Reise

Krokodil fürs Babyglück

Archivartikel

Gambia als kleinstes Land des afrikanischen Kontinents hat neben seiner dunklen Vergangenheit als Sklaven-Umschlagplatz herrliche Sandstrände, artenreiche Mangrovenwälder und sagenhaftes Heilwasser.

Auf einer sandigen Dorfstraße am Ortsrand von Bakau geht es zum heiligen Krokodilteich von Kachikally. Hellgrün schimmert das Gewässer, beschattet von mächtigen Bäumen, in dem die grauen Panzerechsen zu Dutzenden dümpeln. Große und kleinere Tiere sind dicht beieinander wie eine verschworene Gemeinschaft. Am Ufer und auf den Wegen rund um den Teich ruhen einzelne Krokodile, umringt von Menschen, die blitzschnell attackiert werden könnten. Doch keines der Reptilien beißt zu, sie lassen sich sogar berühren. Vielleicht liegt es daran, dass sie niemals jagen mussten. Zweimal täglich werden sie von der Familie Bojang, die seit Generationen für Schutz und Pflege der Tiere sorgt, mit 250 Kilo frischem Fisch gefüttert.

Der Legende nach erschien dem Urahn Ncooping Bojang vor langer Zeit der gute Geist Kachikally in Gestalt einer Frau. Sie führte ihn zu einer Quelle mit Heil bringendem Wasser gegen allerlei Krankheiten und Unfruchtbarkeit. Kachikally befahl ihm, die Quelle zugänglich zu machen und sich zeitlebens darum zu kümmern. Dafür solle eine Gabe in dem Teich verbleiben und geschützt werden. Unsicher, was gemeint sein könnte, schickte Ncooping seine Söhne zum Fischen. Sie kamen mit zwei jungen Krokodilen zurück. Diese brachte Ncooping zu Kachikally, die damit zufrieden war.

Die Heilwirkung des Gewässers zieht bis heute Pilger aus ganz Gambia an. Es kommen Kranke, die Heilung suchen, und Frauen, die sich ein Kind wünschen. Letztere werden von alten Frauen aus der Familie Bojang in heiligen Waschungen mit dem Teichwasser behandelt. Wenn ihr Wunsch in Erfüllung geht, kommen sie mit dem Baby zur Kultstätte zurück, erbitten ein langes Leben für ihr Kind und bringen zum Dank ein halbes Kilo Kolanüsse mit.

Vom dörflichen Kachikally sind es rund zwölf Kilometer bis Banjul. Es ist die Hauptstadt von Gambia, dem kleinsten Land auf dem afrikanischen Kontinent, nicht einmal so groß wie Schleswig-Holstein. Banjul liegt an der Mündung des Gambia-Flusses in den Atlantik und wird von drei Seiten durch Wasser, im Westen durch Mangrovensümpfe begrenzt. Wer am Fluss ein Passagierschiff besteigen möchte, muss über die 210 Meter lange Denton Bridge zu einer kleinen Anlegestelle spazieren. Bunt bemalte Fischerboote, rostige Kähne und eine betagte Fähre ankern am Rande des grünlich-braunen Gewässers, weiter draußen dümpelt eine halb versunkene Barkasse.

An Bord des Dampfers „Sun Shine“ geht es hinaus auf See. Bald ist nichts mehr zu sehen außer Wasser bis zum Horizont, als wäre der Gambia-Fluss ein Meer. Während der dreistündigen Flussfahrt durch das weite Mündungsgebiet begegnet den Passagieren nur ein Kanu. Es gibt auf dem Fluss seit 35 Jahren keine Linienschifffahrt mehr, aber man kann Touren buchen. Eine führt zu einer kleinen Insel mitten im Strom: der Sklaveninsel, die heute Kunta Kinteh Island heißt, nach dem Protagonisten der 1976 erschienenen berühmten Familiensaga „Roots“ von Alex Haley über das Schicksal seiner Vorfahren.

Das unbewohnte Eiland war einst ein Ort unvorstellbarer Grausamkeit. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurden dort Abertausende Afrikaner eingekerkert, wechselnd im Auftrag Englands und Frankreichs von Menschenhändlern gejagt und überwältigt wie jener junge Kunta Kinte. „Die gefesselten Opfer blieben zwei Wochen hier, bevor sie weiterverschifft wurden“, sagt Guide Lamin Travally. Auf dem Weg nach Amerika starb jeder dritte Gefangene. Die vergitterten Kellerverliese der Sklaven und ein paar verrostete Kanonen erinnern an die Kriege der damaligen Großmächte um die Festung und den lukrativen Sklavenhandel, der in Gambia fast 200 Jahre dauerte.

Seit 2003 gehört die Insel zum Unesco-Weltkulturerbe, ebenso wie das gegenüberliegende Dorf Albreda, einst großes Sklaven-Sammellager. Am Ufer begrüßt das Freiheitsdenkmal – ein Mann mit zerbrochenen Ketten – Besucher. Ein Stück weiter liegt das Dorf Juffure, der Geburtsort von Kunta Kinte. Frühmorgens im Jahre 1767 wollte der 17-Jährige im Wald Holz für den Rahmen seiner Trommel schneiden, als er überwältigt und in die Sklaverei entführt wurde, die bis an sein Lebensende dauerte.

Jenseits des Flusses und der tragischen Historie bezaubern Gambias herrliche Sandstrände, die sich 70 Kilometer am Atlantik entlangziehen. Wer Lust auf Abkühlung hat, kann eine Kajak-Tour auf einem von Mangroven gesäumten Nebenarm des Gambia-Flusses unternehmen und viele exotische Vögel beobachten. Von der Bootslandestelle ist es nur ein Katzensprung zum alten Fischmarkt mit seiner überwältigenden Farbenpracht. Hier bieten Frauen in leuchtend bunten Kleidern am Boden hockend selbst gezogenes Gemüse. Durch die engen Gänge drängt sich ein unaufhörlicher Strom von Gambiern, viele mit Eimern und Schüsseln auf dem Kopf. Am Strand ist das Revier der Fischhändler. In Schubkarren, Kisten und riesigen Bottichen wird frischer Fisch verkauft. Und darüber kreisen kreischend Möwen.