Reise

Krabben wie Sand am Meer

Archivartikel

Einst waren sie eine Plage, heute gelten sie als Delikatesse: Königskrabben. Ihr Reich ist die Barentssee, ihr Dompteur ein deutscher Auswanderer. Eine Fangtour am nordöstlichen Ende Europas.

Die meisten Menschen, die den kleinen Flughafen von Kirkenes mit vollgepackten Koffern verlassen, bleiben nicht lang. Eine Nacht, dann sind sie schon wieder weg. Schiffen sich auf den weiß-roten Pötten der Postschiffroute ein, die von hier aus erst das Nordkap und dann Bergen ansteuern. Dabei lohnt es sich, noch ein bisschen länger zu bleiben. Im äußersten Nordosten Norwegens.

Dreisprachige Straßenschilder, neben Norwegisch auch Russisch und Finnisch, weisen den Weg in die Innenstadt. Nur 13 Kilometer sind es von Kirkenes bis zur Grenze nach Russland, 35 bis zur finnischen. Wie ein Keil schiebt sich die norwegische Finnmark zwischen Finnland und Russland. Die Finnmark ist die größte, aber auch die am wenigsten besiedelte Provinz Norwegens, gut 300 Kilometer nördlich des Polarkreises.

Dichte Wälder überziehen hier die zerklüftete Fjordlandschaft, die gen Norden erst in kniehohe, dann in gerade einmal den Boden bedeckende Sträucher übergeht. Zentrum der Region ist das 3500 Einwohner große Kirkenes. 1862 errichtete man hier die erste Kirche, die dem Ort vermutlich seinen Namen gab. Er bedeutet so viel wie „Kirche auf der Landzunge“. In der einstigen Bergarbeiterstadt, die im Zweiten Weltkrieg von deutschen Truppen fast vollständig zerstört wurde, leben heute Menschen aus 40 Nationen.

Dank eines speziellen Abkommens können Russen und Norweger aus dem Grenzgebiet inzwischen unkompliziert ins Nachbarland reisen. Alle anderen brauchen ein Visum, unerlaubte Grenzübertritte sind streng verboten.

Auf dem Wasser, wo nur ein paar Bojen erahnen lassen, dass hier Europa auf Russland trifft, ist die Grenze kaum noch sichtbar. Dabei verläuft sie mehr als 100 Kilometer mitten durch den Pasvik. Am Ufer ragt ein alter russischer Wachturm aus den Bäumen. Mehr ist nicht zu sehen, während das offene Flussboot lautlos über den Fluss gleitet. Nadelwald im Osten, Nadelwald im Westen.

Das längliche Boot, das an eine Mischung aus Spreewaldkahn und Wikingerschiff erinnert, schlängelt sich an den Bojen entlang – die russische Seite darf man nur an besonderen Engstellen befahren -, vorbei an den Kraftwerksschloten des russischen Nikel. Der Fluss ist ruhig und klar, nur der Himmel wirkt bedrohlich düster, kalter Wind wechselt sich mit Regenschauern ab. Die Nähe zum Osten, die Wildnis, die Einsamkeit, sie zieht spezielle Typen an. Typen wie Dirk Heidschwager aus Braunschweig. Der 53-Jährige lebt seit 2009 in Kirkenes, in einem Haus direkt am Fjord. Er ist ehemaliger Fallschirmjäger und war Sprengmeister im mittlerweile geschlossenen Bergwerk von Kirkenes. Die Abenteuerlust trieb den Mann, der Deutsch, Englisch, Norwegisch und Russisch spricht, hierher. „Es ist das Ende der westlichen, aber auch der Beginn der östlichen Welt“, erklärt Dirk, der jetzt in Kirkenes auf Krabbenfang geht. „King Crab Safari Captain“ prangt in großen Lettern auf seinem T-Shirt.

Eingepackt in dicke Overalls geht es runter ans Wasser, wo das Boot ankert. Zwischen den riesigen Trawlern, die im Hafen liegen, wirkt es geradezu winzig klein. Schnell ist es trotzdem. Mit 300 PS düst das Boot über den Bökfjord, der mit der Barentssee verbunden ist. Rund 30 Seemeilen, 50 Kilometer von Kirkenes entfernt. Doch so weit soll diese Fahrt gar nicht gehen. Dirk stoppt an einer kleinen Boje. Mit geübten Handgriffen holt er, an einem langen Seil baumelnd, einen Korb aus 39 Meter Tiefe. Darin: unzählige Krabben. Königskrabben.

Exporte in die ganze Welt

Die Männchen wirft Dirk in einen schwarzen Trog, die Weibchen aber zurück ins Meer. Sie stehen unter Schutz, ihr Fang ist streng reglementiert, schließlich lebt man östlich des Nordkaps vom Krabbenfang. „Wir fischen nur das, was wir brauchen“, sagt Dirk. Krabben gelten als Delikatesse. „Wir exportieren sie in die ganze Welt: gefroren, lebend, gekocht“, erklärt Dirk. Ihren Ursprung hat die Königskrabbe im russischen Kamtschatka. 1956 brachte man 10 000 rote Kamtschatka-Krabben per Eisenbahn in den Nordwesten Russlands, als zusätzliche Nahrungsquelle. Die Krabbe verbreitete sich rasend schnell über die Grenze bis nach Norwegen. Dort galt sie lange als Plage. „Wo die Königskrabbe war, ist der Boden rasiert, da steht nicht mehr viel“, sagt Dirk. Denn ihre einzigen Feinde sind Steinbeißer und Seewolf. „Und ich“, fügt Dirk lachend hinzu.

Ihren adeligen Namen verdankt die Krabbe Fischern, die die Krabben einst knackten. Blau schimmerndes Wasser rann aus den Tieren - blaues Blut, wie es nur Könige haben, war man sich sicher.