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Kesse Sohle

Archivartikel

Viele Insulaner verbringen freie Tage am Strand. Andere sitzen lieber in der Fabrik und erfinden Kreationen für Menorcas Exportschlager, die Avarcas-Sandalen. Wie der bequeme Treter für die Feldarbeit zum gefragten Modeschuh avancierte.

Wer in Menorcas Hauptstadt Maó oder der ehemaligen Hauptstadt Ciutadella durch die Straßen bummelt und vor den Schaufenstern der Schuhläden stehen bleibt, dem fällt es sofort auf: Die Fenster sind voll von schlichten, flachen Sandalen mit breitem Oberteil und Riemen an den Hacken. Trotz der Einfachheit ist die Auswahl an Farben, Mustern, Glitzer und weiterem Tand riesig. „Avarcas“ heißen die Treter, die ihren Ursprung auf Menorca haben, aufs spanische Festland und auch ins Ausland exportiert werden und die niemand besser kennt als einer, der sie seit Jahrzehnten herstellt.

Sie versteckt sich in einem unscheinbaren Hintereingang im industriellen Viertel von Ciutadella - die winzige Avarcas-Schuhfabrik von Fernando Contreras und seiner Frau Ines Carrasco. „Viele produzieren auf Menorca Avarcas, aber nur wir und fünf oder sechs andere bieten Echtheitsgarantie“, erzählt Fernando stolz, dessen Meisterbrief aus dem Jahr 1965 sowie zahlreiche Auszeichnungen eine Wand im Büro einnehmen. Vieles, was in den Läden nach Avarcas aussehe, seien gar keine echten Avarcas. Die Regierung vor Ort verleihe dem Original zwar das Label „Avarca de Menorca“, aber wirklich geschützt sei der Name nicht. „Die ersten Avarcas entwarfen Hirten für die Feldarbeit. Sie sollten vor allem bequem und haltbar sein.“ Als oberes Stück dienten Schweine- oder Ochsenleder, die Sohle entstand aus alten Reifen, und zum besseren Halt gab es ein Band um den Knöchel. Heute haben Autoreifen in der Avarcas-Produktion ausgedient, in Fernandos nach Kleber riechender Werkstatt stapeln sich stattdessen Schuhsohlen aus Leder. Auch der obere Teil des Schuhs ist bunt geworden und lässt die Kreativität der jüngeren Schuhmacher erkennen: Mal besteht er aus Leder, mal aus Bast, Stoff oder Hanf, mal ist er einfarbig, dann kunterbunt, mit Punkten, Karos oder Streifen, glitzert wie Lametta oder wartet mit Perlen auf. „Wir haben 1991 mit der Produktion begonnen und waren die Ersten in Spanien, die auch anatomische Schuhe hergestellt haben.“ Diese unter dem Namen „Benestar“ bekannt gewordenen Gesundheitssandalen erinnern wenig an echte Avarcas, und das hat seinen Grund: „Uns dienten Birkenstocks als Vorlage, die schienen uns aber zu hart und klobig“, berichtet Ines Carrasco, die sich inzwischen zur Ruhe gesetzt hat, aber dem kleinen Unternehmen mit nur fünf Mitarbeitern als kreativer Kopf erhalten bleibt. Viele der Avarcas-Kühlschrankmagneten, Clips und Schlüsselanhänger in den Souvenirläden entstammen unter anderem ihren Entwürfen. In der kalten Jahreszeit, wenn die Sandalen in der Winterpause sind, sollen Touristen trotzdem nicht ohne die inseleigenen Schuhe im Gepäck nach Hause fahren, auch wenn diese nur als Miniaturversion einen Kühlschrank zieren.

Doch die wahre Begeisterung des Paars gilt noch immer der Schuhproduktion. „Ich habe das Geschäft mit 28 Jahren fast ohne finanzielle Rücklagen aufgebaut“, erinnert sich Fernando. Avarcas habe es schon seit dem 18. Jahrhundert auf Menorca gegeben, aber in Mode seien sie erst in den 1960ern gekommen. Heute entstünden jährlich an die 600 000 der beliebten Sandalen, deren Fußbett „barca“ heißt, Boot. Wer ein Modell aus der Benestar-Reihe erwirbt, trägt außerdem einen Picasso, Dalí, Matisse oder einen anderen großen Künstler am Fuß, nach denen das Ehepaar die Serien benannt hat. Die Schuhe sind vor allem online erhältlich, nachdem das Geschäft in der Altstadt von Ciutadella schließen musste. Die Konkurrenz unter den verschiedenen Fabriken sei groß und Ideen-Diebstahl üblich, zudem hätten die lokalen Schuhmacher mit Billigkopien aus China zu kämpfen. Dennoch ist Aufgeben für das Paar keine Option: „Ich könnte meine Freizeit am Strand verbringen, aber was sollte ich da? Wenn ich hier in der Fabrik bin, kommen mir ständig neue Ideen.“ Und so outet sich Fernando als Mann, der sein Leben den Schuhen verschrieben hat und der vor Freude strahlt, wenn er ein neues Modell vor sich sieht – die es für Männer und Frauen gibt und die das Paar selbst häufig trägt.