Reise

Immer der Nase nach

Archivartikel

Im norditalienischen Piemont kann man dem Trüffelsucher und seinen Hunden über die Schulter schauen. Dafür muss man nur früh aufstehen, festes Schuhwerk, etwas Neugierde und ganz viel Geduld mitbringen.

Plötzlich beginnt Vicky mit ihren Pfoten in der Erde zu scharren. So richtig weit kommt sie damit aber nicht. Ledi kommt ihr zu Hilfe. „Sonst sind wir morgen noch hier“, sagt Giovanni Monchiero und nimmt den kleinen schwarzen Hund liebevoll auf den Arm. Die beiden Hunde seien für den Trüffelsucher wie Kinder, sagt er. Und sie sind sein wichtigstes Arbeitswerkzeug.

Es knackt und klackt, die Pfoten der dreijährigen Ledi sind auf etwas gestoßen. „Stopp!“ Sofort hält Monchiero den Hund zurück. „Er würde den Trüffel sonst noch zerkratzen“, erklärt er. Mit einer Hacke gräbt er vorsichtig um den Pilz herum, kratzt die Erde weg, bis der Trüffel freigelegt ist. Er ist schwarz, etwa zwei Zentimeter im Durchmesser, „nichts Besonderes“, sagt Monchiero. Ein Liscio Macrosporum, der Wert: etwa vier Euro. Rund die Hälfte des Verkaufspreises geht am Schluss an den Trüffelsucher, der vor allem zwischen Ende September und Ende Januar auf die Suche geht. Denn dann könnte auch mal ein weißer unter der Ausbeute sein.

Früh geht die gemeinsame Suche in dem kleinen Waldstück bei Roddi, einem kleinen Ort südwestlich von Alba, los. Auf das Laub und die Gräser hat sich in den frühen Morgenstunden ein silberner Schleier gelegt. „Frost ist gut“, sagt Giovanni Monchiero, „der bringt den Geruch besser an die Oberfläche.“ Außerdem hofft er auf Regen. Trüffel bestehen zu 82 Prozent aus Wasser. „Will man im Herbst weiße Trüffel haben, ist es perfekt, wenn es im Juli regnet.“ Ein trockener Sommer wirke sich stark aus, so wie im Jahr 2017. Die Trüffel sind dann zwar genauso gut, aber es gibt sehr viel weniger. Im November 2017 wurden 70 Prozent weniger Trüffel gefunden als im Vorjahr. Was sich sofort auf den Preis auswirkt: Ein Kilo weißer Trüffel kostete in der vergangenen Saison etwa 7000 Euro. 2016 waren es 3000 Euro.

„Ich suche nun schon seit 50 Jahren Trüffel“, sagt der 55-Jährige. Etwa 4500 Trifolao, so werden die Trüffelsucher hier genannt, haben in der norditalienischen Region Piemont ein Patent, einen Ausweis, der sie zum Trüffelsuchen berechtigt. Was es braucht, um ein guter Trüffelsucher zu sein? „Geduld und Erfahrung“, sagt Monchiero. Eine genaue Zeit, wann er zur täglichen Suche aufbreche, kann der Trifolao auch nicht nennen. „Wenn du den Geruch in der Nase hast, ziehst du los.“

Mit seinen beiden Hunden dreht Monchiero immer Runden. Jede Stelle wird umkreist. Denn wenn der Wind von der falschen Seite kommt, rennen die Tiere an Trüffeln vorbei. Ledi, die dreijährige Mischlingsdame, ist die Erfahrenere der beiden. Das schwarze Pincher-Mädchen Vicky quasi ihr Lehrling. Er habe immer zwei Hunde, sagt Monchiero, einen älteren erfahrenen und einen jungen. Einer der Vorfahren von Trüffelsucher Monchiero hat 1880 in Roddi eine Trüffelhunde-Universität gegründet.

Jeder Hund kann ein Trüffelsucher werden

Heute wird diese von Gianni Monchiero geführt. Für die Hunde sei die Trüffelsuche ein Spiel. Ein Tennisball, auf den etwas Trüffelöl geträufelt ist, ist ihr liebstes Spielzeug. Sie lernen über Belohnung. Die Tasche der grünen Jacke des Sammlers ist schon total zerfressen, darin lagern die Leckerli für Ledi und Vicky. Laut dem Experten kann jeder Hund ein Trüffelsucher werden. „Der Hund hier hat mich zehn Euro gekostet“, sagt er und deutet auf die kleine Vicky, während die verträumt um ihn herum hüpft. Das Wichtigste sei die Kontinuität. Er übe jeden Tag zwischen drei und fünf Stunden mit seinen Hunden.

Die erfahrene Ledi läuft das Terrain ab. Dann hält sie inne, geht langsam mit der Nase am Boden eine Stelle erneut ab. Schwarze Trüffel finde er bestimmt ein paar pro Tag, sagt Giovanni Monchiero. Ledi beginnt zu graben und plötzlich steigt auch die Konzentration ihres Herrchens: Ein weißer Trüffel erscheint unter den Hundepfoten. Er nimmt wieder die Hacke zur Hand und gräbt, diesmal besonders behutsam. „Piano, piano, jetzt ist Ruhe angesagt.“ So viel Ruhe, dass er gar nicht merkt, dass die beiden Hunde derweil seine Tasche mit den Leckerli leerfuttern. Dann hält der Trifolao den weißen Pilz in der Hand, seine Augen leuchten. Der Wert der kleinen Knolle? „Etwa 40, 50 Euro“, schätzt Monchiero und steckt den Trüffel in seine Brusttasche. Da kommen die Hunde nicht dran.