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Ist das erlaubt?

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Vom Posing mit der „Mona Lisa“ bis zum Schnappschuss mit dem barocken Doppelgänger: Selfies verändern den Umgang mit Kunst.

Alles, was sie sieht, sind Hinterköpfe: dunkle Zöpfe aus Indien, lange Mähnen aus Südafrika, fragwürdige Sonntagsfrisuren aus einem Vorort von Bregenz. Als Pariser Kunstikone trifft Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ eine Menge Leute – doch meistens sieht sie nur deren Rückseite. Im Louvre versteckt sich das ikonische Gemälde im hinteren Teil der Dauerausstellung. Trotz dieser versteckten Lage ahnt man seine Präsenz jedoch schon von Weitem. Der Grund: Tagtäglich drängt sich eine Menschentraube vor der Glaswand und posiert für ein Foto neben dem blassen Porträt: ich und die „Mona Lisa“. Klick, neues Profilbild.

Ein Selfie mit da Vincis Kult-Gemälde oder anderen Kunstklassikern ist online inzwischen fast so angesagt wie ein Bild mit dem aktuellen Lieblingsstar. Auf Instagram zum Beispiel kursieren unter dem Hashtag „museumselfie“ zahllose Fotos von Menschen, die sich möglichst kreativ vor berühmten Kunst- und Bauwerken inszenieren. Der neueste Trend: Unter dem Hashtag „artdoppelganger“ posieren Besucher neben Porträts, die ihnen oft erstaunlich ähnlich sehen. Doch geht es dabei noch um Kunst?

„Die Erfahrung von Kunst und Kultur ändert sich eben von Generation zu Generation“, sagt Markus Farr, Pressereferent der Staatlichen Museen Berlin, achselzuckend. Viele deutsche Kunsthäuser begrüßen es inzwischen, wenn ihre Besucher Selfies in den Ausstellungsräumen machen. Obwohl Museen das Fotografieren zwar offiziell verbieten dürften – schließlich haben sie das Hausrecht –, hat man sich vielerorts mit der neuen Form der Kunstbegegnung arrangiert. Die Werke, die auf den Selfies abgebildet werden, erführen sogar eine „emotionale Würdigung“, so Sabine Pelbjer vom Deutschen Museum in München. „Dadurch wird die Verbundenheit mit dem Kulturgut doch gefördert.“

Auch in Stuttgart darf in der Sammlung der Staatsgalerie posiert und fotografiert werden – nur die Bildrechte, besonders das Urheberrecht, müsse man dabei beachten, erklärt Pressereferentin Anette Frankenberger. Nur sind gerade diese Rechte für Laien auf den ersten Blick nur schwer zu durchschauen: Obwohl das Urheberrecht nämlich eigentlich beim Künstler liegt, sind private Aufnahmen von Gemälden und Co. rein rechtlich erlaubt. Doch wer die Bilder auf sozialen Kanälen wie Instagram und Facebook postet, stößt wiederum an gesetzliche Grenzen. „Das ist dann keine private Angelegenheit mehr, sondern entspricht juristisch gesehen einer Veröffentlichung“, erklärt Michaela Rassat, Juristin des D.A.S. Leistungsservice. Einzige Ausnahme: Ist der Künstler schon mehr als 70 Jahre tot, erlischt das Urheberrecht – und so bleibt zumindest die „Mona Lisa“ eine zuverlässige Fotopartnerin.

Einen deutlichen Schritt weiter ging ein Kunstprojekt im kalifornischen Glendale. Das „Museum of Selfies“ lud gezielt zum Fotografieren ein und zeigte so, dass die Selfie-Mentalität auch in der internationalen Kunstszene längst angekommen ist. Das zeitlich begrenzte Projekt erzählte dabei bis zum Mai 2018 nicht nur die Geschichte des Phänomens „Selfie“, sondern machte auch eine Ausnahme in Sachen Urheberrecht. Denn die Kunst, die hier ausgestellt war, wurde eigens für die virtuelle Selbstdarstellung entworfen. In verschiedenen interaktiven Räumen kreierte man künstliche Selfie-Stationen für die Besucher – und die posierten dann zum Beispiel auf einem komplett aus Selfie-Sticks gebauten Thron – eine augenzwinkernde Hommage an die skurrilen Auswüchse des Instagram-Kosmos. Auch in Deutschland ist der Trend angekommen: In Köln lockt etwa das „Supercandy! Pop Up Museum“ Besucher seit dieser Woche mit speziellen Selfie-Spots voller Flamingos, Konfetti und Glitzer. „Im Grunde ist es eine ganz natürliche Entwicklung, dass Menschen in Museen Selfies machen wollen“, schließt Regina Hock vom ZKM in Karlsruhe. „Das passiert heute im öffentlichen Raum überall.“ Dort allerdings ist die rechtliche Grundlage überschaubarer. Denn wer nicht mit der „Mona Lisa“, sondern vor dem Brandenburger Tor posiert, kann sich in Deutschland auf die sogenannte Panoramfreiheit berufen: „Sie erlaubt es jedem, von öffentlichen Straßen aus Fotos von Gebäuden und Denkmälern zu schießen und diese ohne die Zustimmung des Urhebers zu veröffentlichen – auch im Internet“, so Michaela Rassat.