Reise

Inseln in Blau-Weiß

Archivartikel

Es muss nicht immer Mykonos sein. Die wertvollsten Schätze der Ägäis liegen ganz in der Nähe von Athen, so auch die unterschätzten Kykladeninseln Andros und Tinos.

Der Sommerwind Meltemi braust ihm als natürlicher Ventilator um die Ohren, wenn Nikolaou Isidoros mit seinem Forschungsboot unterwegs ist. Nicht umsonst werden die Kykladen „Inseln der Winde“ genannt. Störend sei die luftige Brise aber nicht, findet der gelernte Elektroingenieur, besser als stehende Hitze. Neben seinem eigentlichen Job kümmert er sich im Rahmen des EU-Projekts „Life Andros“ um den Vogel- und Umweltschutz auf Andros. Während das Boot gemütlich an der Küste entlangschippert, sucht der Kapitän konzentriert nach Nistplätzen und verletzten Vögeln. „Das Gebiet um Achla Beach ist offiziell als Naturschutzreservat ausgewiesen, da dort der vom Aussterben bedrohte Eleonorenfalke und drei andere Vogelarten nisten“, schildert Isidoros. Im besten Fall solle das Projekt nicht nur der Natur helfen, sondern auch den Umwelttourismus auf Andros fördern, so der Kapitän. Interessierte Urlauber seien daher jederzeit auf seinem Boot willkommen.

Zwar wirkt die andriotische Landschaft auf den ersten Blick etwas karg, doch hat das 40 Kilometer lange und 16 Kilometer breite Eiland reiche Wasserreserven und ist fruchtbarer als kaum eine zweite Kykladeninsel. Etliche Quellen entspringen in den höheren Lagen und tauchen die Täler in ein saftiges Grün. „Aufgrund des Wassers sind weite Teile der Insel ganzjährig bewachsen“, berichtet Ariana Masselou. Die naturverbundene Athenerin hat der Hauptstadt den Rücken gekehrt und sich mit ihrem Unternehmen „Trekking Andros“ selbstständig gemacht. Ariana kennt das 300 Kilometer lange Wegenetz der Insel wie keine andere. Mit ihr geht es durch kleine Wälder, grüne Täler, vorbei an Quellen und Wassermühlen. Erst 2015 wurden die nach deutschen Standards ausgewiesenen und beschilderten „Andros Routes“ mit dem Prädikat „Leading Quality Trails – Best of Europe“ ausgezeichnet. Im Einklang mit der Natur zu leben, scheint den Andrioten eine Herzensangelegenheit zu sein. Selbst auf den Speisekarten vieler Tavernen sind hauptsächlich heimische Produkte zu finden. So auch bei Katerina Remoundou im „Tou Josef“ im kleinen Dorf Pitrofos. In Athen hat sich die Griechin als Restaurant-Kritikerin einen Namen gemacht, heute kocht sie selbst für ihre Gäste. Das Restaurant, das mehr wie ein Wohnzimmer wirkt, hat sie zu Ehren ihres Großvaters „Bei Josef“ genannt. Es kommen viele Stammgäste. „Bei 10 000 Inselbewohnern kennt jeder jeden“, verrät die Köchin lachend. Im Gegensatz zu Mykonos oder gar Naxos konnte sich Andros seine untouristische Ursprünglichkeit erhalten. Souvenirläden findet man kaum, einsame Strände dafür umso mehr. Wie das möglich ist? Die Antwort der Einheimischen ist simpel: Andros war eine sehr reiche Insel und nie auf den Tourismus angewiesen. Grund dafür sind die nautische Vergangenheit und die vielen reichen Seefahrerfamilien. Im Hauptort Chora (Andros-Stadt) ist dieser Reichtum bis heute zu spüren: Brunnen aus Marmor, stattliche Häuser reihen sich an neoklassizistische Gebäude. Noch mehr Marmor als auf Andros gibt es auf der nördlich gelegenen Nachbarinsel Tinos. Der Legende nach soll der antike Bildhauer Phidias die Kunst der Bildhauerei auf die Insel gebracht haben.

Wenn man sich auf Tinos genauer umsieht, hat man daran keine Zweifel: Häuser, Kirchen, ja ganze Dörfer sind mit Elementen aus Marmor versehen. Besonders in und um Pyrgos, einem 400-Seelen-Dorf im Nordwesten der Insel, reihen sich ein Museum für Marmorkunst, eine Bildhauerschule, Galerien und Werkstätten aneinander. Der Grund dafür ist der nahe gelegene Steinbruch, in dem noch heute weißer und grauer Marmor abgebaut werden. Er bestimmt das Leben im Dorf – so auch das von Petros Marmarinos. In seiner Galerie bietet er Tischplatten, Wandfliesen, Geschirr und Figuren wie Fische und Täubchen an. „Dass auf den Kykladen jahrhundertelang Tauben gezüchtet wurden, ist heutzutage wenig bekannt“, erwähnt Marmarinos. Jedoch sind es nicht die Taubenschläge, die Tinos Bekanntheit verschafften, sondern die Wallfahrtsbasilika der Gottesmutter in Chora. Auch als „Lourdes der Ägäis“ bekannt, ist sie die wichtigste Marien-Wallfahrtsstätte Griechenlands. Zu Mariä Himmelfahrt im August strömen mehrere Zehntausend Gläubige auf die Insel, um die wunderumwobene Heiligenikone der Jungfrau Maria zu berühren und zu verehren. Für viele griechisch-orthodoxe Christen ist diese jährliche Pilgerfahrt im August ein Muss. Einige von ihnen bestreiten den Weg vom Hafen hinauf zur Kirche sogar auf den Knien. Begleitet werden sie vom Sommerwind Meltemi. Es scheint, als habe der griechische Windgott Aiolos auch heute noch seine Finger im Spiel.