Reise

Hyggelig auf Polnisch

Eine Campingfahrt entlang der polnischen Ostseeküste Richtung Danzig zeigt das Nachbarland von seiner himmlischen wie von seiner höllischen Seite. Das Wort Erholung wird dabei völlig neu definiert.

Ferienhölle oder Urlaubshimmel? An Polens Ostseeküste vollzieht sich der Wechsel zwischen Paradies und Verdammnis fliegend. Nirgendwo sonst in Europa grenzt idyllische Natur unmittelbarer an brachiales Entertainment, nirgends liegen Lärm und Stille, Urbanität und Landluft, Achtsamkeit und Verschwendung näher beieinander als hier. In Leba. Ausgesprochen mit butterweichem W, herrscht nordwestlich von Danzig ein knallharter Konsumkampf.

Hunderte von Händlern verramschen am Straßenrand Plastikmüll zu Plastikmüllpreisen fürs Plastikmülldesaster von morgen: Leba läuft über vom Warenangebot der Wegwerfgesellschaft. „Ach, was soll’s?“, sagt einer der Verkäufer in passablem Deutsch, „die Leute wollen das eben.“ Wenn Millionen Landsleute jedes Jahr ab Mai Orte wie diesen fluten, verhökert Piotr, so heißt er, säckeweise nutzloses Zeug als gäb’s weder Nachhaltigkeit noch Klimawandel. Und das ist umso erstaunlicher, da man nur 20 Fahrradminuten jenseits dieser Ferienhölle inmitten des Urlaubshimmels steht.

Unberührte Mischwälder enden am Ufer des lieblichen Lebsko, statt Spielhallengetöse herrscht ein Sound von Wildnis. Es ist wie der Sprung aus Las Vegas in die Wüste Nevadas - nur mit Grün statt Braun als Leitfarbe. Um dieses Nebeneinander zu begreifen, empfiehlt es sich, Polens Küste von Swinoujscie aus ostwärts abzufahren, am besten im alten VW-Bus: auf rustikalem Niveau zeitgemäß. Schon der Grenzübertritt erweist sich ja als kleiner Schritt fürs Auto, aber als großer für dessen Besatzung. Die gute Nachricht vorweg: Das Preisniveau sinkt sofort vom gepfefferten Usedomer Standard auf eine Art Ramschniveau.

Betonierter Spaß geht in grüne Oasen über

Womit wir bei der schlechten Nachricht wären: Polen und Plunder – das scheint eine Liebesbeziehung zu sein. Während das ostdeutsche Vorpommern in Meeresnähe großen Aufwand betreibt, Fremdenverkehr mit Anspruch zu bieten, versorgt das polnische Westpommern konsequent die schmaleren Budgets seiner Urbevölkerung. Zum Gegenwert eines deutschen Mittagessens bieten Pensionen und Hotels entlang der mäandernden Küstenstraße drei Personen Unterkunft mit Frühstück. Zeltplätze in Wassernähe kosten oft weniger als hierzulande die Parkgebühr für den Bulli. Und das Beste: Man befindet sich meist unter Einheimischen.

Das hat gewiss auch mit der polnischen Eigenart zu tun, Urlaub im eigenen Land zu machen; die weitestgehende Abwesenheit ausländischer Touristen sticht so nah der Grenze dennoch ins Auge. Besonders in Kolobrzeg. Das Seebad präsentiert sich als Ballermann, der bis in die Spitzgiebel der künstlichen Altstadt vornehmlich Fassade ist. Man bahnt sich den Weg daher durch Daddelhallen und Souvenirstände, in denen es unablässig glitzert, blinkt und piept. Ein endloser Zug Badegäste pilgert zum überfüllten Sandstrand. Und über allem hängt der Geruch billigen Fast Foods.

Doch Kolobrzeg ist nicht nur voll von profanem Amüsement, sondern auch voll von lieblichen Parks, die an artenreiche Urwälder und Sumpfgebiete des baltischen Urstromtals grenzen.

Das weckt den Verdacht, dieselben Leute, denen es gar nicht zu laut, bunt, grell sein kann, schätzen einfach das Wechselspiel der Extreme: hyggelig auf Polnisch gewissermaßen. Dieser Eindruck verstärkt sich mit jedem Kilometer ostwärts. Im industriemusealen Koszalin etwa mischen sich äußerer Aufruhr und innere Einkehr ebenso gut wie im mittelalterlichen Darlowo. Am Sarpsker See campt man für eine unfassbar geringe Stellplatzgebühr inmitten eines idyllischen Wäldchens mit eigenem Uferabschnitt.

Den Landstrich zwischen den Ortschaften Leba und Rowy nennt man wegen seiner Wanderdünen auch „polnische Sahara“. Die Rückfahrt über Danzig und Stettin ist da schon nur noch Zugabe einer Reise, nach der Erholung völlig neu definiert wird. In Polen, wo hyggelig irgendwie auch hektisch heißt.