Reise

In Samt und Seide

Lyon war als Stadt der Weber bekannt in ganz Europa. Könige, Kaiser und Kirchenfürsten hüllten sich in die hier produzierten Gewänder. Die historischen Viertel der Metropole bieten noch heute Stoff für bunte Geschichten.

Der geheime Gang führt zu einem lauschigen Innenhof mit Arkaden und einem Treppenturm. Nach ein paar Schritten wieder eine Tür: Nun steht man auf einem ganz anderen Sträßchen. Gegenüber befindet sich der nächste Eingang – und dahinter erneut ein Geheimnis? Wer die Traboules entdeckt, wie die Passagen heißen, macht statt eines normalen Stadtrundgangs eher eine Schatzsuche mit Schnitzeljagd.

Viele von Lyons Geheimgängen sind inzwischen nicht mehr wirklich geheim, weil sie sogar im Stadtplan verzeichnet sind. Andere kennen bis heute nur Einheimische. Es gibt Hunderte Traboules: Inzwischen sind sie nur noch Abkürzungen. Früher nutzte man sie aber, um kostbare Ware geschützt durch die Stadt zu transportieren: Seide.

Den edlen Stoff hat Delphine Godefroy bei ihren Stadtführungen immer im Blick. „Der Reichtum der Stadt hing an unzähligen seidenen Fäden“, scherzt sie. Die Expertin zeigt ihren Gästen jene versteckten Orte, an denen noch immer die Webstühle klappern. „Vor etwa fünf Jahrhunderten begann jene Zeit, in der Lyon als Stadt der Seide in ganz Europa bekannt wurde. Zunächst kamen die Kaufleute, um hier ihre Waren zu handeln. Dann siedelten sich auch unzählige Handwerker an“, weiß Delphine Godefroy. Erzählt wird die lange Geschichte der Weberei im Musée des

Tissus: Das Museum rühmt sich, mit mehr als drei Millionen Stoffmustern im Magazin die größte Textilkollektion der Welt zu besitzen. Wer auf den Geschmack kommt, kann in den benachbarten Läden gleich das Portemonnaie zücken.

Boutiquen wie Maison Combier, Soierie Saint-Georges, Brochier Soieries oder Trésor de Soie preisen Krawatten, Schals und Tücher stolz als „made in Lyon“ an. Tatsächlich produzieren bis heute viele Luxusmarken in den Fabriken vor den Toren der Stadt. Die aufstrebenden Modeschöpfer lassen als echte Patrioten ebenfalls nicht in Asien fertigen, sondern um die Ecke. In der Umgebung von Lyon gibt es außerdem bis heute einige Farmen, auf denen die Seidenraupen an Maulbeerbaumblättern knabbern und dann ihre feinen Kokons spinnen.

Heute nutzt man edle Seide für modische Accessoires, schicke Anzüge und Kleider. Doch zur Blütezeit der Seidenweberei schufteten die Handwerker vor allem für Dekorateure. Als der „Sonnenkönig“ Ludwig XIV. fast jede Ecke seines Schlosses in Versailles mit gewebten Stoffen ausgestattet hatte, machten es ihm die anderen Könige und Kirchenfürsten sowie wohlhabende Bürger nach. Anfang des 19. Jahrhunderts erfand Joseph-Marie Jacquard, ein Weber aus Lyon, den nach ihm benannten programmierbaren Webstuhl, um die Maschinen mit einem System aus Lochkarten zu steuern. Wenn bis heute aus manchen Fenstern ein Klackern, Knallen und Rattern ertönt, liegt das am Verein Soierie Vivante. Der betreibt zwei Ateliers, die immer noch in Betrieb sind. Hier erklärt Hélène Carleschi die Funktionsweise eines Webstuhls: wie ein Pedal die Fäden anhebt, dann das Schiffchen mit einem Irrsinnstempo hindurchfährt und schließlich der Kamm den Webfaden ans Gewebe schlägt. Über 30 000 Seidenweber siedelten sich im 19. Jahrhundert in Croix-Rousse an, einem neuen Stadtviertel auf dem Hügel zwischen den Flüssen Rhone und Saône. Für ihre Tapeten und Teppiche, Polsterbezüge und Vorhänge brauchten sie gut vier Meter hohe Webstühle – für derart große Maschinen war in den niedrigen Wohnungen der Altstadt kein Platz. Heute hat sich das ehemalige Arbeiterviertel Croix-Rousse zum angesagtesten Quartier der Stadt entwickelt. Die Bobos, wie man hier die Hipster nennt, lieben die Cafés und kleinen Läden.

Während die Traboules auch hier kein Geheimnis mehr sind, bietet Croix-Rousse doch so manche Überraschung. „Die Leute denken, uns gibt es nicht mehr. Von wegen: Wir weben immer noch Seide, und zwar wie früher in Handarbeit“, sagt Gisèle Bardet. Die 57-Jährige sitzt mit ihren jungen Kollegen Nicolas Meunier und Sebastien Roche oft viele Monate an besonderen Stücken. Guillaume Verzier ist der Inhaber des Familienbetriebs Manufacture Prelle und sagt: „Privatleute haben zwar vielleicht das Geld, aber selten die nötige Geduld. Viele unserer Kunden sind Dekorateure und Restauratoren.“

Ob für Schlösser in Rastatt oder Sankt Petersburg, für Opernhäuser in Monte Carlo oder Paris, für Residenzen von Botschaftern oder Industriemagnaten in Europa und Übersee: Die Vorfahren von Guillaume Verzier haben vor mehr als 250 Jahren begonnen, Räume mit edlen Stoffen auszustatten. Mal war Brokat in Mode, dann Façonné oder Samt. Wie oft sich die Designs seit der Mitte des 18. Jahrhunderts verändert haben, sieht man bei einem Blick in die Folianten des Archivs. Mal sind es bunte Blumen, mal detailreich gestaltete tropische Vögel, dann wieder abstrakte geometrische Formen. Es ist eine Reise durch die Kunstgeschichte, und in der Schatzkammer der Seidenweber lagern noch immer alle Muster.

Manche Kreation lässt sich heute auch mit jenen modernen Maschinen weben, die 100 Meter am Tag schaffen. Doch für komplizierte Aufträge mit vielen Farbschattierungen und Motiven setzen sich die Spezialisten der Manufaktur immer noch an die historischen Webstühle aus dem 19. Jahrhundert. Dann ist nicht Schnelligkeit gefragt, sondern die bestmögliche Qualität. Deswegen dauerte es auch ganze 23 Jahre, bis die Manufaktur Prelle nach den historischen Vorlagen jene Stoffe gewebt hatte, die heute das restaurierte Prunkschlafzimmer des Sonnenkönigs Ludwig XIV. im Schloss Versailles zieren. „Wenn es gut läuft“, sagt Gisèle Bardet, „schafft man bei so einem Projekt zweieinhalb Zentimeter am Tag.“