Reise

Im Reich der Rum-Fässer

Die Antillen-Insel Martinique ist ein Stück französische Karibik und karibisches Frankreich gleichermaßen: Hier vermischen sich kulturelle wie kulinarische Einflüsse auf reizvolle Weise. Und dann ist da noch das Nationalgetränk, das wie ein Kulturgut verehrt wird.

Wenn Claire Marie Dubois ein Menü zaubert, kommt es zu erstaunlichen Kombinationen. Auf den Aperitif, einen "Ti Punch" aus Rum, Limetten und Zucker, sowie frittierten Stockfischbällchen mit pikanter Sauce folgt französische Stopfleberpastete (Foie gras). Zum Hauptgang gibt es Wolfsbarsch mit einem Gratin der Yamswurzel und als Dessert eine Crème brûlée oder in Rum flambierte Bananen. Und dass sie ohne Gluten auskommt, macht Claire Maries Küche noch trendiger.

Gelernt hat sie ihr Handwerk "auf dem Kontinent", wie sie sagt, nämlich in der renommierten Kochschule Ferrandi in Paris - gut 6800 Kilometer von ihrem Heimatort entfernt. Claire Marie ist Französin, aber das französische Festland weit weg. Die 42-Jährige kommt aus Martinique, einem Überseegebiet in der Karibik. Dorthin ist sie nach einer Management- und Englisch-Ausbildung sowie Stationen als Küchenchefin in Paris und auf der Antillen-Insel Saint-Barthélemy zurückgekehrt.

Exotischer Mix in der Küche

In ihrem paradiesisch am Wasser gelegenen Haus, das von Mangroven umgeben ist, hat Claire Marie Dubois Gästezimmer eingerichtet. Sie bietet Kochkurse für Inselbewohner und Touristen an, auch in englischer Sprache. Ihre Erfahrungen erklären jenen reizvoll-exotischen Mix der Einflüsse in ihrer Küche - nicht nur aufgrund der Verwendung lokaler wie kontinentalfranzösischer Produkte. "Auf meinem Tisch möchte ich die für Martinique so typische Großzügigkeit mit der französischen Präzision und Technik verbinden", sagt sie. So verquickt sie die Kontraste, die ihre Heimat ausmachen.

Denn die einstigen Kolonien, zu denen auch das benachbarte Guadeloupe oder die Insel La Réunion im Indischen Ozean gehören, haben ihre eigene Kultur und Lebensart. Inzwischen ist Kreolisch auch offizielle Sprache und wird an der Universität gelehrt. Frankreich verbot zeitweise die einstige Ausdrucksweise der Sklaven; deren Nachfahren vermieden sie zudem, um sich möglichst perfekt zu integrieren und keine Benachteiligung zu erfahren. Die Gleichberechtigung der Bewohner früherer Kolonien ist noch immer ein sensibles Thema. Erst spät hat Frankreich seine blutige Kolonialgeschichte aufgearbeitet. Heute thematisieren sie Museen wie die "Savane des Esclaves" oder die Fondation Clément - ein Landgut mit einer ehemaligen Plantage, das Sammlungen zeitgenössischer Kunst zeigt.

Entdeckt wurde Martinique im Jahr 1502 von Christoph Kolumbus; seit Frankreich es 1635 kolonialisierte und innerhalb von drei Jahrzehnten die einheimische Bevölkerung fast komplett ausgerottet hatte, blieb die Insel der Kleinen Antillen bis auf kurze Phasen fremder Besatzung französisch. Heute gehört sie als Übersee-Département und Region zur EU. Bezahlt wird mit dem Euro, die Schulbücher und Polizeiuniformen sind dieselben wie auf "dem Kontinent". Knuspriges Baguette und Croissants, für die Frankreichs Bäcker berühmt sind, gibt es ebenfalls - verfeinert mit frischer Ananas- oder Mango-Konfitüre.

Ein Vorzeige-Produkt

Großes Vorzeige-Produkt und Nationalgetränk zugleich bleibt der Rum - der weltbeste, wie Aurélie Bapté von der Distillerie JM versichert. Der Grund: Dieser "Rhum Agricole", den ein AOC-Herkunftssiegel schützt, wird nicht aus der Melasse von Zuckerrohr gewonnen, sondern aus frisch gepresstem Zuckerrohrsaft. "Wir benutzen unseren eigenen puren Rohrzucker, den wir rasch verarbeiten. Das ist der große Unterschied zum meist industriell produzierten Rum anderswo auf der Welt", erklärt die 30-Jährige. "Zwar machen wir auf Martinique weniger als ein Prozent der weltweiten Rum-Produktion. Aber Sie schmecken den Unterschied." Die einzelnen Schritte der aufwendigen Herstellung können Besucher in einem Rundgang nachvollziehen - vor der obligatorischen Verkostung. Inzwischen können Liebhaber die Distillerien der Insel auf einer "Rum-Route" abklappern.

Martiniques Haupteinkünfte stammen aus dem Tourismus und der Landwirtschaft. Jährlich werden rund 200 000 Tonnen Bananen und 20 Millionen Liter Rum verkauft. Kamen 2015 noch 790 000 Touristen, so möchte die Insel deren Zahl bis 2020 auf eine Million erhöhen. Bei einem Großteil der Reisenden handelt es sich derzeit um Franzosen vom Festland.

"Martinique, das sind nicht nur traumhafte Strände", wirbt Philippe Rotin, Chef-Concierge im Hotel "French Coco". "Es gibt viel mehr zu entdecken: Pflanzen und Fauna, Vogel- und Sternbeobachtung, tolle Wanderwege, Feste, Kulturerbe, Wellness, gutes Essen, nicht zu vergessen der Rum..."

Tatsächlich ist die Landschaft vielfältig: Im trockenen Süden locken weiße Sandstrände, im Norden tropische Natur, Urwald und Berge. Unangefochtenes wirtschaftliches Zentrum ist die Hauptstadt Fort-de-France, wo sich Häuser in karibischem, modernem Stil sowie Kolonialbauten aneinanderreihen. Hier steht eine Statue von Joséphine de Beauharnais, der berühmtesten Tochter der Insel: Die Eltern der ersten Frau von Napoleon Bonaparte hatten dort eine Zuckerrohrplantage. Weil sie sich ein Leben ohne Sklaven nicht vorstellen konnte, führte Joséphines Mann, der Kaiser, 1802 unter ihrem Druck die Sklaverei wieder ein, obwohl die französische Konvention acht Jahre zuvor deren Abschaffung beschlossen hatte. So dauerte es noch weitere 46 Jahre, bis die Sklaverei ein Ende fand. Das erklärt, warum Joséphines Statue der Kopf fehlt: Unbekannte haben ihn 1991 abgeschlagen. Es handelte sich wohl um einen nachträglichen revolutionären Akt - man ist hier schließlich in Frankreich.