Reise

Jede Bucht eine Wucht

Im Sommer ist der berühmt-berüchtigte schöne Norden Sardiniens voll, heiß, teuer. Daher sollte man im Herbst oder Frühling kommen, um die Region Gallura, die tatsächlich so schön ist wie ihr Ruf, zu entdecken.

Kristallklares Wasser, Strände mit weißem Sand, schroffe Felslandschaften und eine köstlich mediterrane Küche – der Norden Sardiniens ist ein Ziel für Genießer. Nicht umsonst haben Stars und Sternchen wie Tom Cruise, Rihanna und Rod Stewart diesen Flecken als Urlaubsdestination für sich entdeckt. Auch Manuel Neuer oder Mario Gomez lassen an der „Costa Smeralda“, also der Smaragdküste, nicht nur ihre müden Fußballerbeine, sondern auch ihre Seele baumeln. Muss man da überhaupt noch erwähnen, dass im mondänen Porto Cervo, dem Hauptort der Costa Smeralda, ein Cappuccino gern mal neun Euro kostet?

Dabei kann man nur wenige Kilometer entfernt vom Mekka der Schönen und Reichen genauso gut Urlaub machen – vor allem weitaus günstiger. In der Vor- und Nachsaison locken selbst einige Fünf-Sterne-Resorts in der Gallura, von der die Costa Smeralda nur ein kleiner Teil ist, mit erschwinglichen Preisen auch für kleinere Geldbeutel. Im Frühling blüht die Macchia zwischen den imposanten Granitlandschaften und im Herbst ist das türkisfarbene Meer immer noch warm genug für Wasserratten. Die Strände aber sind leer.

Nur wenige Autominuten östlich der Hafenstadt Palau ragt das Capo d’Orso (deutsch: Kap des Bären) hinein ins tiefblaue Mittelmeer. Den Namen verdankt die Landzunge einem Granitfelsen, den Wind und Wetter so geformt haben, dass er aussieht wie ein Bär – das Wahrzeichen der Gallura. Auf vier Beinen stehend und mit vorgerecktem Kopf bewacht er die Küste. So sieht es zumindest aus der Ferne aus, wenn man sich dem Kap nähert. Fotos sollte man jetzt machen, denn aus der Nähe lässt sich der Bär nicht so gut ablichten. Der rund 15-minütige Aufstieg auf den Hügel, auf dem er thront, lohnt dennoch. Die Aussicht ist großartig!

Aus über 60 Inseln besteht der Maddalena-Archipel. Nirgendwo in Europa sei das Wasser klarer, heißt es. Tatsächlich ist jede Bucht eine Wucht! Besonders viel Spaß macht es daher, diese Inselwelt mit dem Boot zu erkunden. Einige Hotels (z. B. die Delphina Hotels & Resorts) bieten Gästen Erkundungen auf Schiffen der hoteleigenen Flotte an. Geführte Bootsausflüge gibt es aber auch von Palau aus. Wer will, kann sich hier auch ein eigenes Bötchen mieten.

Wer einen Blick auf den eigentümlichsten Strand des Archipels werfen will – der Spiaggia Rosa auf der Insel Budelli schimmert flamingorosa –, braucht in jedem Fall ein Boot. Weil uneinsichtige Touristen den Sand als Souvenir mitgehen ließen, darf der Strand schon lange nicht mehr betreten werden. Für das Naturschauspiel sind übrigens die zermahlenen Reste roter Korallen verantwortlich, die in den Neptungraswiesen vor Budelli heimisch sind.

Zu einem Urlaub im Norden Sardiniens gehört unbedingt auch ein Ausflug ins bergige Hinterland der Gallura. Aus Angst vor Piraten und anderen Invasoren haben die Sarden ihre Küsten lange gemieden. Bedeutende Siedlungen entstanden im Landesinneren. Hier schlägt das Herz der Gallura. Selbst während der Saison trifft man in den stillen und schattigen Gassen der Bergdörfer nur wenige Touristen. Der Besuch von Aggius lohnt sich besonders – und das nicht nur wegen der hübschen Altstadt mit den schmucken Häusern und der traumhaften Aussicht. Es gibt dort auch ein ethnografisches Museum, das anhand unzähliger Exponate einen guten Einblick gewährt in die sardische Volkskultur. Besonders schön anzusehen sind Teppiche und Textilien aus einer Zeit, in der die Webkunst, neben den Granitsteinbrüchen, noch eine der Haupteinnahmequellen der Menschen im Hinterland war.

Ein Muss für Naturliebhaber ist ein Abstecher auf die Felsenhalbinsel Capo Testa. Sie liegt nur einige Kilometer westlich von Santa Teresa di Gallura und ist über einen Damm zu erreichen. Rund um den Leuchtturm, der bis heute von großer Bedeutung für die Schifffahrt im Norden Sardiniens ist, breitet sich ein Labyrinth aus bizarr geformten Felsen aus, betörend schön und wild zugleich. Die Gezeiten und der Wind haben hier eine eigentümliche Landschaft aus Steinbrocken und Tümpeln geschaffen, in der man sich verlieren und nicht mehr gefunden werden möchte – so faszinierend ist es. Hungrig und durstig vom Klettern und Staunen geht es zurück nach Santa Teresa di Gallura, dem nördlichsten Ort Sardiniens. Die Nachbarinsel Korsika ist nur elf Kilometer Luftlinie entfernt. Weiß leuchten die Kalksteinfelsen herüber, auf denen Bonifacio erbaut wurde.

Das kleine historische Zentrum lädt zu einem Einkaufsbummel ein. In den Gassen haben sich Kunsthandwerker Ladengeschäfte eingerichtet. Auch Bars und Restaurants gibt es für jeden Geschmack und Geldbeutel. Nach einem Aperol Spritz und leckeren Antipasti auf der Piazza Vittorio Emanuele, wo auch viele Einheimische den Feierabend genießen, kommt nun noch der Höhepunkt: der Sonnenuntergang am Torre di Longosardo.

Der wuchtige runde Wachturm liegt etwas außerhalb von Santa Teresa. Das Licht der untergehenden Sonne färbt die Kalksteinfelsen gegenüber in Korsika flamingorosa – dieselbe Farbe wie der Sand auf der „verbotenen“ Insel Buticelli.

Und das ist auf jeden Fall wesentlich beeindruckender als jeder Promi, der einem an der Costa Smeralda möglicherweise über den Weg gelaufen wäre.

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