. Dass es klappen kann, beweist beispielsweise Johnny Buck, der auf der anderen Elbseite wohnt und mit einer Bürgerinitiative eine alte Bockwindmühle wieder aufgebaut hat, in die er nun Touristen führt.

Die Elbe ist nach wie vor ein Grenzfluss. Die Kontakte zwischen beiden Seiten sind eher selten. Lenzens Amtsdirektor Ziegler, der ursprünglich aus Niedersachsen stammt, hat auf Kosten seiner Kommune eine alte Fährverbindung wiederbelebt. So können die Radler vom Elbeweg auch mal rüber nach Schnackenburg, dem letzten Zipfel Niedersachsens im Wendland. Von hier aus kann man mit dem Rad durch die Elbauen zur Erlebnistour starten, vorbei an Johnny Bucks Mühle und hin zum verdienten Happen bei „Anne Elbe“.