Reise

Junges Gemüse und alte Mauern

Albanien ist ein Land voller Kontraste. Unberührte Natur und historische Bauten konkurrieren mit Betonburgen am Strand und protzigem Prunk.

Wer morgens um acht durch das erwachende Elbasan bummelt, erkennt bald, wo die Sehnsuchtsziele der Menschen liegen: anderswo. Annis Cosmetics, der Damensalon Lady Diena, die Irish Bar und die Bar Playstation säumen die Hauptstraße Rruga Rinia. Zwischen Maserati-Pub und Barber Shop Henry riecht es nach scharf geröstetem Kaffee und frischem Gebäck. Gerade öffnet Euro-Kids mit Spielzeug für vielleicht künftige EU-Bewohner seine Türen. Vor der Farmaci Berlin wäscht ein Mann seinen alten Mercedes mit einem Schwamm wie eine Geliebte. Und an einem der kleinen, runden Cola-Kioske stopft ein graustoppeliger Opa seinem Enkel ein Stück Schokolade in den Schulranzen, worauf der Junge strahlt, wie Kinder in Deutschland nur noch selten strahlen. Der alten Frau auf der Mauer vor dem Smart Home PC Point aber kann der Besucher zwar ein Paar selbst gestrickte Socken für umgerechnet fünf Euro abkaufen, aber Näheres über ihr Leben in Albaniens drittgrößter Stadt lässt sich mit Händen und Füßen eben nicht erfragen. Und so ist er froh, später wieder Ina Havaraj, die Reiseführerin, an seiner Seite zu wissen. Albanien ist ein faszinierendes Land, das jede Menge Fragen aufwirft und unendlich viele Geschichten erzählt – wenn jemand da ist, der sie übersetzt. Will man mehr erfahren, als Reiseführer wissen, bedarf es einer kompetenten Begleitung wie etwa der 26-jährigen Ina, die Psychologie studiert hat, sich im Tourismus aber besser aufgehoben fühlt. Trotz Korruption und hoher Arbeitslosigkeit im Land hat sie ihren Optimismus nicht verloren: „Es wird ja von Tag zu Tag besser.“

Schon optisch prägen tiefe Gegensätze das Land. Da sind die schwarz verschmierten Ölförderpumpen der ehemaligen Stalin-Stadt Kucova, die sich bis in Hinterhöfe hinein heben und senken wie versehentlich nicht stillgelegte Industriedenkmäler. Gleichzeitig drehen sich in Tirana moderne Baukräne über den Villen und den Grenzmauern der Rolling Hills, dem neuen Reichenviertel.

Noch sind im ganzen Land klapprige Busse aus Heidelberg und rostige Lastwagen mit „Eismann“-Aufschrift unterwegs. Aber Albanien ist nicht mehr nur der Gnadenhof für Europas Autoschrott: Porsche Carreras und BMW-SUVs zeigen, dass neues Geld mit neuen Autos protzt. In den verfallenen Hallen des einstigen Kombinats „Stahl der Partei“ arbeiteten einst 11 000 Menschen. Heute schmelzen 3000 Angestellte Abfallmetall ein. Wenige Kilometer weiter aber beginnen blühende Landschaften: Ginster leuchtet, Reben ziehen sich die Hänge hoch, zwischen Pappeln und Vogelbeeren schmiegen sich Steinhäuser an Steilhänge. Bunker ragen wie Domkuppeln aus der Erde. Häuser in jedem Zustand der Nichtfertigstellung warten auf Geldschübe. Sieht man irgendwo einen maurischen Tempel oder ein Märchenschloss, handelt es sich garantiert um ein neues Hotel.

Bei türkischem Kaffee und Raki erfahren die Besucher, wie Ali und Flora Tafani von einem Aufkäufer um die ganze Tabakernte betrogen wurden. Nun versuchen sie es mit Heilkräutern. Zum Rotwein erzählt der 90-jährige Künstler Leke Tasi, wie er vom Regime Enver Hodschas in ein fernes Dorf deportiert wurde. Und Flori Uka, ein 42-jähriger Winzer, doziert beredt, wie er der alten Traubensorte Cernja zu neuer Blüte verhelfen will.

Auch im Tourismus sind die Gegensätze krass. Entlang der Küste ziehen sich monströse Bettenburgen, wie sie Spanien vor 40 Jahren verbrochen hat. In Berat, der schönen „Stadt der 1000 Fenster“, sind Hunderte albanischer Schüler unter wegs, und von der 2400 Jahre alten Festung fällt der Blick auf einen breiten Boulevard. Das dominierende Gebäude, eine Mischung aus Petersdom und Tadsch Mahal, sollte ursprünglich als Privatuni betrieben werden. Doch der Bauherr erhielt keine Genehmigung. Jetzt wird es eben zum Hotel.

Ganz im Osten des Landes liegt der Shebenik-Jablanica-Nationalpark. Eine halb fertige Straße führt ins Dörfchen Fushe Studa. Während Fatnis Tupi, der Wirt der Kneipe, im Kamin Weißbrot röstet und den Tisch mit Pickles, Lammstücken und Fergese füllt, einer Mischung aus Leber, Käse und Öl, sitzen Männer aus dem Dorf beim Raki, rauchen und starren in den Regen.

Juli Balla, der 33-jährige Chef der Ranger, erzählt von seiner Arbeit. Der größte Nationalpark Albaniens reicht von 260 bis 2660 Meter Höhe. Sein Juwel sind uralte Buchenwälder, in denen sich Bären, Luchse und Wildziegen tummeln. Das kleine Infozentrum stifteten die Italiener. Die Zahl der Touristen nimmt zu, aber es gibt gerade mal 60 Betten in der Region. Deshalb organisieren Balla und seine Männer auch Treffen für Dorfbewohner, bei denen es um Hygiene, Kalkulation und Betriebsführung geht. „Nur der Tourismus kann das Dorf wiederbeleben“, sagt Fatnis Tupi.

Am nächsten Morgen scheint die Sonne und Lorec, der freundliche Sohn des Wirts, führt die Besucher in die Berge. Farne und Wacholderbüsche säumen den Pfad. An einer Feuerstelle am türkisfarbenen Karstsee kickt er wütend ein paar zurückgebliebene Bierflaschen in die Asche. Seinetwegen, sagt Lorec, müsse die Zufahrtsstraße nicht verbessert werden. Touristen seien willkommen, aber noch mehr Leute mit Jeeps, die Bier tränken und herumgrölten, bräuchten sie hier nicht. 400 Häuser in der Region stehen leer, seine Schwester arbeitet als Ärztin in Miami, er selbst findet im Dorf keine Frau.

Und doch sagt Lorec, der 31-Jährige, der jeden Tag in seinen Bergen wandert, lächelnd: „Alles ist gut, wie es ist.“