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Klinik unter Palmen

Archivartikel

Das „Olive Ridley Project“ betreibt auf einer Resort-Insel im Baa-Atoll das erste Schildkröten-Hospital der Malediven mit Labor, OP und eigener Tierärztin. Die meisten Patienten erholen sich von Verletzungen, die sie durch Geisternetze erlitten haben.

Unter Sonnensegeln paddelt ein halbes Dutzend Meeresschildkröten in großen Bottichen. Einige erholen sich in der Rettungsstation des „Olive Ridley Project“ von Amputationen, andere haben Luftansammlungen im Körper, die ihnen das Tauchen erschweren oder unmöglich machen. „Das Entfernen schwer verletzter Flossen ist oft die einzige Möglichkeit, ein Tier zu retten“, sagt Raiko, die Praktikantin aus der Hauptstadt Malé.

Die 23-Jährige füttert die Tiere und erzählt Urlaubern ihre Geschichten. Burrito wurde im Lhaviyani-Atoll in einer Insel aus Plastik aufgefunden, außerstande, sich selbst zu befreien. Wie die meisten Patienten wurde sie per Boot in die Klinik gebracht. Andere, die in weit entfernten Atollen gefunden werden, transportiert die Fluggesellschaft Trans Maldivian Airways unentgeltlich im Wasserflugzeug. Zweimal wurde Burrito operiert, eine Wunde am Hals musste genäht, eine verletzte Flosse amputiert werden – und schließlich auch ein Teil einer zweiten Flosse. „Mit drei Flossen können Schildkröten problemlos im Meer überleben“, erklärt Raiko. „Schwieriger ist es mit nur zweien, vor allem, wenn zwei auf einer Körperseite fehlen.“

Weil ihr aufgrund ihrer Größe kaum Gefahr durch andere Tiere droht, sieht die Tierärztin Claire Lomas dennoch die Chance, Burrito erfolgreich auszuwildern. Durch einen Gurt gesichert, übte die Schildkröte zunächst das Schwimmen und Tauchen im Meer. Bald soll sie dauerhaft in den Ozean zurückkehren.

Aus Indien und Sri Lanka auf die Malediven

Unterstützt von wechselnden ehrenamtlichen Helfern kümmerte sich die Veterinärin aus Nordwales drei Jahre lang auf der Insel um Tiere, von denen sich die meisten in „Geisternetzen“ verfangen haben – aufgegebenen oder verlorenen Fischernetzen, die mit den Meeresströmungen vor allem aus indischen und pakistanischen Gewässern zu den Malediven gelangen. Dabei ist das Fischen mit Netzen auf den Malediven gar nicht üblich. „Die Netze legen ebenso große Strecken im Meer zurück wie die Schildkröten, die sich in ihnen verfangen“, sagt Claire Lomas.

Das vom englischen Biologen Martin Stelfox gegründete „Olive Ridley Project“ beseitigt diese Netze überall im Indischen Ozean und versucht, verletzte Schildkröten zu retten. Im Februar 2017 eröffnete die gemeinnützige Stiftung das tiermedizinische Zentrum auf der Resort-Insel Dhuni Kolhu im Baa-Atoll. Über 100 Tiere sind hier behandelt worden.

Tatsächlich sind Projekte zum Schutz von Schildkröten auf den Malediven nicht neu. Meist werden sie aber von Meeresbiologen betreut, die keine chirurgische Hilfe leisten können. Auf der ebenfalls im Baa-Atoll gelegenen Insel Landaa Giraavaru betreibt etwa das Four Seasons Resort ein Schildkröten-Schutzzentrum, in dem seit seiner Gründung 2011 fast 200 Tiere von Meeresbiologen versorgt wurden. Medizinischer Rat aber wurde zumeist per Telefon aus dem Ausland eingeholt. Seit Eröffnung des Schildkröten-Hospitals werden Patienten von allen Atollen der Malediven nach Dhuni Kolhu gebracht.

Die mit einer Länge von 70 Zentimetern relativ kleinen Olive-Ridley-Schildkröten, die dem Projekt den Namen gegeben haben, nisten in Indien und Sri Lanka – aber nicht auf den Malediven. Weil sie sehr beweglich sind, stellen sie dennoch die Mehrheit der Patienten im Krankenhaus. „Von 174 Schildkröten, die in zwei Jahren verletzt oder verfangen aufgefunden wurden, waren 163 Olive Ridleys“, so Claire.

Auch Karettschildkröten finden gelegentlich den Weg nach Dhuni Kolhu; meist haben sie Fischerhaken verschluckt. Grüne Meeresschildkröten zählen nur vereinzelt zu den Patienten.

Fotos von den Tieren helfen ihnen

Moby ist derzeit das einzige Exemplar dieser Art. Sie wurde von einem Speer so schwer verletzt, dass sie auch nach einer Operation noch in Lebensgefahr ist. „Speerfischen ist auf den Malediven illegal, und ohnehin stehen Schildkröten unter Schutz“, erzählt Praktikantin Raiko. Eine solche Verletzung sei daher relativ selten. Die größte Gefahr für die Tiere sind Netze, die sie verletzen und schließlich verhungern oder ertrinken lassen. Auch Plastiktüten, die sie mit Quallen verwechseln, können tödlich sein; ebenso wie Schiffsschrauben oder Schleppnetze, in denen sie als Beifang landen.

Schildkröten vermuten in auf dem Wasser treibenden Plastikansammlungen Nahrung oder suchen in ihnen Schutz, wobei sie sich in den Netzen verstricken. Immer haben die befreiten Tiere Wunden; sehr schwer verletzte Flossen muss Claire abnehmen. Das globale Problem kann allerdings nicht auf einer Insel gelöst werden. Deshalb klärt die Stiftung Fischer rund um den Indischen Ozean über die Folgen von Ausrüstungsverlust und Urlauber aus Europa über die Folgen ihres Konsumverhaltens auf. Einmal in der Woche bringt nun Claires Nachfolgerin Jackie den Gästen des Resorts Eigenarten, Gefahren und Chancen für die Tiere nahe. Die Urlauber erfahren, dass Meeresschildkröten bis zu sieben Stunden unter Wasser bleiben und je nach Art 50 bis 80 Jahre alt werden können. Nur zum Nisten kehren sie an Land zurück – an den Strand, an dem sie selbst geschlüpft sind.

Die Urlauber ermahnt Jackie, beim Kauf von Fisch auf nachhaltige Fangmethoden zu achten. Und wer beim Schnorcheln oder Tauchen eine Meeresschildkröte sieht, möge versuchen, ihr Gesicht zu fotografieren. „Die Zeichnung ist wie ein Fingerabdruck.“ Anhand der Fotos können Tiere identifiziert und ihre Bewegungen nachvollzogen werden.

Claire schwankt zwischen Schonungslosigkeit und zaghaftem Optimismus. „Es ist schwer zu sagen, ob es Hoffnung für die Meeresschildkröten gibt.“ Alle sieben Arten sind vom Aussterben bedroht, aber: „Aus den Daten kann man ableiten, dass ihre Zahl ganz leicht ansteigt.“