Reise

100 Jahre Bauhaus Im Jubiläumsjahr erinnern zwei neue Museen an die bedeutende Design- und Kunstschule

Klassikstadt Weimar entdeckt die Moderne

Archivartikel

Das Bauhaus-Museum in Weimar zeigt sich bei Dunkelheit mit weißen Lichtbändern an der Fassade. Seit Anfang April glänzt Weimar mit seinem neuen Ausstellungsort und zeigt dort die Objekte der bedeutendsten Design- und Kunstschule des 20. Jahrhunderts. Auf rund 3000 Quadratmeter Nutzfläche und einer Ausstellungsfläche von 2250 Quadratmetern sind auf drei Etagen 1000 der insgesamt 13 000 Exponate umfassenden Weimarer Bauhaus-Sammlung zu sehen, deren Grundstock Bauhaus-Gründer Walter Gropius bereits im Jahr 1925 gelegt hat.

100 Jahre nach Gründung der legendären Architektur- und Kunstschule, dem Staatlichen Bauhaus in Weimar, präsentiert die Stadt nicht nur einen modernen Museumsneubau, sondern zudem ein neues städtebauliches Konzept, das den Titel „Quartier der Moderne“ trägt. Denn nur unweit von dem Bauwerk mit hohen, doppelgeschossigen Lufträumen, das Architektin Heike Hanada entworfen hat, steht ein Neorenaissance-Bau, der nun ebenfalls eine neue Bestimmung gefunden hat.

Das „Neue Museum Weimar“, das zeitgleich mit dem Bauhaus-Museum eröffnet wurde, zeigt die Vorgeschichte zur Moderne mit der Dauerausstellung „Van de Velde, Nietzsche und die Moderne um 1900.“

Damit verändert die Stadt von Goethe und Schiller ihr Gesicht. Nach Aussage von Helmut Seemann, Präsident der Klassik-Stiftung, ist „Weimar nicht länger die Klassikerstadt, die das Vermächtnis der Dichter hütet“, sondern vielmehr „ein Ort der Verdichtung intellektueller Höhepunkte der deutschen Geschichte vom ausgehenden 18. bis ins 20. Jahrhundert.“

Neue Akzente gesetzt

Mit dem Quartier der Moderne werden im Zentrum von Weimar neue Akzente gesetzt. Neben dem Flaggschiff, dem großen grauen Kubus, in dessen Fassade ganz oben die Worte „bauhaus museum“ als Banderole eingelassen sind, wurde der Uni-Campus der UNESCO-Welterbestätte Bauhaus-Universität aufgefrischt und an authentischem Ort das „Haus am Horn“, der einst von Georg Muche entworfene Musterbungalow, renoviert und zum 100-jährigen Jubiläum wieder eröffnet.

Christian Eckert, zertifizierter Stadtführer und profunder Weimarkenner, lässt bei einem knapp zweistündigen Stadtrundgang die Geschichte der Moderne lebendig werden und bietet zudem bei einem, den Laternenfesten der Bauhäusler nachempfundenen, Laternenspaziergang Historisches und Anekdotisches von den Anfängen des Bauhauses.

Empfehlenswert ist zudem ein Bauhausspaziergang an der Universität. Hier ist das rekonstruierte Direktorenzimmer zu sehen, das Walter Gropius 1923 als „Meisterarbeit“ für die „Große Bauhausausstellung“ selbst entworfen hat. Neben Ludwig Mies van der Rohe, Frank Lloyd Wright und Le Corbusier gilt er als Mitbegründer der Modernen Architektur und tritt als Architekt 1919 die Nachfolge des belgischen Designers Henry van de Velde an der Großherzoglich-Sächsischen Kunstgewerbeschule in Weimar an. Er bricht mit den tradierten Vorstellungen und alten Lebenswelten und eröffnet noch im selben Jahr das Staatliche Bauhaus, das als neue Kunstschule sowohl Handwerk als auch Kunst unter einem Dach vereint.

Neuartig war vor allem die duale Ausbildung. Denn nun waren in den Werkstätten Handwerker als Werkmeister und Künstler als Formmeister gemeinsam für die Ausbildung der Studenten verantwortlich. Zu den Lehrern zählten berühmte Maler wie Lyonel Feininger, Wassily Kandinski, Paul Klee und Oskar Schlemmer, dessen eindrucksvoller Figurenfries noch heute das Treppenhaus im Ateliergebäude auf dem Universitätsgelände ziert. Auserkorenes Ziel der neuen Ausbildung war das „Einheitskunstwerk“ mit fließenden Grenzen zwischen Architektur, Design und Kunst.

Nach dem Motto „form follows function“, die Form bestimmt das Aussehen des Produkts, entstehen dabei nicht nur handwerkliche Unikate und Prototypen. Man experimentiert mit modernen Industriematerialien, um breiten Bevölkerungsschichten nach dem Ersten Weltkrieg eine Verbesserung ihrer Lebenssituation zu ermöglichen.

Daraus entstanden sind viele Design-Klassiker des 20. Jahrhunderts, die nun als Preziosen im Bauhaus Museum zu sehen sind. Dazu gehören unter anderem die Bauhaus-Leuchte von Wilhelm Wagenfeld (1924), der Lattenstuhl von Marcel Breuer (1924), das Teeservice von Marianne Brandt (1924) und die berühmte Bauhaus-Kinderwiege von Peter Keler (1922), die aus den Grundfarben Gelb, Rot und Blau und den ihnen von Kandinsky zugeordneten Formen Dreieck, Quadrat und Kreis besteht.

Der „Aufbruch in die Moderne“ war in Weimar nur möglich, weil einst Großherzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach (1876 – 1923) ein geistig-kulturelles Zentrum in seiner kleinen Residenzstadt implementieren und die Weimarer Malerschule erneuern wollte. Diese eindrucksvolle Entwicklung zeigt das Neue Museum Weimar in direkter Nachbarschaft vom Bauhaus Museum. Auf 1400 Quadratmetern sind 550 Objekte zu sehen, darunter Gemälde, die von der 1860 gegründeten großherzoglichen Kunstschule bis hin zu der von Harry Graf Kessler geförderten Avantgarde von Claude Monet bis Max Beckmann reichen.

Komplette Ensembles

Neben Nietzsches Schwester Elisabeth, die als zentrale Figur des „Neuen Weimar“ den Nietzsche-Kult entfachte, sind die eindrucksvoll gestalteten und komplett erhaltenen Wohnzimmer-Ensembles des Jugendstil-Architekten Henry van de Velde, dem Vorgänger von Walter Gropius an der Kunstgewerbeschule, zu bewundern.

Als besondere Aktion bietet die BauhausCard, die ausschließlich an den Kassen des neuen BauhausMuseums Weimar und dem Neuen Museum in Weimar erhältlich ist, Eintritt für elf Euro und berechtigt im Anschluss bis zum Folgetag zu freiem oder ermäßigtem Eintritt bei weiteren 70 angeschlossenen Einrichtungen.