Reise

Insel der Traditionen

Traumhafte Badestrände mit türkisfarbenem Wasser und fast weißem Sand – dafür ist Sardinien bekannt. Die Mittelmeerinsel hat vor allem im Landesinnern noch viel mehr zu bieten: dort können Touristen am historischen Dorfleben teilhaben.

Der letzte Anstieg hat es in sich. Längst sind die Teilnehmer der Reisegruppe aus dem Sattel ihres Mountainbikes gestiegen, haben in die kleinsten Gänge heruntergeschaltet. Das Ziel ist in Sicht, doch wirklich vorwärts geht es trotzdem nicht. So ziehen es die meisten vor, abzusteigen und die letzten Meter hinauf zu schieben.

Was sich in den Beinen anfühlt wie alpines Hochgebirge, ist lediglich die Felsküste der Sinis-Halbinsel auf Sardinien. Der steile Hügel an ihrer südlichen Spitze ist der Endpunkt der ansonsten flach verlaufenden Tour. Doch oben angekommen, wird die Gruppe mit einem spektakulären Ausblick belohnt: Links Wasser, rechts Wasser und davor eine schmale Landzunge. Hier, auf dem Capo San Marco, ist Sinis am schmalsten und auch am höchsten. Auf der rund 20 Kilometer langen Halbinsel mit ihren drei Hügeln wechseln sich Steilklippen und flache Strandabschnitte (mit grobem Quarzsand) genauso ab wie Dünen und kleine Kiefernwälder. Das meist stille Meer ist hier ideal zum Baden.

In der Antike wurde am Capo San Marco der Handelshafen Tharros angelegt, dessen Ruinen besichtigt werden können. Rund ein Drittel der phönizischen Stadt – oder das, was davon übrig ist – sind für die Besucher sichtbar. „Die anderen zwei Drittel sind noch nicht ausgegraben“, erklärt Führerin Rossella Suntu. Am auffälligsten ist die einstige breite Hauptstraße, die von Norden nach Süden führt. In ihrer Mitte verläuft ein Streifen aus Holzplanken, sie verdecken den darunter liegenden Abwasserkanal. Noch zu erkennen sind die Fundamente der Häuser, die einst bis zu 8000 Menschen Platz boten. Wahrzeichen der Anlage sind zwei Säulen eines Tempels, die noch gut erhalten sind. Allerdings wurde in den 1960er Jahren nachgeholfen, um eine Attraktion für Touristen zu schaffen.

Pferdespektakel an Karneval

Die Sarden sind stolz auf ihr kulturelles Erbe und ihre Traditionen – und pflegen diese entsprechend. Beispielhaft dafür steht Santu Lussurgiu – ein typisch sardisches Bergdorf mit rund 2600 Einwohnern in der Provinz Oristano im Westen der Insel. Jedes Jahr am Karnevalssonntag ist es Schauplatz eines besonderen Pferderennens. Tausende Schaulustige säumen beim Spektakel „Sa Carrela ‘e Nanti“ die Gassen, wenn sich zwei Reiter (früher sogar drei oder vier) die Hände auf die Schultern legen, dabei vielleicht noch ein Kunststück zum Besten geben, vor allem aber die 700 Meter lange Hauptstraße Via Roma hinunter galoppieren. Viele Reiter tragen dazu traditionelle sardische Tracht oder Karnevalskostüme.

Dem Pferderennen verdankt das Dorf nebenbei die wohl beste Straße Italiens. Denn ihr Asphalt wird jedes Jahr vor dem Rennen abgefräst und auf das darunter liegende Kopfsteinpflaster eine dicke Schicht Erde aufgeschüttet, um Pferden und Reitern ein sicheres Rennen zu ermöglichen. Nach der Veranstaltung wird die Straße neu geteert. Für den Rest des Jahres erinnern viele großflächige Bilder an den Hauswänden und Mauern an das Spektakel. Der Ursprung dieser Tradition ist nicht eindeutig; die ersten sicheren Daten stammen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

In Santu Lussurgiu wird außerdem die Tradition eines besonderen Gesangs gepflegt: der Canto a concordu. Vierstimmig tragen vier Männer polyphone, traurig anmutende Gesänge vor, die von Prozessionen oder religiösen Festen handeln. Dabei schließen die Herren ihre Augen und stehen dicht zusammen im Kreis, „für einen volleren Klang“, wie sie sagen. Sie treten meist auf Festen auf der Insel auf, haben aber auch schon in Deutschland gesungen. Um den Fortbestand ihrer Kultur zu sichern, haben sich 15 Gemeinden zum Netzwerk „Fondazione Himnos“ zusammengeschlossen. Denn für die Musik gibt es keine Noten – die Männer singen rein nach Gefühl und geben dies genau so an folgende Generationen weiter.

Bleibt man über Nacht im Ort, kann man eine ungewöhnliche Beherbergungsform kennenlernen, die in kleinen Dörfern Ende der 1970er Jahre eingeführt wurde: ein „albergo diffuso“. Grundsätzlich handelt es sich um ein Hotel mit allen Einrichtungen wie Rezeption und Restaurant. Der Clou besteht jedoch darin, dass umliegende historische Gebäude integriert wurden. So kann es vorkommen, dass man vom Zimmer zum Frühstück erst einmal fünf Minuten durch enge, kopfsteingepflasterte Gassen laufen muss, ehe man frisches Gebäck und einen Espresso genießen kann. Ziel des Konzepts ist es, den Gast am Dorfleben teilhaben zu lassen und zuvor leer stehende historische Häuser wieder mit Leben zu füllen. In Santu Lussurgiu führt Gabriella Belloni ein solches Hotel aus vier Gebäuden mit 20 Zimmern.

Festungen aus Stein

Ein Symbol Sardiniens sind die Nuraghenfestungen, von denen es etwa 8000 auf der Insel gibt. Viele davon konzentrieren sich um das Dorf Barumini. Dort, in einer Hochebene mit kegelförmigen Hügeln, fanden die Nuraghen ideale Bedingungen für die Standorte ihrer Siedlungen vor. Eine der beeindruckendsten ist die Festung su Nuraxi – ein typischer Bau der Bronzezeit, der relativ gut erhalten und seit 1997 Unesco-Weltkulturerbe ist. „Die Gebäude waren zur damaligen Zeit auch ein Symbol der Macht“, erklärt Fremdenführer Francesco Casu.

Mit dem Bau der zentralen Gebäude – einem etwa 20 Meter hohen Turm und vier außen herum gesetzten Türmen aus Basalt – wurde im 14. Jahrhundert vor Christus begonnen. Später folgten sieben Türme sowie im 8. Jahrhundert ein weiteres Dorf. Insgesamt bestand die Festung aus 200 Hütten und bot bis zu 400 Menschen Platz. Im Laufe der Jahrhunderte haben die Gebäude ihre ursprüngliche Höhe eingebüßt, und von vielen äußeren Hütten stehen nur noch die Grundmauern. Spektakulär ist jedoch die Besichtigung der zentralen Türme, für die man sich abwechselnd dünn oder klein machen muss, um über steile Treppen hinein zu gelangen.

Reicht die Zeit noch für Cagliari, sollte man dort unbedingt einen Besuch in der Markthalle einplanen. Sie ist täglich von 7 bis 14, samstags bis 15 Uhr geöffnet. Im Erdgeschoss gibt es eine breite Auswahl an Früchten, Gemüse, Käse, Wurst, Fleisch und Feinkost, das Untergeschoss steht ganz im Zeichen von Fisch und Meeresfrüchten.