Reise

Im fremden Land – dem eigenen

Archivartikel

Drei Reisen in den Osten zu einer Zeit des Umbruchs – unmittelbar vor dem Mauerfall 1989, kurz vor der Wiedervereinigung 1990 und im Jahr darauf. Persönliche Erinnerungen nach drei Jahrzehnten.

Tagebuch zu führen ist eine tolle Sache. Es ermöglicht Rückschau auf das eigene Werden, aber auch darauf, wie man früher historische Ereignisse gesehen hat. Eine dankbare Quelle auch für diesen Rückblick auf drei Reisen in den Osten in der Zeit des Umbruchs 1989 bis 1991.

Die erste 1989. Grenzöffnung in Ungarn, Fluchtdrama in der Prager Botschaft, Sturz Erich Honeckers – all das elektrisiert den Politikstudenten, bewegt zu einer Reise in die DDR, nach Ost-Berlin. Nicht allein, sondern im Rahmen einer politischen Bildungsreise des örtlichen Bundestagsabgeordneten. Der Aufenthalt dauert vom 30. Oktober bis 1. November 1989. Keiner ahnt, was am 9. November passieren wird.

Noch ist die DDR existent. Zwar ist Staats- und Parteichef Erich Honecker gestürzt und Egon Krenz sein Nachfolger. Doch noch gilt der Schießbefehl an der Mauer. Und noch immer herrscht Willkür, sowohl gegen die eigene Bevölkerung als auch – wenn auch in weit geringerem Maße – gegen Besucher aus dem Westen. Und noch gelten die Vorrechte der vier alliierten Siegermächte. Unsere Anreise erfolgt daher mit British Airways, nach Tegel. Denn die Deutsche Lufthansa darf Berlin zu jener Zeit nicht anfliegen.

Standardprogramm jeder Berlin-Visite: der Blick über die Mauer. Dazu geht es an den Potsdamer Platz; hier sind die Folgen am sichtbarsten. Einst das Herz Berlins, bekannt aus Film-Wochenschauen der 1920er Jahre mit Gewimmel aus Autos, Bussen, Fußgängern. 1989 nurmehr eine riesige Brachfläche, durchzogen von einem mehr als hundert Meter breiten Sperrstreifen.

Busfahrt in den Ost-Teil. Die Prozedur ist mühsam, nein: unangenehm. Die Pässe werden eingesammelt. „Man liegt wohl nicht falsch, wenn man vermutet, dass ihre Daten in dem Wachhäuschen über heiße Drähte mit irgendwelchen fernen Datenbanken abgeglichen werden“, notiere ich abends ins Tagebuch – natürlich noch nichts ahnend vom wahren Ausmaß des Stasi-Systems, das nach der Wende offenbar wird. Die Grenzpolizisten agieren kühl mit einem nicht zu ignorierenden Hauch von Unfreundlichkeit.

Am Alexanderplatz, Zentrum Ostberlins, steigt die offizielle DDR-Reiseführerin zu. Ihre Berufsbezeichnung lautet „Stadtbilderklärerin“ – eine der vielen Verunstaltungen, welche die DDR der deutschen Sprache zumutet. „Christi Himmelfahrt“ ist hier offiziell der „Herrentag“. Und dann die nervigen Genetive: „Der Sekretär des Rates des Kreises“.

Beflissen erläutert die Dame die Sehenswürdigkeiten des Ostteils, im Pergamon-Museum die Mosaike der Assyrer. Zur aktuellen Situation aber kein einziges Wort. Etwa zum Rücktritt von Harry Tisch, mächtiger Chef der DDR-Gewerkschaft FDGB, der an jenem Morgen bekannt wird. Und jedem zeigen mag: Das Ende des Systems ist nahe.

Zweierlei fällt auf. Erstens: Auf den Straßen fast nur Fahrzeuge der Marke Trabant, in verschiedenen, jedoch zumeist öden Farben, aber immer die gleiche Form. Nur dann und wann ein Skoda. Einen VW Golf sieht man an diesem Tag nur ein Mal; Honecker hatte 1977 davon 10 000 Stück bestellt. Wieder im Westen erzählt unser waschechter Berliner Busfahrer den unvermeidlichen Trabi-Witz: Wie viel Mann braucht es zur Herstellung eines Trabis? Zwei: Einer faltet, der andere klebt.

Zweite Beobachtung: Ostberlin wirkt grau. Düster. Wohl, weil bunte Reklame fehlt. Die Stadt näher kennenzulernen, in ihr spazieren zu gehen, das ist uns untersagt. Nur einmal dürfen wir überhaupt den Bus verlassen – zum Besuch des Pergamon-Museums. „Bleiben Sie in der Gruppe!“, fügt die Stadtbilderklärerin aber sogleich streng hinzu.

Auch zum Mittagessen verbannt uns der staatliche Reiseveranstalter fernab der Bevölkerung, in den Vorort Weißensee. In ein privat geführtes Lokal, Vorzeigebetrieb für West-Touristen. Auf der Fahrt, abseits der Prachtstraßen der „Hauptstadt der DDR“, ist die Realität sozialistischer Baupolitik zu sehen: Wohnhäuser wie Ruinen. Kein Wunder: Altbaumieten sind auf dem Niveau von 1936 eingefroren. 300 DDR-Mark – im Jahr!

Bedrückende Situation

Zum Abendessen werden wir zur „HO Ufergaststätte Potsdam“ gekarrt. Neben West-Touris essen hier gerne junge DDR-Bürger, wenn sie mit ihren Freunden mal toll ausgehen wollen. Als wir ankommen, hat sich bereits eine Schlange an der Tür gebildet. Doch als D-Mark-Touris dürfen wir vorbei.

Während wir essen, wird draußen die Schlange immer länger. Unser offizieller DDR-Begleiter schließt die Tür, um vor uns den Anblick der personifizierten Zweiklassengesellschaft im real existierenden Sozialismus zu verbergen. Wir sind peinlich berührt: In ihrem eigenen Land müssen diese jungen Leute im wahrsten Wortsinn vor der Tür stehen. Einer von uns geht hinaus, artikuliert dieses Unbehagen, entschuldigt sich gar. „Schon gut“, sagt einer der jungen Leute: „Wir müssen nicht mehr lange warten.“

In der Tat: Nur acht Tage nach unserem Rückflug fällt die Mauer. Hätte der Aufenthalt nicht noch so lange dauern können, fuchst es mich am Abend des 9. November. Doch der nächste Besuch folgt, im August 1990. Die Mauer ist nicht nur offen, sondern kaum mehr vorhanden. Nur wenige Torsi noch, in denen die Eisenarmierungen wie Knochen aus einem Kadaver ragen. „Mauerspechte“ hämmern mühsam einzelne Stücke heraus. Ein Mann leiht mir dazu den Hammer – gegen Gebühr, versteht sich. Er hat gelernt, wie Marktwirtschaft funktioniert.

August 1990: Die DDR existiert noch. Doch sie trägt ein anderes Gesicht. Seit dem Frühjahr gibt es eine demokratisch gewählte Regierung unter Lothar de Maiziere (CDU), ab 17. Mai benötigt man kein Visum mehr, seit 1. Juli ist die D-Mark Zahlungsmittel.

Wie anders als vor zehn Monaten läuft auch der Grenzübertritt: Ohne jede Furcht. Freundliche Beamte kommen und werfen in die Papiere einen Blick, für den die Kennzeichnung flüchtig noch zu ausführlich wäre. „Ein schaler Nachgeschmack bleibt“, lese ich im Tagebuch: „Wie schnell können Menschen über Nacht ihr Verhalten ändern?“

Nun dürfen wir auch hinter die Kulissen blicken. Abseits der Prachtstraßen zeigt sich sogar in der Hauptstadt die Bausubstanz verfallen. Manche Grundstücke, selbst auf der berühmten Museums-Insel, wirken, als sei der Krieg gerade erst zu Ende gegangen.

Dritte Reise: Genau ein Jahr später, August 1991. Die Einheit ist zehn Monate alt, die Euphorie vielerorts bereits verflogen. Die Landschaften erblühen nur langsam. Ich fahre nachts, um dem gewachsenen Ost-West-Verkehr auszuweichen. Eine Autobahnfahrt auf großen Steinplatten: tack, tack, tack.

Brandenburg pur

Das Benzin neigt sich dem Ende. Runter von der Autobahn: Brandenburg unplugged, Straßen mit Pflastersteinen aus der Kaiserzeit, „wohl sogar aus Römerzeit“, wie ich genervt notiere. In einem Dorf, in dem das Leben stehengeblieben zu sein scheint, eine Tankstelle. Sogar mit Leichtbenzin, das mein damals moderner Katalysator-Kadett vertragen würde. Doch ohne 24-Stunden-Öffnung.

Jetzt ist es erst 6 Uhr früh, der Betreiber zwar schon anwesend, er macht sogar die Tür auf, als ich klopfe; doch alles Bitten hilft nichts: Betriebsbeginn erst um 8 Uhr. Zumindest öffnet er punktgenau, pumpt persönlich den Sprit. Aber die „Servicewüste Deutschland“, die gibt es auch im Westen.

In Berlin darf ich die Wohnung einer Bekannten nutzen, die wie viele hier an der Ostsee Urlaub macht. Jugendstilfassade, schwere Holztür, schmiedeeisernes Geländer im Treppenhaus. Altbau in Kreuzberg. Also tiefster Westen. Doch die Toilette befindet sich im Knie des Hausgangs. Dusche? Fehlanzeige. Aber immerhin Badewanne. In solchen Situationen geht jeder Hochmut gegenüber der DDR-Wohnungspolitik verloren.

Am Morgen des 19. August im Radio: Putsch gegen Gorbatschow. Wie gut, dass unsere Abreise geplant ist, denke ich damals. Meine Tagebuchnotizen ziehen besorgte Parallelen zur Flucht des Vaters gerade noch rechtzeitig vor dem Mauerbau im August 1961. Immerhin sind 1991 noch 300 000 Rotarmisten in Ostdeutschland stationiert.

Das alles scheint heute irreal. Der Osten ist aufgeblüht, Altstädte von Leipzig bis Eisenach sind Schmuckstücke, Tausende auch aus dem ehemaligen Westen genießen Urlaube auf Rügen und Usedom, erleben begeistert das quirlige, wieder vereinigte Berlin. Bei ihnen ist die „Innere Einheit“ längst Realität.

Mehr Infos zum 30. Tag der deutschen Einheit gibt es in unserem Dossier unter morgenweb.de/einheit