Reise

Kein Platz für den Union Jack

Devon ist ein eher unbekannter Fleck in Großbritannien. Einer, wo sie für den Brexit gestimmt haben, wo sie stolz und keltisch sind.

Pferde spielen wild in ihren Koppeln, Schafe und Kühe grasen träge auf sattgrünen Weiden. Vor den Bauernhöfen weisen handbeschriebene Tafeln auf frische landwirtschaftliche Produkte hin: „Eier von frei laufenden Hühnern“, „Kartoffeln aus neuer Ernte“, „Saftige Äpfel“. Und die Menschen tragen Kleidung nach Art des berühmten britischen Bad Taste: giftgrüne Trainingsjacken aus Glitzerpolyester zu altmodischen grauen (vollen) Hosen und braunen Sandalen. Es fällt ihnen nicht auf. Man bleibt ja weitgehend unter sich. Lebt sein Leben. So wie es immer war.

Das wahre England liegt in der Provinz. Countryside, sagen die Briten. Und meinen damit, dass dort alles sehr konservativ, betulich und beschaulich, sicherlich altmodisch und auf jeden Fall brav ist. In Englands ländlichen Gebieten wie Devon scheint die Welt noch in Ordnung. Denn London ist nicht England. London ist weit weg. Und so manche Londoner fühlen sich in Devon wie im Ausland, wenn auf einmal kein Englisch mehr gesprochen wird, sondern vermehrt wieder Cornish wie früher. Sprache ist ein Instrument, um sich abzuschotten. Von London und England ebenso wie von Brüssel und der Europäischen Union. Außer in Devons Hauptstadt Exeter ging jeder Wahlkreis bei der Brexit-Abstimmung an „Leave“.

Wer mit dem Auto von London auf den Motorways M 4 und M 5 über Bristol in Richtung Devon fährt, wird nach der Grafschaftsmarkierung Devon auf dem ersten Verkehrsschild den Hinweis auf Speed Cameras – Radarkontrollen – lesen können. Und in den Ortschaften sind überall die Warnschilder zu finden, die darauf aufmerksam machen, dass Neighbourhood Watch gilt: „Jeder passt bei uns auf, dass nichts passiert“, sagt die Wirtin vom „Nobody Inn“ in dem Dorf mit dem unaussprechlichen Namen Doddiscombsleigh. „Jeder passt auf, dass unsere gute Welt einfach heil bleibt.“

Ihr Pint ist randvoll eingeschenkt, wie es sich gehört. Alles muss seine Ordnung haben. Das ganze Dorf spielt Polizei. Und jeder, der neu ist, soll die wichtigsten Regeln gleich zur Kenntnis nehmen. In Devon ist alles genau dort, wo es hingehört: Papierschnipsel sind im Mülleimer, Geldscheine bei der Dorfbank. Und sonntags gibt’s den Sunday Roast, den Sonntagsbraten, selbstredend nur zwischen Mittag und 14 Uhr. Dann ist die Küche zu. Pünktlich auf die Minute.

Zusammen mit dem durch Rosamunde Pilcher berühmt gewordenen Cornwall macht Devon den südwestlichen Zipfel Großbritanniens aus. „Einer aus Devon zu sein, heißt stolz und keltisch zu sein.“ Diesen Satz könnte der Friseur sagen. Der Bauer. Der Polizist. Die Wirtin vom „Nobody Inn“. Alle. Schließlich ist der Name Devon von den Dumnonii abgeleitet, einem keltischen Volk, das die Halbinsel zur Zeit der Römer bewohnte.

Devon hat Städte wie Exeter, die Hauptstadt, oder Plymouth, die wichtigste Hafenstadt. Doch die meisten Gemeinden haben nicht mehr als 10 000 Einwohner, sehr häufig weit weniger. Man lebt in Dörfern, in einer rauen Landschaft, die den Menschen immer etwas mehr abtrotzte als anderswo, die zu Individualismus und extremem Heimatgefühl erzog. Man lebt bis heute von Fischfang, Landwirtschaft und immer noch etwas Bergbau. Das Wirtschaftsförderungsprogramm der Europäischen Union nehmen aber auch die „Leave“-Wähler gerne an, wie die Fischer von Sidmouth.

In Dartmoor ist es einsamer als anderswo

Einer von ihnen schwadroniert gefühlt eine Stunde gegen die Franzosen, die keine Grenzen kennen und alles leer fischen würden. Da sei es doch nur recht und billig, „dass wir auch was abbekommen vom Kuchen, von denen da drüben in Europa“. Die Fischerrunde nickt zustimmend.

Seit einigen Jahren tauchen von denen da drüben immer mehr in Devon auf: Touristen, die nicht nur, wie schon seit Langem, an die Englische Riviera mit Torquay, Paignton oder Brixham fahren, wo die Halbinsel das Glück hat, vom warmen Golfstrom verwöhnt zu werden. Inzwischen wagen sich einige der Besucher auch ins Innere von Devon, etwa ins rau-romantische Dartmoor. Es liegt in einer zauberhaften Landschaft mit Heide-, Moos- und Farnbewuchs. Einspurige Wege schlängeln sich durchs Dartmoor, einem der einsamsten Naturreservate in Europa. Und nur zwei größere Straßen kreuzen dieses unwirtlich, neblig-kühle und feuchte Gebiet, das auf der Landkarte die Form eines kreisförmigen Areals aufweist. Sie treffen sich bei Two Bridges.

Eine andere Brücke liegt nicht weit entfernt und ist ihrem Namen nach weltbekannt. „Bridge over troubled Water“ – wer kennt ihn nicht, den Song des Erfolgsduos Simon & Garfunkel. Nur wenige wissen allerdings, dass es die Brücke über das reißende Wasser auch wirklich gibt. Die fünfbögige Steinbrücke findet sich in dem kleinen Ort Bickleigh, wenige Kilometer nördlich von Exeter. Der Kathedrale wegen fahren die wenigsten dorthin, obgleich sie doch so typisch ist für Devon. Eine Kirche, die eher an eine Festung erinnert als an ein Gotteshaus: quadratisch, praktisch, gotisch. Trotzdem will man in Bickleigh vor allem die kleine Brücke sehen und vielleicht die Inspiration nachempfinden, die die Popstars hier erfahren haben. Dabei fließt der River Exe träge und mit einer Wasseroberfläche, die glatt wie ein Spiegel ist, bis zur Brücke. Erst die Stufe unter der Brücke raut das Wasser auf.

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